Bild: WDR/Michael Böhme

Kindstod

Folge 472

17. Juni 2001

Sender: WDR

Regie: Claudia Garde

Drehbuch: Edgar von Cossart, Irene Martin

So war der Tatort:

Schmerzlich.

Schon nach wenigen Minuten rast Hauptkommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) mit Blaulicht durch Köln, um seinen Kumpel und Kollegen Max Ballauf (Klaus J. Behrendt), der unter höllischen Schmerzen in der Bauchgegend leidet, ins Krankenhaus zu bringen: Ballauf wurde nicht etwa im Dienst verletzt, sondern hat eine akute Blinddarmentzündung. In der heillos überfüllten, vorweihnachtlichen Notaufnahme trifft er auf gestresstes, überfordertes Personal – und wird auf das Mädchen Natalie (Anna-Sophie Claus) aufmerksam, das in der Klinik abgegeben wurde und dessen Körper von Hämatomen übersät ist.

Die Drehbuchautoren Edgar von Cossart, der zwei Jahre zuvor die Geschichte zum bedrückenden Kölner Tatort Kinder der Gewalt lieferte, und die unter dem Pseudonym „Irene Martin“ geführte Produzentin Sonja Goslicki geben in ihrem Skript schon früh den erzählerischen Grundton der 472. Tatort-Folge vor. Und der klingt vertraut: Am Rhein wird bis heute oft in gesellschaftliche Abgründe geblickt und selten mit Sozialkritik gespart. Dabei stehen häufig Kinder aus zerrütteten Familien im Mittelpunkt – man denke nur an spätere Folgen wie Durchgedreht oder das bedrückende Scheidungsdrama Niemals ohne mich.

Auch Kindstod – der beklemmende Episodentitel deutet es an – entwickelt sich zu einem Drama. Pro forma wird in den Anfangsminuten noch eine unbekannte Wasserleiche aus dem Rhein gezogen, an der sich Schenk und Pathologe Dr. Roth (Joe Bausch) abarbeiten. Die Leiche führt – Schenks Vergangenheit in einem Ruderclub sei Dank – zu einem Campingplatz und von dort auf die Spur des Häftlings Axel Wuttke (Thomas Lawinky, Zorn), der sich mit dem gewaltbereiten Horst Tarkowsky (Robert Viktor Minich, Im Namen des Vaters) auf Freigang befindet. Dass die Erzählstränge wenig überraschend zusammenhängen, ist nicht die einzige Parallele zum ähnlich gelagerten Frankfurter Tatort-Meilenstein Unter uns von 2007; in Köln werden sie sechs Jahre zuvor aber recht konventionell und vorhersehbar miteinander verwoben.

Die Filmschaffenden um Regisseurin Claudia Garde (Borowski und das Mädchen im Moor), die ihr Debüt für die Krimireihe gibt, setzen auf Emotionen, tragen dabei aber – typisch für den Tatort aus Köln – sehr dick auf und treffen nicht immer den richtigen Ton. Wenn Ballauf etwa nach der OP versucht, das Vertrauen der eingangs erwähnten Natalie zu gewinnen, gibt er dabei keine gute Figur ab: Sich als erwachsener Mann ohne Absprache mit dem Klinikpersonal ans Bett eines fremden Mädchens zu setzen und ihm sogar Geschenke zu machen, mutet nicht nur aus heutiger Sicht sehr befremdlich an. Die Anweisungen der strengen Ärztin Dr. Hildebrandt (Ute Lubosch, Krumme Hunde), die Ballauf den Umgang mit der Kleinen verbieten will, ignoriert der eigensinnige Kommissar.

Auch der zweifache Familienvater Schenk, der sich diesmal nicht nur gegenüber Assistentin Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt) ungewohnt eklig gibt, lässt reichlich antiquierte Erziehungsvorstellungen durchklingen und beweist beim Anblick seines beschmierten Wagens, dass ihm – genau wie zwei Jahre später in Schattenlos – im Umgang mit Kindern mitunter das nötige Fingerspitzengefühl fehlt.


BALLAUF:
Reg dich doch nicht so auf, das waren ein paar Kinder.

SCHENK:
Na und? Schlag in den Nacken und Tritt in den Arsch. Ist die einzige Sprache, die die verstehen.

BALLAUF:
Würdest du das wirklich machen?

SCHENK:
Na klar… Natürlich nicht.

Immer wieder nehmen solche reflexiven Dialoge wertvolle Kamerazeit in Anspruch. Auch das kennen wir aus Köln zur Genüge, allerdings wäre hier weniger ebenfalls mehr gewesen: Wenn Ballauf und Schenk auf einer Müllkippe eine Babytasche suchen und dabei über die Vermüllung der Welt philosophieren, ist das zwar eine ungewollte Anspielung auf den Kölner Tatort Müll von 2008 und aller Ehren wert, wirkt im Kontext dieses Kriminalfalls aber unpassend. Zumal die Tiefe an anderer Stelle fehlt: Der gut vorbereitete Twist nach einer Stunde entfaltet seine volle Wirkung auch deshalb nicht, weil wir der kleinen Natalie, genau wie Ballauf, nie wirklich nahe kommen, so sehr uns ihr Schicksal auch berühren mag.  

Seine stärksten Momente hat der Film im zweiten Teil, wenn Natalies ebenso verantwortungslose wie sich selbst bemitleidende Mutter Gaby (gewohnt stark: Anna Thalbach, Dornröschens Rache) die Bildfläche betritt. Die Szenen, in denen sie sich den Kommissaren und ihrer Mutter Renate (Tina Engel, Der hundertste Affe) gegenüber rechtfertigt, gehen unter die Haut und machen gleichzeitig wütend. Für ihre eindringliche Darstellung erhielt Thalbach 2001 den Deutschen Fernsehpreis. Neben ihr glänzt die junge Anna-Sophie Claus, bekannt aus einer ebenfalls vom WDR produzierten Serie: Wer genau hinhört, vernimmt aus der Wohnung der neugierigen Klischee-Nachbarin (Dagmar Sachse, Schürfwunden) die Titelmelodie der Lindenstraße. Ein nettes Bonmot.

Trotzdem steht unterm Strich ein Tatort, der sein Potenzial bei weitem nicht ausschöpft und trotz seiner vielversprechenden Ausgangslage im grauen Mittelmaß hängen bleibt. Sinnbildlich dafür steht auch das bemüht dramatische Finish, inklusive einer äußerst kitschigen Schlusspointe. Schade und irgendwie schmerzlich.


SCHENK:
Komm, gib mir das Messer her. Ist doch vorbei. Ist doch bald Weihnachten.

Bewertung: 5/10


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