Bild: SWR/Schröder

Bienzle und die Feuerwand

Folge 315

16. Juli 1995

Sender: SDR

Regie: Hartmut Griesmayr

Drehbuch: Felix Huby

So war der Tatort:

Schmiedingerfixiert.

Bereits bei ihren ersten vier Tatort-Auftritten sprang Hannelore Schmiedinger (Rita Russek), die bessere Hälfte des Stuttgarter LKA-Kommissars Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck), ihrem eigenbrötlerischen Lebensgefährten hier und da bei den Ermittlungen zur Seite – in Bienzle und die Feuerwand erhält sie nun eine größere Bühne als je zuvor. Und das liegt nicht nur daran, dass Drehbuchautor Felix Huby (Bienzle und der Mord im Park) ihr künstlerisches Talent in seinem fünften Bienzle-Tatort in direktem Zusammenhang mit dem Kriminalfall bringt: Bienzle, der erneut von Kommissar Günter Gächter (Rüdiger Wandel) bei seinen Ermittlungen unterstützt wird, muss sie auf der Zielgeraden sogar aus den Fängen einer gefährlichen Sekte retten. Aber von vorn.

Der 315. Tatort lässt früh erahnen, dass Kunst, kaltblütiger Mord und Kirche in diesem Krimi unmittelbar miteinander verbunden sind. Nachdem ein beruflich für ein Reiseunternehmen tätiger Mann vor seinem Wohnhaus mit einem präzise aus der Distanz abgefeuerten, indianischen Giftpfeil getötet wurde, werden wir Zeuge einer esoterisch anmutenden Szene: Dr. Jürgen Kohlmeier (Peter Mohrdieck, Kesseltreiben), ranghohes Mitglied der fiktiven Sekte „Kirche der wissenden Gedanken“, nimmt an der naiven Sekretärin Monika Laible (Monika Hirschle, Tödlicher Treff) ein „Clearing“ vor und säuselt dabei ein schräges Mantra, dem Laible sich bereitwillig hingibt. Beide befinden sich dabei nicht etwa an einem heiligen oder abgeschotteten Ort, sondern an ihrem Arbeitsplatz: Sie arbeiten im Verlag von Peter Germeroth (Peter Bongartz, Willkommen in Köln), der auch Schmiedingers Kinderbuchillustrationen veröffentlicht.

Bereits im problematischen Vorgänger Bienzle und der Mord im Park zeigte Bienzles Partnerin einer Tatverdächtigen bereitwillig ihre Bilder und erntete dafür Lob – diesmal werden ihre Werke kurz darauf sogar auf einer Vernissage ausgestellt, bei der sich die zentralen Figuren dieses Films praktischerweise die Klinke in die Hand geben. Unter ihnen sind das einflussreiche Sektenmitglied Carlo Delgado (Jacques Breuer, Alles Palermo) und Germeroths Gattin Barbara (Nicolin Kunz, Telefongeld), die der an gefährliche Sekten wie Scientology angelehnten „Kirche der wissenden Gedanken“ ebenfalls verfallen ist und der Gemeinschaft bereits viel Geld beschafft hat. Anders als bei der naiven Laible, deren Zahlungsbereitschaft sich auch aus ihrem begrenzten geistigen Horizont ableitet, bleiben die Filmschaffenden die Antwort auf die Frage, warum eine kluge Frau wie die mit Schmiedinger befreundete Barbara Cossmann-Germeroth der Sekte verfallen ist, allerdings schuldig.

Bei der Vernissage ist aber vor allem jemand zugegen, der diesem Tatort seinen Stempel ähnlich stark aufdrückt wie Schmiedinger: Der in Sachen Völkerkunde bewanderte Professor Dr. Sternebeck leitet das Stuttgarter Linden-Museum und wird von keinem Geringeren als dem langjährigen Christian-Thanner-Darsteller Eberhard Feik gemimt, den das Stammpublikum natürlich aus seiner legendären Rolle an der Seite des Duisburger Tatort-Kommissars Horst Schimanski kennt (bis 1991 in Der Fall Schimanski). Es ist der letzte Auftritt des 1994 verstorbenen Schauspielers vor einer Fernsehkamera, was Bienzle und die Feuerwand zu einem ganz besonderen Krimi macht. Was bei der TV-Premiere im Juli 1995 noch niemand ahnt: Der Krimi ist zugleich einer der letzten Filme mit Nicolin Kunz, die zweieinhalb Jahre später mit nur 44 Jahren völlig unerwartet verstirbt.

Für Bienzle, der sich Rampenlicht und Publikumssympathien also nicht nur mit Schmiedinger, sondern auch mit Sternebeck teilen muss, gibt es in diesem anfangs etwas unübersichtlich arrangierten, bisweilen betulich erzählten Tatort eine Menge zu sortieren. Unterm Strich hätte ein klarerer Fokus dem Film nicht geschadet: Während sich der bereitwillig mit Bienzle plaudernde Sternebeck gemeinsam mit seinem undurchsichtigen Assistenten Dr. Stefan Glyzenius (Siemen Rühaak, Feierstunde) wertvollen Importen aus Südamerika widmet, die eine wichtige Rolle beim Kriminalfall spielen, schlägt das Herz dieses Krimis eigentlich an einer anderen Stelle – und zwar im teuer und steril eingerichteten Hauptquartier der Sekte, in dem der spirituelle Führer (Udo Vioff, Verspekuliert) auch dem LKA-Kommissar eine Audienz mit klarer Ansage gewährt.


BÄUERLE:
Ach wissen Sie, Bienzle… Das dauert gar nicht mehr lange, da haben wir so viele unserer Leute im Polizeiapparat, dass man auf solche wie Sie verzichten kann.

BIENZLE:
Glauben Sie das wirklich?

BÄUERLE:
Wenn man eine klare Strategie hat, ist man auf Glauben nicht mehr angewiesen.

BIENZLE:
Und das als Kirche und Glaubensgemeinschaft. Alle Achtung.

Die Besuche in dieser Schaltzentrale, die später auch Schmiedinger für einen beinahe dramatisch endenden Undercover-Einsatz aufsucht, lassen sich allerdings an einer Hand abzählen – und wirklich zu den Mechanismen, Machtstrukturen und Manipulationen einer Sekte durchdringen tut der 315. Tatort nur bedingt. Schmiedinger etwa bekommt bei ihrer nicht mit Bienzle abgesprochenen Stippvisite in der Zentrale einfach einen Stapel Lehrbücher in die Hand gedrückt und wird direkt mit den horrenden Kosten für die Teilnahme an einer Sektenveranstaltung in Bad Urach konfrontiert – so plump und überfallartig vorgetragen dürften wohl nur die Wenigsten den Versprechungen und Worthülsen von Sekten verfallen, mit denen auch die „Kirche der wissenden Gedanken“ aus allen Rohren feuert. Bäuerle etwa faselt stets von einem Durchdringen der titelgebenden Feuerwand – was genau er damit meint, müssen wir uns selbst dazudenken.

So kratzt der fünfte Bienzle-Tatort, den nach Bienzle und die schöne Lau und Bienzle und das Narrenspiel erneut Hartmut Griesmayr inszeniert, bei der Bearbeitung seines in den 90er-Jahren viel diskutierten Kernthemas um die von Sekten ausgehenden Gefahren allenfalls an der Oberfläche, münzt diese Ansätze aber zumindest in einen soliden Kriminalfall um. Die ausgetretenen Pfade des Genres verlässt der Film dabei selten, die obligatorische zweite Leiche etwa gibt es fast auf die Minute genau nach einer Dreiviertelstunde. Die Suche nach dem Täter hält das Drehbuch erfreulich lange offen – wer 1 und 1 zusammenzählt, den Faktor Publikumsliebling nicht ausblendet und sich Gedanken darüber macht, wem die Bedienung der exotischen Tatwaffe wohl am ehesten zuzutrauen ist, erlebt hier allerdings auch keine große Überraschung. Ansonsten bleibt Bienzle und die Feuerwand vor allem als letzter Film des großartigen Eberhard Feik in Erinnerung.

Bewertung: 5/10


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