Bild: ORF/epo-film/Petro Domenigg

Familiensache

Folge 666

20. Mai 2007

Sender: ORF

Regie: Thomas Roth

Drehbuch: Thomas Roth

So war der Tatort:

Skurril.

Und das liegt besonders an der eigenwilligen, stellenweise fast surreal anmutenden Inszenierung von Regisseur und Drehbuchautor Thomas Roth (Der Millenniumsmörder): Der Filmemacher lässt in seiner dritten Arbeit für die Krimireihe nicht nur bedrohlich grollende Gewitter mit sintflutartigen Regenfällen über Wien hinwegziehen. Merkwürdige Zufälle, schräge Figuren und scheinbar aus dem Nichts auftauchende, extravagante Gestalten machen den 16. Fall von Sonderermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) zu einem wilden Mix aus Krimi, Groteske und Entführungsdrama.

Dabei beginnt Familiensache noch klassisch: Ein älteres Ehepaar liegt erschossen in seiner Wohnung. Zunächst bleibt unklar, was passiert ist: Gemeinsame Selbsttötung? Ein Eifersuchtsdrama? Oder hat sich etwas ganz Anderes abgespielt? Eisner, der für den Fall eigentlich nicht zuständig ist, was auch Polizeichef „Ernstl“ Rauter (Hubert Kramar) betont, trifft am Tatort auf den schrullig-engstirnigen Kollegen Bernhard Weiler (herrlich: Heribert Sasse, Operation Hiob), der von der Anwesenheit des Sonderermittlers zunächst wenig begeistert ist. Weiler scheint die Arbeit nicht erfunden zu haben, monologisiert bei der Begutachtung der Leichen aber in breitestem Wiener Schmäh genüsslich-desillusioniert vor sich hin. Und verweist unbewusst auf eine spätere Wiener Folge von 2023:


WEILER:
Zuerst kann es ihnen nicht schnell genug gehen, mit dem Heiraten und Kinderkriegen. Und irgendwann endet das Ganze so. Der ganze aufgestaute Hass. Die Erniedrigungen. Der Neid auf das wenige Glück des Anderen. Zur Scheidung fehlt ihnen der Mut. Mein Gott! Was ist das für eine Welt?

Es ist aber vor allem die auffallend distanzierte, seltsam nervöse Nachbarin Cornelia Stummvoll (Ulli Maier, Nicht jugendfrei), die Eisners Aufmerksamkeit erregt und in deren Welt sich der ledige Ermittler Stück für Stück zu begeben versucht. Die führt ihn zunächst in den Singleclub der wunderbar überzeichneten Gerti Steinmayer (Beatrice Frey, Alleingang), in dem sich Eisner inkognito umsehen will. Das wahrlich ausgefallene Setting wird zum Schauplatz einer absurd-komischen Szene, in der sich Eisner den Avancen der anwesenden Damenschaft ausgesetzt sieht. Und dabei ähnlich unbeholfen wirkt wie knapp anderthalb Jahre später sein Kieler Pendant Klaus Borowski (Axel Milberg) in Borowski und die einsamen Herzen.

Gleichzeitig werden diese humorvollen Sequenzen geschickt kontrastiert – etwa durch die bereits erwähnten Gewitter, die der Handlung etwas Unheilvolles, fast Mystisches verleihen. Oder durch rätselhafte Figuren, die uns zusätzlich in ihren Bann ziehen, wie der junge Ivica (Deny Jovanovic). Das blasse Nachbarskind sagt zwar kaum ein Wort, taucht aber immer dann auf, wenn man es gerade nicht erwartet. Dass es nicht bei einem Mord bleibt, ist der Spannung ebenfalls zuträglich. Irgendwann muss die Geschichte allerdings erklären, wohin all die merkwürdigen Spuren eigentlich führen sollen, was leider nicht ganz überzeugend gelingt.

Das Spannungslevel ist dafür erfreulicherweise durchgehend hoch. Nach gut 45 Minuten ist jedoch spürbar, dass die Geschichte um eine Kindesentführung, bei der es nicht um Lösegeld geht, mit der Inszenierung nicht mehr ganz mithalten kann. Das Drehbuch will uns immer noch eine weitere überraschende Wendung präsentieren. Das ist gut gemeint, geht bisweilen aber auf Kosten der Übersichtlichkeit und bewegt sich manchmal gefährlich nah am Klischee: Vor allem die Geschichte um den verdächtig freundlichen Supermarktleiter und Norman-Bates-Abklatsch Martin Schulteis (Klaus Händl), der seine dominante und bösartige Mutter Helga (Silvia Fenz) loswerden will, wirkt zwar spektakulär, aber auch konstruiert und nicht immer plausibel.

Ähnlich verhält es sich bei Eisners eigener Familiensache: Papa Moritz möchte mehr Zeit mit Tochter Claudia (Sarah Tkotsch) verbringen – die hat mittlerweile aber nicht nur ein Zungenpiercing, sondern auch ganz andere Interessen. Neben den Proben mit ihrer neuen Band steht vor allem ihr neuer Freund Benny (Laurence Rupp, ab 2027 als Eisner-Nachfolger Alex Maleky im Wiener Tatort zu sehen) hoch im Kurs. Dessen Kamerazeit ist zwar kurz, sein Auftritt dennoch erinnerungswürdig: Wenn der charismatische Jungspund nach einer durchzechten Nacht splitterfasernackt ins Bad schlurft und sich vor den Augen des verdutzten Eisner unbekümmert ans Pinkelbecken stellt, sagt das Stinkefinger-Tattoo auf seinem Hintern eigentlich alles.

Auch hier schießen die Filmemacher in der Konsequenz aber etwas übers Ziel hinaus: Eisners Überforderung im Umgang mit seiner heranwachsenden Tochter zu skizzieren, hätte schon ausgereicht. Ihre wenig überzeugende Drogengeschichte, die gegen Ende etwas lieblos ins Skript gequetscht wird, bricht zwar das Eis zwischen dem hartnäckigen Eisner und der verzweifelten Stummvoll, hätte es in dieser Dimension aber nicht gebraucht.

Die 666. Tatort-Folge ist damit eine sehr ungewöhnliche: Zwischen Regen, grotesken Momenten und vielen Running Gags findet sie ihren ganz eigenen Ton und unterhält mit einer eigenwilligen, aber ausgesprochen spannenden Inszenierung bestens. Das täuscht zugleich über den einen oder anderen Makel im Drehbuch hinweg, denn gerade gegen Ende hin wollen oder können wir der Geschichte nicht immer folgen. Oder wie es der behäbige Weiler, der als Gegenpol zum umtriebigen Eisner blendend funktioniert und in den Folgen Exitus und Operation Hiob noch zweimal mit von der Partie ist, (mehrfach) pointiert auf den Punkt bringt:


WEILER:
Wo bitte rennt er jetzt wieder hin?

Bewertung: 7/10


Kommentare

Neue Kommentare werden nicht sofort veröffentlicht, sondern in der Regel binnen kurzer Zeit durch die Redaktion freigeschaltet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert