Bild: Radio Bremen

Brandwunden

Folge 384

26. April 1998

Sender: Radio Bremen

Regie: Detlef Rönfeldt

Drehbuch: Thommie Bayer

So war der Tatort:

Brandgefährlich.

Und das ist durchaus wörtlich zu verstehen: Anders als in ihrem über weite Strecken überzeugenden Einstand Inflagranti, in dem sich die Filmschaffenden ausreichend Zeit nahmen, das berufliche und private Umfeld der neuen Bremer Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) zu skizzieren, bleibt bei ihrem zweiten Einsatz nur wenig Raum dafür. In Brandwunden ist die Ermittlerin von Beginn an gefordert, muss sie doch die Hintergründe eines mutmaßlich fremdenfeindlichen Brandanschlags klären, der einleitend zwei Todesopfer fordert.

Regisseur Detlef Rönfeldt, der drei Jahre später auch noch den Ritter-und-Stark-Erstling Berliner Bärchen inszeniert, verzichtet auf ein ausführliches Vorspiel und gibt zum Auftakt direkt den nüchternen Erzählton vor, der den Film auch in der Folge kennzeichnet. Die Hansestadt Bremen präsentiert sich grau, kühl und trostlos. Keine spektakulären Bilder, dafür eine beklemmende Geschichte: In den Anfangsminuten werden wir Zeugen, wie ein bewusst gelegtes Feuer das Haus des türkischstämmigen Kaufmanns Mehmet Kazim (Juraj Kukura, Armer Nanosh) zerstört. Kazim selbst befindet sich zwar mit seiner Familie im Urlaub, doch zwei Jugendliche, die in dem Haus geschlafen haben, kommen in den Flammen ums Leben.

Durch die Aussage des aufmerksamen Nachbarn Walter Kruse (Michael Mendl, Die Neue), der zur Tatzeit ein Auto vor dem Haus gesehen haben will, stoßen Lürsen und ihr diesmal mit etwas mehr Kamerazeit gesegneter Kollege Stefan Stoll (Rufus Beck) auf den Neonazi Erno Lassker (Sven Riemann), der mit blonder Kurzhaarfrisur, der 88 auf dem Nummernschild und NS-Devotionalien in seiner Wohnung auch wirklich jedes Klischee eines Vorzeige-Rechten erfüllt.


LÜRSEN:
Was sagen Sie denn zu den Sachen, die wir in ihrer Wohnung gefunden haben?

LASSKER:
Wieso? Ich darf doch ne Weltanschauung haben.

LÜRSEN:
Nicht die. Die ist strafbar.

Das brennende Wohnhaus einer türkischen Familie und Ermittlungen im rechtsextremen Milieu wecken zwangsläufig Erinnerungen an die rassistisch motivierten Anschläge von Mölln und Solingen, die Deutschland zur Zeit der später auch im Berliner Tatort Am Tag der wandernden Seelen beleuchteten Baseballschlägerjahre erschütterten. Auch wenn diese Taten im Film nie genannt werden, sind die Parallelen im Drehbuch von Thommie Bayer unübersehbar.

Bayer fasst damit ein buchstäblich heißes Eisen an, verzichtet bei der Figurenzeichnung aber weitestgehend auf plakative Schwarz-Weiß-Malerei: Keine Figur wird idealisiert oder verkommt zum eindimensionalen Schurken. Das gilt sogar für Lasskers Neonazi-Kumpel Martin Spengler (Christopher Zumbült) und Rainer Czech (Alexander Beyer, Krumme Hunde), die wahrlich keine Sympathieträger sind. Statt vorschnell eindeutige Schuldige zu präsentieren, widmet sich das Drehbuch ausführlich den Mechanismen gesellschaftlicher Vorverurteilung. Bemerkenswert. 

Genau an dieser Stelle offenbart der Film aber auch merkliche Schwächen: So wichtig das Thema und so erkennbar der gesellschaftspolitische Anspruch ist, funktioniert Brandwunden als Krimi nur bedingt. Denn gerade im Mittelteil verliert die Handlung spürbar an Tempo. Verhöre werden geführt und Verdachtsmomente ausführlich durchgespielt, ohne die Geschichte entscheidend voranzubringen. Auch das Kidnapping und die anschließende Misshandlung von Neonazi Daniel Viersen (Matthias Klimsa, Macht der Angst) durch Kazims Sohn Erkan (Ferhat Kaleli) erweist sich für die weitere Handlung als wenig gewinnbringend.

Die Beantwortung der Täterfrage ist für das halbwegs erfahrene Tatort-Publikum ebenfalls keine harte Nuss, da es neben den viel zu verdächtigen Neonazis kaum ernstzunehmende Verdächtige gibt und die Auflösung am Ende – im Tatort nicht selten zu beobachten – mal wieder über das bekannteste Gesicht im Cast führt.

Auch Lürsens persönliche Betroffenheit und ihre emotionale Involviertheit, die sich vor allem im Umgang mit dem Vater eines der beiden Opfer (Erden Alkan, Kriegsspuren) zeigen, werden zum Problem: Von Selbstbewusstsein und Souveränität wie im bereits erwähnten Auftakt Inflagranti ist in der 384. Tatort-Folge ähnlich wenig zu sehen wie von Helen Reinders (Camilla Renschke). Lürsens postpubertierende Tochter schlägt nur einmal nachts bei ihrer Mutter auf, während die Ermittlerin auch diesmal mit dem über alle Zweifel erhabenen, meist gönnerhaft-altklug vor sich hin dozierenden Polizeipsychologen Kai Helmhold (Alexander Strobele) das Bett teilt. Helmhold tut der Figur Lürsen gar nicht gut – zeigt er doch, wie weit der Weg zur Parität Ende der 90er-Jahre noch ist.


LÜRSEN:
Behandle mich nicht immer wie eine arme Irre!

HELMHOLD:
Wäre es dir lieber, wenn ich dich bemitleide?

LÜRSEN:
Ich schmeiße alles hin!

HELMHOLD:
Damit tust du denen den größten Gefallen, die schon immer gewusst haben, dass du als Frau dem Job nicht gewachsen bist.

Schauspielerisch sticht einmal mehr, wie auch in den Folgejahren im Tatort mehrfach zu beobachten (etwa in der Kölner Folge Schattenlos oder im Münchner Hochkaräter Wir sind die Guten), Michael Mendl heraus, der als zerstreut-hilfsbereiter Nachbar die undurchsichtigste und damit interessanteste Figur mimt. In den Schlussminuten darf er sein Können zumindest andeuten, über die recht konstruiert wirkende Auflösung kann das aber leider nicht hinwegtäuschen.

Seine Figur steht damit sinnbildlich für einen Film, der sein Potenzial trotz guter Ansätze nicht ganz ausschöpfen kann. Brandwunden ist unterm Strich ein mutiger und thematisch wichtiger Tatort, der Fremdenfeindlichkeit, gesellschaftliche Spaltung und den Umgang mit Minderheiten in den Fokus rückt. Soziale Missstände, die bis heute an Aktualität leider nichts verloren haben. Der eigentliche Krimi wird aber von der Relevanz seines Themas überstrahlt: einige Längen, eine mäßige Spannungskurve und eine Ermittlerin, die sich noch behaupten muss. Ein Fall mit solcher Brisanz hätte dazu sicher die Möglichkeit geboten.       

Bewertung: 5/10


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