Bild: BR/Foto Sessner

Als gestohlen gemeldet

Folge 48

16. Februar 1975

Sender: BR

Regie: Wilm ten Haaf

Drehbuch: Erna Fentsch

So war der Tatort:

Nochmal neu gestartet.

Nach einer langen Pause – der Ausnahme-Tatort Tote brauchen keine Wohnung war schon im Sommer 1973 entstanden und nach massiver Kritik des Rundfunkrats des Bayerischen Rundfunks in den Giftschrank gesperrt worden, wo er fast 20 Jahre blieb – musste die BR-Redaktion die Fälle der Münchner Mordkommission nämlich wieder anders fokussieren. Keine Milieustudie, sondern eine vermeintliche Beziehungstat steht in Als gestohlen gemeldet im Mittelpunkt des Drehbuchs von Erna Fentsch, die zwei Jahre später auch noch Das Mädchen am Klavier für Oberinspektor Veigl (Gustl Bayrhammer) schreiben wird.

Am Stadtrand wird ein Schwerverletzter gefunden. Mord? Totschlag? Oder ein Unfall? Otto Jirisch (Felix Franchy), der später im Krankenhaus verstirbt, hatte in der Kfz-Werkstatt Stumm als Geschäftsführer gearbeitet. Das finden die Kriminalen schnell heraus, aber ein Zusammenhang mit seinem Tod erschließt sich zunächst nicht. Frau Stumm (Gisela Uhlen, Zwei Leben), die die Werkstatt von ihrem verstorbenen Mann übernommen hat, aber kein Fachwissen mitbringt, informiert Veigl sehr distanziert über ihren Mitarbeiter, reizvoll kontrastiert von Rückblenden (in den ersten Ausstrahlungen samt und sonders in schwarz-weiß). Die strafen ihre Aussagen prompt Lügen: Sie illustrieren, dass sie mit Jirisch eine intime Beziehung eingegangen war.

Wirklich weiter bringt das die Ermittlungen nicht. Zugleich wird schnell klar, dass auch Gisela „Gigga“ Stumm (Susanne Uhlen, Katz und Mäuse), die 18-jährige Tochter, eine enge Verbindung zu dem Verstorbenen pflegte. Ebenfalls als falsche Fährte erweist sich der Verdacht gegen Mathilde Jahn (Beate Hasenau) – eine aggressiv und mit lautstarkem hessischen Dialekt auftretende Prostituierte. Ganz zufällig treffen die Beamten dann bei einer Überprüfung auf den aufbrausenden Georg Leu (grandios: Ralf Wolter, es bleibt sein einziger Tatort-Auftritt), der direkt die Waffe zückt. Ihn betreffende Nachfragen beim Hamburger Tatort-Kollegen Paul Trimmel (Walter Richter) führen schließlich auf die richtige Spur.

Routiniert und langsam, geradezu behäbig inszeniert Regisseur Wilm ten Haaf seinen zweiten Tatort nach dem Baden-Badener Fall Cherchez la femme oder Die Geister vom Mummelsee. Alle Zutaten, die für die frühen Münchener Beiträge konstitutiv sind, finden sich auch in Als gestohlen gemeldet: Oswald, Veigls vierbeiniger Lebensgefährte, hat seinen Auftritt. Wachtmeister Josef Brettschneider (Willy Harlander) darf unpassende Bemerkungen beitragen, während Oberwachtmeister Ludwig Lenz (Helmut Fischer) versucht, die Überlegungen seines Chefs kritisch zu hinterfragen. Eigentlich braucht es Veigls Mitarbeiter gar nicht, selbst das Besorgen des Kaffees für den Kommissar wird selbstverständlich an eine weibliche Kollegin delegiert. Den Rest hat Veigl allein im Griff – und belehrt seine Untergebenen auch gern mal.


VEIGL:
Die Erfolge auf Anhieb sind auch in der Kriminalistik selten wie ein Lottotreffer.

Der fünfte BR-Tatort versammelt ansonsten wieder viele Volksschauspieler vor der Kamera – etwa Elisabeth Karg als Kripobeamtin, Leopold Gmeinwieser als Sohn einer Landwirtin und Paula Braend als eben jene. Neu im Vergleich zu den bisherigen Münchner Beiträgen ist aber, dass sie in der 48. Ausgabe der Krimireihe keine tragenden Rollen spielen.

Vielmehr wird der Film vor allem auf der Zielgeraden wesentlich von der Interaktion zwischen Gisela Uhlen und Gustl Bayrhammer bestimmt: Stumms Verletztheit beantwortet Veigl mit großer Empathie, die bei den ersten vier Auftritten nicht im Rollenprofil des Oberinspektors zu finden war. Professionelle Distanz zu wahren, fällt Veigl in diesem Plot schwer. Er bittet den Kriminalrat Härtinger (Hans Baur) ein paar Minuten vorm Abspann sogar, ihn von dem Fall zu entbinden, was der selbstverständlich abgelehnt.

Drehbuchautorin und Schriftstellerin Erna Fentsch spitzt das Finale in ihrem – erst nach dem Film geschriebenen – Roman gleichen Titels übrigens noch weiter zu: Anders als der Tatort endet ihr Buch mit dem Selbstmord von Magdalena Stumm und einem wütend-hilflosen Kommissar.

Bewertung: 6/10


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