WDR/Thomas Kost

Das zweite Gesicht

Folge: 646 | 12. November 2006 | Sender: WDR | Regie: Tim Trageser

Bild: WDR/Kost

So war der Tatort:

Tiefgefroren. 

In Münster herrschen in diesem Tatort nämlich zweistellige Minusgrade, die den fröstelnden Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) besonders hart treffen: Im Hause Boerne, bekanntlich nicht nur Thiels Kollege, sondern zugleich Vermieter, ist die Heizung ausgefallen. 
Zu schaffen macht das vor allem Thiel, der sich bibbernd in dicke Decken hüllt, in jeder freien Minute seine Hände an Warmwasserrohren wärmt und dem deutlich relaxteren Boerne am Ende gar eine Gnadenfrist stellt, um die Heizung wieder ans Laufen zu kriegen – ansonsten würde er einfach Boernes Parkettfußboden verheizen. 
Regisseur Tim Trageser (Der Traum von der Au) verfilmt bei seinem Tatort-Debüt ein klassisch angelegtes, humorvolles Drehbuch aus der Feder von Matthias Seelig und Claudia Falk, die ebenfalls zum ersten Mal für den WDR am Ruder sitzen und für Höllenfahrt noch ein weiteres Mal mit dem Regisseur zusammenarbeiten. 
Wie immer spielt dabei der eigentliche Kriminalfall um einen steifgefrorenen, toten Obdachlosen, um den sich diesmal vor allem Assistentin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) kümmern darf, nur eine untergeordnete Rolle. Doch nicht nur angesichts der arktischen Temperaturen fällt es diesmal auffällig schwer, mit der Geschichte warm zu werden: Das zweite Gesicht ist einer der einfallsärmeren und daher schwächeren Fälle aus Westfalen.

Irgendwie kommt einfach keine rechte Stimmung auf: Die teuren Börsenaktivitäten Boernes, die Thiel mit ein paar unvorsichtigen Mausklicks kolossal sabotiert, wirken albern und unglaubwürdig, viele Dialoge klingen seltsam gekünstelt und das Temperaturproblem in Thiels Wohnung wird als Running Gag spätestens in dem Moment überstrapaziert, in dem Boerne einen antiken Heizlüfter hervorholt, den Thiel schon eine gefühlte Stunde früher in einem Antiquitätenladen entdeckt hat. Auch die Frotzeleien mit Silke „Alberich“ Haller (Christine Urspruch) sind im 646. Tatort ungewohnt bemüht – das hat das Publikum schon deutlich authentischer erlebt. 

Das mag sich schlechter lesen, als es am Ende ausfällt, denn natürlich liefert auch Das zweite Gesicht über weite Strecken ordentliche Unterhaltung – doch jeder Tatort aus Münster muss sich eben an herausragenden Folgen wie Der dunkle Fleck oder Der doppelte Lott messen lassen. 
Und eine brüllend komische Sequenz hält die Krimikomödie dann doch noch bereit: Thiel („Vaddern, du tropfst!“) ertappt seinen Erzeuger (Claus Dieter Clausnitzer) halbnackt im Haus der bademanteltragenden Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Grossmann, „Wir sind hier alle erwachsen.“) – einfach köstlich. Und zugleich deutlich überraschender als die Tatsache, dass in Das zweite Gesicht mal wieder eine/r sehr prominente/r Nebendarsteller/in für die Rolle des Mörders/der Mörderin gecastet wurde, was die Auflösung für das tatorterfahrene Publikum zur Formsache macht.

Bewertung: 5/10


Kommentare

Eine Antwort zu „Das zweite Gesicht“

  1. 5 von 10 sind hier deutlich zu wenig. Aus meiner Sicht wären 8-9 angemessen. Ich mag generell die düsteren Tatorte (Beispiel auch: Der Hammer). Die Geschichte ist interessant, wenn auch vielleicht etwas sehr weit hergeholt, aber absolut interessant und unterhaltsam.

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