Bild: ORF

Die schlafende Schöne

Folge 599

29. Mai 2005

Sender: ORF

Regie: Dieter Berner

Drehbuch: Dieter Berner

So war der Tatort:

Virtuos.

Die schlafende Schöne ist nämlich eine Hommage an den berühmten Geigenbaumeister Antonio Stradivari, dessen nach ihm selbst benannte Streichinstrumente sich durch ihre einzigartige Klangqualität auszeichnen und bei Sammlern und Musikern gleichermaßen hoch im Kurs stehen. Und ein solches Exemplar, die Stradivari Da Vinci, spielt im zwölften Einsatz des Wiener Chefinspektors Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) eine besondere Rolle – und wird deshalb sogar in den Opening Credits des Films aufgeführt.

Wenn im Wiener Tatort vor und nach der Jahrtausendwende das Verbrechen zuschlägt, dann oft in musischen und künstlerischen Milieus. Bereits bei seinem ersten Einsatz in Nie wieder Oper musste der bekennende Kulturmuffel Eisner 1999 den Mord an einem Star-Tenor aufklären. Nichts mehr im Griff spielte 2001 im Umfeld einer Kunstausstellung, und 2004 starb ein junger Organist den Tod unter der Orgel. Die 599. Tatort-Folge steht nun ganz im Zeichen der Violinisten.

Zu denen zählt der begnadete Musikstudent Mischa Lakatos (Aleksandar Jovanovic), dessen virtuoses Spiel den gesamten Film durchzieht und der von der angesehenen, aber an Parkinson erkrankten Musikprofessorin Karin Landauer (Suzanne von Borsody, Schwarzer Peter) gefördert wird. Sie stürzt sich nach einer Feier auf ihrem Anwesen in einen leidenschaftlichen One-Night-Stand mit Mischas Bruder Johannes „Johnny“ Lakatos (Dennis Čubić), der tragisch endet: Noch in derselben Nacht dringt eine vermummte Person in die Villa der Landauers ein und erschießt den schlafenden Johnny. Karin Landauer entkommt durch einen glücklichen Umstand, wird auf der Flucht aber von einem Auto angefahren und verletzt.

Ein knisternd-sinnlich inszenierter und gleichzeitig vielversprechender Auftakt, den uns Regisseur und Drehbuchautor Dieter Berner (Tödliches Labyrinth) hier präsentiert. Dass der Mord einen politisch motivierten Hintergrund haben könnte – das Opfer gehörte zur ethnischen Minderheit der Roma, die alle permanent als „Zigeuner“ titulieren – wird zwar in Betracht gezogen, wirkt aber wie ein halbherziges Ablenkungsmanöver. Eisners Chef Ernst Rauter (Hubert Kramar), von seiner Assistentin später irritierenderweise mit „Werner“ angesprochen, bietet das die Möglichkeit, sich bei seinem ersten Auftritt im Tatort zu profilieren: Er verweist auf einen der schwersten politisch motivierten Anschläge der jüngeren österreichischen Geschichte. Über die Wortwahl muss man sich aus heutiger Sicht jedoch wundern.


RAUTER:
Heikle Sache.

EISNER:
Heikel? Wieso?

RAUTER:
Das Mordopfer. Der Zigeuner.

EISNER:
Was ist an einem Zigeuner heikel?

RAUTER:
Die gefährlichen drei „M“: Medien, Minderheiten, Mord. Ich sage nur Oberwart und die Folgen.

Ein anderer Handlungsstrang ist da viel interessanter: Eisner, dem Rauter den behäbig-blassen Gruppeninspektor Alexander Lohmann (Arno Frisch, Deckname Kidon) an die Seite stellt, muss auch den Verbleib einer berühmten Stradivari-Geige klären. Die schlafende Schöne – titelgebend für die hier besprochene Folge – wurde aus dem Besitz der Landauers entwendet. Hatte es der Einbrecher und Mörder auf das wertvolle Instrument abgesehen?

Eine von vielen offenen Fragen, die der clever arrangierte Whodunit erfreulich lange offen lässt. Neben dem aufbrausenden Harry Horvarth (Mischa Nikolic), der auf seinen untreuen Schwager Johnny nicht gut zu sprechen war, kommt als Täter auch der international bekannte, charismatische Geigenvirtuose Leopold Landauer (Fritz Karl, Trotzdem) infrage. Seine äußere Erscheinung erinnert nicht von ungefähr an den legendären Teufelsgeiger Niccolò Paganini. Landauer nimmt den Seitensprung seiner Frau erstaunlich gelassen, weil sie bei ihm nur die zweite Geige spielt und er sich in bester Paganini-Manier mit der jüngeren Yasmin (Alma Leiberg, Trautes Heim) vergnügt, der Tochter seiner Produzentin.

Apropos vergnügt: Neben „Ernstl“ Rauter feiert in Die schlafende Schöne eine weitere Figur ein gelungenes Debüt, die dem Tatort auch in den folgenden Jahren erhalten bleibt und bei ihrem ersten Auftritt ebenfalls ein Saiteninstrument spielt: Eisner staunt nicht schlecht, als die 15-jährige Claudia (Sarah Tkotsch) vor seiner Tür steht und ihm eröffnet, seine Tochter zu sein. Sie kann nicht nur prima Gitarre spielen, sondern will künftig bei ihm wohnen und in Wien eine Ausbildung zur Tontechnikerin machen. Der unbedarft-kesse Teenie bringt Spaß und frischen Wind in die Reihe – dass Eisner die Situation kaum hinterfragt und seine Vaterrolle praktisch klaglos akzeptiert, ist bei genauerer Betrachtung allerdings wenig glaubwürdig.

Auch im Schlussdrittel schwächelt der Film: Ein interessanter Twist, den der geübte Teil des Krimipublikums früh erahnen dürfte, kann die einfallslose Auflösung nicht ganz auffangen, zumal sie nicht ganz logisch ist. Dennoch steht unterm Strich ein sehr kurzweiliger Tatort, der vor allem auf der Tonspur überzeugt. Die Geschichte ist zwar nicht neu, wird aber ästhetisch in Szene gesetzt. Dazu trägt auch das angenehm zurückgenommene Spiel der gewohnt starken Suzanne von Borsody bei, ebenso ein Kurzauftritt des Autors Peter Turrini als Gast in einer Bar.

Bewertung: 6/10


Kommentare

Neue Kommentare werden nicht sofort veröffentlicht, sondern in der Regel binnen kurzer Zeit durch die Redaktion freigeschaltet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert