Bild: SWR/Schweigert

Bienzle und der Tag der Rache

Folge 494

10. März 2002

Sender: SWR

Regie: Konrad Sabrautzky

Drehbuch: Felix Huby

So war der Tatort:

Häuslich-hausmütterlich.

Große Teile des fünfzehnten Falls für den Stuttgarter LKA-Kommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck) spielen nämlich in dessen eigenem Wohnhaus und Hinterhof, in dem die privaten und beruflichen Handlungsfäden zusammenlaufen: Stammautor Felix Huby (Bienzle und das Doppelspiel), der zum dreizehnten Mal ein Skript für einen Bienzle-Krimi beisteuert, verknüpft den Feierabend des schwäbischen Kriminalisten direkt mit dem zu lösenden Mordfall. Das bringt unter Regie von Konrad Sabrautzky (Programmiert auf Mord) manchen Vorteil, aber auch erhebliche Nachteile – und so entpuppt sich der phasenweise kammerspielartig anmutende Bienzle und der Tag der Rache unterm Strich als mittelprächtiger Krimi mit Licht und Schatten.

Einleitend gibt es für Bienzle Grund zur Freude: Seine Wieder-Lebensgefährtin Hannelore Schmiedinger (Rita Russek), die sich in Bienzle und der tiefe Sturz in ein Liebesabenteuer mit Rechtsmediziner Dr. Bernhard Kocher (Klaus Spürkel) stürzte und aus der gemeinsamen Wohnung auszog, hat sich endlich dazu entschlossen, wieder beim seit Jahren verzweifelt um ihre Rückkehr bettelnden Bienzle einzuziehen und auch ihr Arbeitsatelier dort einzurichten. Der guten Nachricht folgen sogleich zwei schlechte: Bienzles betagte Patentante Gerlinde (Heidy Forster, Aida), ein urschwäbisches Hausmütterchen vom alten Schlag, quartiert sich ebenfalls bei ihm ein, weil sie für einige Wochen die Handwerker im Haus hat.

Und ausgerechnet im Hinterhof des Mehrparteienhauses von Vermieter Rominger (zum vierten Mal mit von der Partie: Walter Schultheiß), der dort ja ebenfalls seine Wohnung hat, wird eine Leiche gefunden: Der jähzornige Motorrad-Rennfahrer Mike Kuron (Dirk Martens, Liebeswut) wurde mit einem Eisenwerkzeug erschlagen und liegt nun tot in seiner Werkstatt. Keine Geringere als Gerlinde findet ihn direkt bei ihrer nächtlichen Ankunft, teilt Bienzle das zwischen Tür und Angel aber mit bemerkenswerter Beiläufigkeit mit, bevor sie sich in seine Angelegenheiten einmischt und auch Hannelore den letzten Nerv raubt: Wer den Krieg und die entbehrungsreichen Nachkriegsjahre überstanden hat, ist so leicht offenbar nicht mehr aus der Ruhe zu bringen.

Tatverdächtig sind neben Mike Kurons Frau Susanne (grandios: Jennifer Nitsch) auch sein frisch aus dem Knast entlassener Bruder Christian (Sven Martinek, Undercover Camping), sein Schwiegervater Kurt Wetzel (Wolff Lindner, Kindstod) und sein von Brandverletzungen buchstäblich gebrandmarkter Rennsport-Rivale Merdinger, (kaum wiederzuerkennen: Thomas Balou Martin, von 2002 bis 2010 als Staatsanwalt Dr. Scheer im Tatort aus Frankfurt zu sehen), auf den Christian und der ungeschoren davon gekommene Mike einst einen Brandanschlag verübten: Vier Verdächtige mit klarem Mordmotiv, die mit Ausnahme von Merdinger auch alle unter einem Dach zu finden sind – einen klassischeren Whodunit kann man kaum konzipieren.

Einen weniger konstruierten allerdings schon: Es ist natürlich praktisch (und schont die Produktionskosten), dass die tatverdächtigen Kurons und Wetzel in Bienzles unmittelbarer Nachbarschaft hausen – führt aber gleichzeitig dazu, dass Bienzle diesmal selten auf dem Präsidium anzutreffen ist und sein Kollege Günter Gächter (Rüdiger Wandel), seit dem ersten Tatort Bienzle und der Biedermann fest an seiner Seite, diesmal mit wenig Kamerazeit gesegnet ist. Den witzigsten Dialog des Films verbucht er trotzdem für sich, als er auf dem Revier dem ebenfalls zum erweiterten Täterkreis zählenden Rominger süffisant die Fingerabdrücke abnimmt.


ROMINGER:
Der Herr Bienzle, erst war er allein in der Wohnung. Und jetzt wohnt er zugleich mit zwei Frauen dort.

GÄCHTER:
Aha?

ROMINGER:
Wer die zweite ist, konnte ich leider nicht feststellen. Aber Nebenkosten zahlt er weder für die eine, noch für die andere, das ist mal sicher.

GÄCHTER:
Zwei Frauen? Der Bienzle.

ROMINGER:
Ich halt Sie auf dem Laufenden, wenn Sie das wollen.

GÄCHTER:
Gerne. Aber erstmal brauche ich Ihren rechten Daumen.

Ein Stück weit steht das heitere Gespräch exemplarisch für den Einfluss, den die besserwisserisch-übergriffige Gerlinde auf den meist im häuslichen Mikrokosmos spielenden Film nimmt: Quartiert sich mit einer frechen Selbstverständlichkeit ein und mault dann pausenlos an Bienzle und vor allem an Hannelore herum, deren künstlerische Arbeit sie versehentlich sabotiert – kein Wunder also, dass das wieder vereinte Paar heilfroh ist, als die nervtötende, irgendwie aber auch liebenswerte Tante endlich wieder abreist. Den Erzählton verlagern diese Sequenzen immer wieder in seichte Tonlagen – und das will so gar nicht mit den hochemotionalen, bitterernsten und stellenweise dramatischen Passagen harmonieren, die sich in der Wohnung von Susanne Kuron abspielen.

Die nun alleinerziehende Mutter muss sich nicht nur der eindeutigen Avancen ihres Schwagers erwehren und das Trauma ihrer Tochter begleiten, sondern auch von ihrem Vater erfahren, dass der schwer krebskrank ist – das passen die albernen Gerlinde-Momente ein Stockwerk weiter oben schlecht ins erzählerische Gefüge. Episodenhauptdarstellerin Jennifer Nitsch, die drei Jahre später unter rätselhaften Umständen mit nur 37 Jahren verstirbt, bereitet das Drehbuch allerdings die Bühne für einen der besten Auftritte ihrer jäh zu Ende gehenden TV-Karriere: Ihre aufgewühlte, nicht zu beneidende Susanne Kuron ist menschlicher Dreh- und Angelpunkt des Films. Die stark gespielte, starke Frau verfolgt in der von Alphatieren geprägten Männerwelt ihre eigenen Ziele und weiß dabei allein ihren Vater auf ihrer Seite.

Dass dabei alle Beteiligten vor allem in der Auftaktviertelstunde dick auftragen und das Meiste in epischer Breite auserzählt wird, schmälert das Bild allerdings. Dafür hält der 494. Tatort seine Trümpfe mit Blick auf die Auflösung bis zum Schluss in der Hand: Alle verdächtigen Personen kommen bis zum Finale auf dem Hockenheimring für die Täterschaft infrage – knifflig auszurechnen, wer das tödliche Werkzeug wohl in der Hand hielt. Über die Rennsportszene erfahren wir in Bienzle und der Tag der Rache allerdings herzlich wenig; die Sequenzen auf der Rennstrecke bieten zwar eine spektakuläre Kulisse und den passenden Rahmen für das adrenalinschwangere Finale, ansonsten beschränkt sich das Drehbuch aber auf Allgemeinplätze, die uns praktisch nichts über Mechanismen und Strukturen dieses Ellbogen-Geschäfts verraten. Schade.

Bewertung: 5/10


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