Folge 1322
28. Dezember 2025
Sender: HR
Regie: Dietrich Brüggemann
Drehbuch: Dietrich Brüggemann
So war der Tatort:
Introspektiv.
Beim 14. Einsatz des Wiesbadener LKA-Kommissars Felix Murot (Ulrich Tukur) und seiner Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp) entführt uns der für seine Experimentierfreude bekannte Hessische Rundfunk nämlich ein weiteres Mal in eine bis dato im Tatort noch weitestgehend unerforschte Welt: ins Unterbewusstsein von Koma-Patienten. Für innovationsscheue Tatort-Puristen dürfte dieser übernatürliche Ausflug einmal mehr ein Anlass sein, sich zu echauffieren und frühzeitig abzuschalten – und selbst Ulrich Tukur bezeichnete den Film bei seiner Vorpremiere auf dem Festival des deutschen Films als „Zumutung“, den man den Verantwortlichen „um die Ohren hauen werde“. Für Schlagzeilen sorgte Murot und der Elefant im Raum aber schon beim Dreh.
Und das lag weniger daran, dass mit Regisseur und Drehbuchautor Dietrich Brüggemann (Stau) ein Mann am Ruder sitzt, der während der Corona-Pandemie als Initiator der peinlichen #allesdichtmachen-Aktion, an der sich auch Ulrich Tukur beteiligte, für reichlich Empörung sorgte: Neben Musiker Heinz-Rudolf Kunze, der im Film den LKA-Präsidenten mimt, schlüpfte auch Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz, der für die Neue-Deutsche-Härte-Band Rammstein gemeinsam mit Skandalsänger Till Lindemann auf der Bühne steht, in die Rolle eines Arztes. Die ebenfalls angefragte Musikerin Christiane Rösinger sagte ihr Engagement für den Film daraufhin wieder ab – wer könnte ihr das verdenken.
Ein ähnlich großer Aufreger ist Brüggemanns Film, denn nach einer recht konventionellen ersten halben Stunde ohne die obligatorische Auftaktleiche wird es zunehmend grotesk und kurios: Murot geht dank eines Neuro-Feedback-Apparats in seiner eigenen Psyche (!) spazieren. Dort erlebt er stets dieselbe Vision, in der er rennen und Gepäck hinter sich herziehen muss. Beim Kriminalfall kommt ihm dieser Apparat zugute: Nach einem verlorenen Sorgerechtstreit entführt eine Mutter ihren fünfjährigen Sohn und taucht in einer Waldhütte im Taunus mit ihm unter. Weil sie sein Lieblingsessen vergisst, muss sie zu einem Supermarkt in Usingen und baut nach einer Verfolgungsjagd mit der Polizei einen Verkehrsunfall. Die Mutter fällt ins Koma, während ihr Kind in der Hütte vergeblich auf sie wartet – und Murot versucht, mithilfe der Maschine ins Bewusstsein der Frau einzudringen, um den vermissten Jungen zu finden.
Liest sich verrückt und ist es natürlich auch – ähnliche Psycho-und-Traum-Spielchen kennen wir bereits aus dem grandiosen Film-im-Film-Krimi Wer bin ich?, aus Brüggemanns fantastischem Zeitschleifen-Tatort Murot und das Murmeltier und aus dem wilden Experimentalkrimi Murot und das Paradies, der die Zuschauenden reihenweise auf die Palme brachte. Murot und der Elefant im Raum ist der nächste Frontalangriff auf die Sehgewohnheiten des Publikums: Was für die eine Fraktion große Filmkunst ist, ist für die andere ein Grund für den sofortigen Wechsel zu Netflix. Unabhängig von seiner Handlung ist aber auch der 1322. Tatort gespickt mit kluger Selbstironie und feinem Dialogwitz – etwa dann, wenn Staatsanwalt Froese (Wolf Danny Homann) im Präsidium hinterfragt, warum man auf die Verzweiflungstat der Mutter so schlecht vorbereitet war.
Brüggemann versammelt für seine kalkulierte, von The Cell inspirierte Provokation fast ausnahmslos Schauspielende in seinem Ensemble, auf die er schon bei zahlreichen anderen seiner Filme setzte, etwa in seinem entlarvenden Stuttgart-Tatort Das ist unser Haus: seine eigene Schwester Anna Brüggemann mimt eine Familienrechtsanwältin, Robert Gwisdek Murots Psychiater, Nadine Dubois die flüchtige Mutter Eva Hütter, Tom Lass und Monika Wojtyllo zwei Polizisten und Joseph Bundschuh den angemessen besorgten Vater des Kindes. Der HR gewährt dem Regisseur und Drehbuchautor, der auch für die Pressefotos und die Musik zum Film verantwortlich zeichnet, maximalen Gestaltungsspielraum. Das ist mutig, doch geht die Rechnung diesmal nicht vollständig auf: Murot und der Elefant im Raum ist eindeutig Brüggemanns schwächster Tatort.
Neben der assoziativ-absurden, mit der Zeit immer willkürlicheren Sci-Fi-Märchen-Story und der (erwartungsgemäß) flachen Spannungskurve, die in den Krimis aus Hessen ohnehin hintenansteht, liegt das auch daran, dass der Film im Vergleich zu visuell herausragenden Murot-Krimis wie Das Dorf oder dem bereits erwähnten Murot und das Paradies optisch enttäuscht: Einige stilsicher inszenierte Horror-Momente, in denen sich der LKA-Kommissar und die komatöse Eva Hütter durch eine Art Gruselkabinett tasten, täuschen kaum darüber hinweg, dass etwa die Odyssee durchs beschauliche Weilmünster pure Amateurfilm-Atmosphäre versprüht. Da stehen Dorfbewohner mit Saxophonen oder Gießkannen Spalier, während der Kommissar verzweifelt das Kind sucht: irritierend, erfrischend und schräg, aber auch ganz schön trashig.
Dennoch ist der zwangsläufig polarisierende Experimentalkrimi sehr sehenswert, und das nicht nur, um mitreden zu können: Die neckisch-bissigen Gespräche zwischen Murot und Wächter im Dienstwagen etwa zählen zu den besten Dialogen, die es im Wiesbaden-Tatort je zu hören gab. Das Drehbuch gestattet Wächter generell so viel Bühne wie selten: Während Murot sich im Unterbewusstsein austobt und in dieser surrealen Parallelwelt von einer kuriosen Begegnung in die nächste stolpert, geht seine Kollegin der klassischen Ermittlungsarbeit nach. Als Gegenpol zu Murot erdet sie den wahnwitzigen Fiebertraum-Krimi so ein Stück weit in der Realität und schließt sich erst beim zu albern geratenen Finale selbst an den Neuro-Apparat an. Nicht nur hier wäre weniger mehr gewesen – und ansonsten zieht Murot sein Fazit zum Krimi diesmal einfach selbst.
Bewertung: 5/10
Drehspiegel: Auch der nächste Tukur-Tatort wird wild
Ausblick: Mit diesen Krimis startet das neue Jahr
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