Folge 394
23. August 1998
Sender: SDR
Regie: Dieter Schlotterbeck
Drehbuch: Felix Huby
So war der Tatort:
Männlich.
Denn spätestens, als auf der Zielgeraden der berühmte Refrain von James Browns It’s a Man’s Man’s Man’s World erklingt, erobert die Männerwelt auch die stimmungsvolle Tonspur dieses mit einem starken Soundtrack unterfütterten, schwäbischen Krimis: Frauen spielen in dieser von Macho-Gehabe, Testosteron und Machtspielchen geprägten Welt nur eine untergeordnete Rolle, haben vor allem zu gehorchen und dabei hübsch auszusehen. Ein antiquiertes Bild, das in einigen Milieus leider bis heute stark ausgeprägt ist – und in ein eben solches entführt uns Stammautor Felix Huby (Bienzle und der Biedermann) bei seiner bereits neunten Arbeit für den Süddeutschen Rundfunk.
Bienzle und der Champion spielt – der Krimititel deutet es an – im Stuttgarter Boxmilieu und wartet mit einem bemerkenswerten, sehr hochkarätigen Cast auf: Neben Ben Becker (Tod im Häcksler) und Martin Semmelrogge (Frankfurt – Miami) sind in diesem Tatort auch James-Bond-Darsteller Claude-Oliver Rudolph (Eine Handvoll Paradies) und der damalige Box-Superstar Dariusz „Tiger“ Michalczewski mit von der Partie, Cameo-Auftritte haben außerdem Eberhard „Ebby“ Thust und Rocksänger Chris Thompson. Alles Männer. Und während der schauspielerisch eher limitierte Michalczewski sich im Prinzip selbst mimt und dafür den albernen Nachnamen „Kowalski“ verliehen bekommt, geben Becker, Semmelrogge und Rudolph dem Affen in ihren charismatischen Rollen ordentlich Zucker. Sie prägen den Tatort unter Regie von Dieter Schlotterbeck, der bereits Bienzle und der Mord im Park sowie Bienzle und der Traum vom Glück inszenierte, sogar stärker als die eigentliche Hauptfigur.
LKA-Kommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck) hat nämlich daran zu knapsen, dass seine Lebensgefährtin Hannelore Schmiedinger (Rita Russek) ihn im überzeugenden Vorgänger Bienzle und der tiefe Sturz mit Gerichtsmediziner Dr. Bernhard Kocher (Klaus Spürkel) betrog und aus der gemeinsamen Wohnung in Stuttgart ausgezogen ist: Barsch und schmallippig tritt der aus der Bahn geworfene Bruddla dem neuen Rivalen gegenüber auf, blockt Versöhnungsangebote des Pathologen kategorisch ab und gibt sich nach Feierabend bei trocken Brot und Rotwein der Trauer im einsamen Penthouse hin. Das geht nicht lange gut: Der Polizeipräsident (Achim Bendix) schickt ihn in in Zwangsurlaub und beauftragt Bienzles treuen Kollegen Günter Gächter (Rüdiger Wandel) mit den Ermittlungen, der unter anderem mit einer Krawattenkamera im Strip-Club ermittelt.
Bienzle hält die Füße natürlich trotzdem nicht still, stellt aber gleichzeitig der diesmal mit wenig Kamerazeit gesegneten Hannelore nach: Erst sieht er sie zufällig in einer Stadtbahn sitzen, dann lauert er ihr darin gezielt auf – und beim anschließenden Drink, den Hannelore selbst vorschlägt, schimmert durch, dass die Trennung deutlich länger dauern könnte, als es dem Kriminalisten lieb ist. Gleichzeitig – und damit schließt sich der Kreis zur einleitend illustrierten Machowelt, in der der Film spielt – offenbart seine langjährige Lebensgefährtin ein mehr als zweifelhaftes Männerbild, mit der sie sich selbst die Absolution für ihren Seitensprung erteilt: Eine nicht nur aus heutiger Sicht seltsame Einstellung zu zulässigem Verhalten in einer festen Partnerschaft, die die bisher hohen Sympathiewerte für Bienzles (Ex-)Partnerin empfindlich schmälern.
Männer betrügen ihre Frauen jeden Tag? Aha. Sie über einen Kamm zu scheren und in einer derart extremes Negativlicht zu rücken, entbehrt jeder Grundlage – zumindest, was das Ablästern über das „starke Geschlecht“ in diesem Krimi angeht, kann man Bienzles große Liebe aber verstehen. So treffen sich der frühere Boxchampion Peter „Piet“ Michalke (Becker), der nach einem heftigen Niederschlag über kein Kurzzeitgedächtnis mehr verfügt, und sein Freund, der Boxpromoter Rico Rotmann (Rudolph), regelmäßig in der Boxkneipe des pausenlos provokanten Jaco Riewers (Semmelrogge) – dort hauen sie sich bei jeder Gelegenheit auf die Fresse und behandeln Frauen so, als wären sie lästige Anhängsel, die gefälligst die Klappe zu halten haben.
Gleichzeitig sind die drei aufbrausenden Männer die Schlüsselfiguren für die Auflösung des Mordfalls, bei dem wir Bienzle und Gächter weit voraus sind: Schon in der Eröffnungssequenz werden wir Zeuge, wie Michalke zwei Männer beobachtet, die eine Leiche auf einen Pick-Up laden, die später in einer Neckarschleuse buchstäblich wiederauftaucht – wer 1 und 1 zusammenzählen bzw. 1 von 3 abziehen kann, weiß also schnell, wer in diesem Tatort zu den Schuldigen und wer zu den Unschuldigen zählt. Michalke ist dabei die mit Abstand spannendste Figur und Ben Beckers Spiel schlichtweg grandios: Zerfressen von Ärger und Verzweiflung darüber, dass er aus vorerst nicht in den Ring zurückkehren kann, sichtet Michalke nächtelang seine alten Kämpfe und schwelgt in Erinnerungen an eine Zeit, die vielleicht nie wiederkommt.
Der Ex-Sportler ohne Gedächtnis ist damit die fleischgewordene Tragik eines mit (für Stuttgarter Verhältnisse ungewohnt) vielen Actionszenen gespickten Krimidramas, das viele Klischees zu raffgierigen Bauunternehmern bedient und auf der Zielgeraden einer klassischen Sportfilmdramaturgie folgt: Unter den Verdächtigen fiebern alle auf den großen Boxkampf des „Tigers“ hin. Gleichzeitig steht die Frage im Raum, ob der so talentierte Michalke wohl noch einmal einen Comebackversuch wagt, obwohl ihm der Arzt dringend davon abrät. Die Tragödie ist vorprogrammiert, gleichzeitig aber zu spüren, dass Michalke seinen Platz in einer Welt ohne Boxsport vergeblich suchen würde. Ob Hannelore ihren Platz an Bienzles Seite wiederfindet, bleibt indes offen – der bemerkenswerte Cliffhanger lässt den LKA-Kommissar genauso ernüchtert zurück, wie er zu Beginn der 394. Tatort-Folge auftritt.
Bewertung: 6/10


Schreibe einen Kommentar