Folge 428
28. November 1999
Sender: BR
Regie: Niki Stein
Drehbuch: Harald Göckeritz
So war der Tatort:
Tragikomisch.
Denn die 428. Tatort-Folge gleicht – schon der klassisch-einfache Episodentitel deutet es an – einer griechischen Tragödie: Inspiriert von tragischen Heldenfiguren wie Antigone oder Ödipus setzt Drehbuchautor Harald Göckeritz (Gute Freunde) in seiner Story auf moralische Konflikte, folgenschwere Fehlentscheidungen und die Unausweichlichkeit des Schicksals – und zugleich auf eine Hauptfigur, die so gar nichts Heroisches an sich hat.
Der Mord an der Schwimmerin Sandra Burgstaller (Angela Sandritter, Bauernopfer), die nachts vom Training heimradelt und am nächsten Morgen in blauen Dessous tot aufgefunden wird, ist der Auftakt zu einer Reihe irrwitziger Verkettungen, in deren Zentrum der titelgebende Norbert Heckel (Jürgen Tarrach, Ein Tag wie jeder andere) steht. Der ebenso einsame wie tapsig-liebenswerte Loser bunkert Pornoheftchen unterm Bett und verirrt sich ab und zu in ein Table-Dance-Lokal oder in den Park, wo er anderen mit Popcorn in der Hand und voller Bewunderung beim Rollschuhfahren zusieht. Und er gerät in Erklärungsnot, als er am Tatort auf die Münchner Hauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) trifft, für die der überfordert-unsichere Norbert schnell zum Hauptverdächtigen avanciert.
Das plötzliche Interesse an seiner Person ist für Heckel ungewohnt, erfährt er doch sonst nur Ablehnung: Von seinem sadistisch-senilen, überwiegend ans Bett gefesselten Vater (Peter Fitz, Geld oder Leben), der seine Wohnung mit ihm teilt und ihn pausenlos niedermacht. Von der Bedienung Lisa (Sandra Steffl, Tödliche Freundschaft), in die er verliebt ist, die seine Gefühle aber nicht erwidert. Und auch von seinen Kollegen, die sich über ihn lustig machen: Sebastian Bezzel, von 2004 bis 2016 als Hauptkommissar Kai Perlmann im Tatort aus Konstanz zu sehen, mimt hier einen eben solchen Bei seinem bemerkenswerten Kurzauftritt sorgt er in Norbert für etwas, was ihm in seiner späteren Rolle am Bodensee selten vergönnt ist: eine zündende Pointe.
Was vordergründig vor Klischees nur so trieft, entpuppt sich – nicht zuletzt wegen des groß aufspielenden Jürgen Tarrach, der für seine tolle Performance den Deutschen Fernsehpreis 2000 erhielt – als zunehmend spannender und ernstzunehmender Charakter. Norbert Heckel macht alles falsch, ohne es je böse zu meinen. Tatsächlich gesteht er sogar den Mord, nur um den wohlwollend-überheblichen Leitmayr nicht zu enttäuschen. Er ist eine dieser legendären Figuren, wie sie die Batic-Leitmayr-Ära noch zahlreich hervorbringt: Man denke nur an den tatterigen Bernhard „Opa“ Sirsch (Fred Stillkrauth) im Meilenstein Der oide Depp, den übermotivierten Frischluftfanatiker Gisbert Engelhardt (Fabian Hinrichs) in Der tiefe Schlaf oder den aufbrausenden Dackelfreund Hackl (Burghart Klaußner) im nach ihm betitelten Fall.
Und die Figur funktioniert auch deshalb so fabelhaft, weil die Rahmenhandlung generell erfrischend humorvoll ist, was sich nicht allein auf die treffsicheren Dialoge zwischen Batic, Leitmayr und dem bis zur Karikatur überzeichneten Journalisten Carsten Geyer (Gerald Alexander Held, Große Liebe) beschränkt. Mit seinem Auftreten als sensationslüsterner Schmierfink, dem sich der Fotograf Tom Diwald (Michael Maertens) aufdrängt, führt er ein ungeschriebenes Gesetz der Krimireihe fort und sichert sich zugleich einen Platz in den Top Ten der hässlichsten, jemals im Tatort getragenen Krawatten.
Der parallel erzählte Handlungsstrang um Assistent Carlo Menzinger (Michael Fitz) und eine suspekte Geldanlage, die natürlich schiefgeht, sorgt ebenfalls für Schmunzeln: Die köstliche Slapstick-Szene, in der Menzinger Batic im Zorn einen Pappteller mit Senf ins Gesicht klatscht, steht dabei exemplarisch für die wohldosierte Komik, die den Film nie in den Klamauk abrutschen lässt. Einzig mit Blick auf den dümmlichen Azubi (Michael A. Grimm, Kleine Herzen), der im Büro ständig übersehen wird und bei einer Observation in einer Table-Dance-Bar zu tief in die Sektflasche schaut, schießen die Filmemacher übers Ziel hinaus.
Mit dem Auffinden der obligatorischen zweiten Leiche nach 45 Minuten bewegt sich die Whodunit-Konstruktion in eine neue Richtung – und als sich der geläuterte Leitmayr Heckels freundschaftlichem Frontalangriff ausgesetzt sieht, offenbart sich die eigentümliche Qualität des Films. Noch während wir über den naiven Norbert lachen, beschleicht uns eine böse Vorahnung, dass es kein gutes Ende mit ihm nehmen wird. Regisseur Niki Stein (Bildersturm) arbeitet aber nicht auf den einen, großen Knalleffekt hin: Schleichend bahnt sich die Katastrophe ihren Weg bis zum bitteren, wenn auch früh absehbaren Schlussakkord.
Auch Nostalgiker kommen in der 50. Jubiläumsfolge des BR auf ihre Kosten: Aus dem Fernseher in Heckels Wohnung ertönt die unverwechselbare Tonspur der Kultserie Meister Eder und sein Pumuckl, was als Hommage an Gustl Bayrhammer zu verstehen ist, der von 1972 bis 1981 den ersten Münchner Tatort-Kommissar Melchior Veigl spielte. Ein Einfall, ebenso originell wie der gesamte Film, der zwar als Krimi nur bedingt funktioniert, als tragikomische Charakterstudie dafür erstaunlich gut.
Bewertung: 7/10


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