Bild: SWR/Schröder

Bienzle und der Zuckerbäcker

Folge 419

15. August 1999

Sender: SWR

Regie: Hans-Christoph Blumenberg

Drehbuch: Felix Huby

So war der Tatort:

Lüstern und sensationslüstern zugleich.

Denn da ist zum einen ein Frauenmörder, dem der Stuttgarter Hauptkommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck) und sein jüngerer Kollege, Kommissar Günter Gächter (Rüdiger Wandel), in diesem Tatort Einhalt gebieten müssen: Drei Frauen binnen zwei Monaten hat der Triebtäter brutal ermordet und sich posthum an ihnen vergangen, eine junge Balletttänzerin überlebt den Angriff als viertes Opfer des Serienmörders mit Mühe und Not. Zu Hilfe ist ihr bei der Attacke auf dem Parkplatz der Staatstheater offenbar ein Mann geeilt, um den sich später in diesem Tatort (fast) alles dreht: der titelgebende Zuckerbäcker Theo Hasselt (Alexander Radszun, Restrisiko), der Bienzle und Gächter bereitwillig Auskunft erteilt, aber jede Tatbeteiligung von sich weist.

Und da ist zum Anderen die Boulevardpresse, die in Bienzle und der Zuckerbäcker – typisch für die Krimireihe – als unmoralischer Haufen sensationslüsterner Schreiberlinge skizziert wird: Allen voran dem aufbrausenden Lokalchef Seifert (Lutz Herkenrath, Schwarze Tiger, weiße Löwen) ist keine Schlagzeile zur Mordserie reißerisch genug, kein Detail zu pikant oder privat, als dass es in seinem Blatt nicht gedruckt werden dürfte. „Sex-Monster“ bringen schließlich Auflage und damit bares Geld – das muss auch die moralisch noch etwas tadelloser agierende Journalistin Christine Stegmann (Angelika Bartsch, Aida) einsehen, die in der Redaktion von Seiferts Schmierblatt noch in der Probezeit ist und wieder gefeuert zu werden droht.


SEIFERT:
Als ich noch Polizeireporter war, bin ich mal nachts heimlich in die Leichenhalle, hab einen Sarg aufgeschraubt und hab das Foto vom Opfer eines Sexualmords geschossen, das uns die Polizei verweigert hat.

STEGMANN:
Das halten Sie wohl für Ihre größte journalistische Leistung.

SEIFERT:
Nein, aber es hat meinem Blatt damals 50.000 mehr Auflage gebracht.


Stegmann bildet unter Regie von Hans-Christoph Blumenberg (Salü Palu) die Mensch gewordene Schnittstelle zwischen der Presse und der Kripo, die sich die schreibende Zunft und die Fotografen am liebsten vom Hals halten würde – denn Gächter lässt sich im 419. Tatort mit der Journalistin auf eine Affäre ein und spielt ihr, überraschend unbehelligt von Bienzle, Ermittlungsergebnisse zu. Tiefer und tiefer bringt sich der Mann, der bei seinem neunten Auftritt an der Seite seines schwäbischen Vorgesetzten so stark in den Mittelpunkt des Films rückt wie bis dato noch nie, damit in die Bredouille – und gleichzeitig wird die Liaison auch für Stegmann immer brisanter und gefährlicher.

Drehbuchautor Felix Huby (Bienzle und die schöne Lau), der auch die Geschichte zum neunten Bienzle-Krimi beisteuert, verwendet viel Zeit darauf, uns das folgenreiche Techtelmechtel näherzubringen – ein wenig zu viel, möchte man am Ende resümieren. Denn wenngleich es der Spannungskurve gut tut, die Geliebte des Kommissars in die Schusslinie des Täters zu befördern, bleibt eine andere wichtige Person auf der Strecke – und zwar der mutmaßliche Täter selbst. Auch zwei nervtötende Nebenfiguren erhalten mehr Kamerapräsenz, als es dem Tatort gut tut: Der naive Assistent Schildknecht (Arnd Klawitter, Wolfsstunde) und der praktisch nur in Reimen sprechende Hobby-Rapper René Sannwald (Julian Manuel, Veras Waffen), der kurz vor der Jahrtausendwende vielleicht als 0711-Hommage in diesen Krimi geschrieben wurde.

Bienzle und der Zuckerbäcker ist dennoch ein über weite Strecken packender, stellenweise sehr sinnlich und ästhetisch inszenierter Triebtäter-Krimi, der aus der Auflösung der Täterfrage nach einer Dreiviertelstunde kein Geheimnis mehr macht: Der Whodunit wird im Stuttgarter Schlossgarten zum Howcatchem. Bienzle & Co.müssen sich allerdings schon früh die Frage gefallen lassen, warum sie dem von Beginn an dringend tatverdächtigen Konditor trotz erdrückender Indizienlast nicht von stärker auf die Pelle rücken: Nach einer Befragung im Präsidium entlässt man den Handwerksmeister in die Freiheit, statt ihm ein für allemal das Handwerk zu legen – das leuchtet nicht ein und wirkt kurios, weil sogar der rappende René mehr Zeit für Hasselts Beschattung aufwendet als die Kripo.

Aufgefangen wird dieses Logikloch durch die Performance des überragenden Episoden-Hauptdarstellers: Alexander Radszun, der ein Jahr zuvor in Dieter Wedels TV-Mehrteiler Der König von St. Pauli als Kiezmörder brillierte, ist zweifellos der Star der Folge und legt einen denkwürdigen, oft furchteinflößenden Auftritt hin, ohne dabei von Regie oder Drehbuch dem Kitsch preisgegeben zu werden. Abgesehen von einer Wink-mit-dem-Zaunpfahl-Szene, in der der alleinstehende Konditor frustriert eine Brautfigur auf einer Hochzeitstorte köpft, verzichten die Filmschaffenden darauf, ihn als exzentrisch-psychopathischen Serienkiller zu stilisieren. Ein wenig mehr hätte man über seine Beweggründe für die Taten aber doch gern erfahren: Erst ein Gespräch mit seinem verhassten Vater Kurt (Traugott Buhre, Bildersturm) bringt irgendwann Licht ins Dunkel.

Während Bienzle das Rampenlicht angesichts der Gächterschen Liebelei und des charismatischen Antagonisten also mit zwei Männern teilt, hat er sein Bett weiterhin für sich allein: Seine frühere Lebensgefährtin Hannelore Schmiedinger (Rita Russek), die ihn in Bienzle und der tiefe Sturz mit dem diesmal abstinenten Rechtsmediziner Dr. Kocher (Klaus Spürkel) betrog und sich im direkten Vorgänger Bienzle und der Champion eine Verlängerung der Beziehungspause erbat, schaut zwar auf ein Glas Wein bei dem Junggesellen wider Willen vorbei, zieht aber noch nicht wieder bei ihm ein. Die Beziehung der beiden wieder ins Reine zu bringen, hätte diesen Tatort wohl auch endgültig überfrachtet. Zeit für eine köstliche Szene bleibt dennoch: Der mit Haushalt und Verpflegung überforderte Bienzle denkt in seiner Koffein-Not kurz darüber nach, sich seinen Filterkaffee vom Vortag neu aufzubrühen – entscheidet sich aber in letzter Sekunde dagegen.

Bewertung: 7/10


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