Folge 662
9. April 2007
Sender: SWR
Regie: Thomas Jahn
Drehbuch: Susanne Schneider
So war der Tatort:
Mys-tier-iös.
Denn Knockin‘ on Heaven’s Door-Regisseur Thomas Jahn, der für Engel der Nacht erstmalig für die Krimireihe auf dem Regiestuhl Platz nimmt und später noch den schwachen Leipziger Fall Schwarzer Afghane inszeniert, gibt schon mit der düster arrangierten Auftaktsequenz den anvisierten, aber nicht konsequent durchgezogenen erzählerischen Grundton der 662. Tatort-Folge vor: Ein kleiner Junge irrt durchs nächtlich-neblige Konstanz und wird dabei offenbar Zeuge eines Einbruchs in eine Zoohandlung. Im Anschluss daran streift er barfuß zwischen Scherben, freilaufenden Tieren und einer blutüberströmten Leiche umher. Ganz schön spooky!
Wie erfahren schnell: Beim hinterrücks Erschossenen handelt es sich um Sebastian Heller, den nicht unbedingt geselligen, aber mit einem Schweizer Nummernkonto ausgestatteten Inhaber der Tierhandlung. Sein Sohn Manuel „Gekko“ Heller (Henry Stange), der eingangs durch die Nacht geisternde Junge, hat möglicherweise etwas von der Tat mitbekommen. Doch er ist völlig verstört, Schlafwandler und kann sich an nichts mehr erinnern.
Eine Ausgangslage wie gemalt für die oft mütterlich agierende Klara Blum (Eva Mattes), die sich um den verschlossenen Manuel kümmert und stets weiß, was das Beste für ihn ist. Das führt etwa dazu, dass die verwitwete Hauptkommissarin sogar das Jugendamt ausbootet und das verängstigte Kind in ihrem Haus am See einquartiert. Nicht sehr glaubwürdig, in der Tatort-Reihe aber ein häufig genutztes Handlungsmuster: Ähnliche Manöver um das Einquartieren gefährdeter minderjähriger Personen sind etwa im Kölner Beitrag Kinder der Gewalt, in der Ludwigshafener Folge Die kleine Zeugin oder im Saarbrücker Tatort Melinda zu beobachten.
Doch auch Blums eigentlicher Ziehsohn – ihr junger Kollege Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) – darf mitmischen: Schon bei der chaotischen Tatort-Begehung tut er sich mit der exotischen Umgebung allerdings schwer, wie es in ähnlicher Form bereits in Der Name der Orchidee zu beobachten war. Sehr zum Leidwesen des genervten Pathologen Zoller (Markus Pfeiffer).
Witzige Momente wie diesen streut Drehbuchautorin Susanne Schneider (Der schöne Schein) immer wieder ein. Doch genau das ist mitunter ein Problem: Die stellenweise humoristisch angehauchten Dialoge – etwa wenn Perlmann trotz seiner Allergie und wie aus dem Nichts sein Herz für haarige Tiere entdeckt und eine auf den Namen „Daphne“ getaufte Ratte mit ins Präsidium bringt, vor der sowohl seine Chefin, als auch Assistentin Annika „Beckchen“ Beck (Justine Hauer) panische Angst zeigen – laufen der ansonsten bedrückend-dramatischen Handlung zuwider und es mangelt an einheitlicher Tonalität.
Das ist doppelt schade, denn das Herzstück des Films ist eindeutig die sich langsam und behutsam anbahnende Beziehung zwischen Blum und dem verängstigten Manuel. Sie kann so aber kaum Tiefgang entwickeln; wirkt mitunter gar aufgesetzt. Da hilft die Unterstützung der von Blum hinzugezogenen Kinderpsychologin Johanna Siebenschön (Dana Golombek, Blutsbande) wenig, denn leider müssen auch hier natürlich wieder die obligatorisch-peinlichen Flirtversuche Perlmanns irgendwie untergebracht werden.
Zudem schwächelt der Kriminalfall, denn die Auswahl an Verdächtigen bleibt überschaubar: Neben Manuels großem Bruder Andreas Heller (Niels Bruno Schmidt, Brüder), der als notorischer Spieler dauerhaft unter Geldproblemen leidet und dem der dubios-schmierige Goran Semjonicic (Diego Wallraff, Vom Himmel hoch) im Nacken sitzt, sind da nur noch die vom Opfer fristlos entlassene Haushälterin Erika Sendel (Beata Lehmann, Scheherazade) und ihr Mann Erich (Matthias Kniesbeck, zwischen 1989 und 1992 als Kommissar Manfred Spies in den Tatorten aus Saarbrücken an der Seite von Kommissar Palu zu sehen).
Mit seinem subtilen Bedrohungsszenario, den Mystery-Elementen und der Figurenkonstellation um einen verängstigten Jungen erinnert Engel der Nacht phasenweise sogar an M. Night Shyamalans Psychothriller The Sixth Sense – mit dem Unterschied, dass in Konstanz mit Tieren statt mit Toten kommuniziert wird. Auf einen ähnlich verblüffenden Twist nach Hollywood-Vorbild warten wir am Bodensee aber vergeblich. Eher bieder gestaltet sich die Auflösung der Täterschaft und auch die Thematik rund um den illegalen Tierhandel kommt am Ende zu kurz.
So steht unterm Strich ein in seiner Machart interessanter Film, der als Drama aber besser funktioniert als als Krimi und selten überrascht. Myst(i)eriös bleibt am Ende eigentlich nur zweierlei: Ist es Zufall, dass der Name von Regisseur Thomas Jahn im Film auf einer Kundenliste auftaucht – oder als absichtliche Hommage an Cameo-Meister Alfred Hitchcock zu interpretieren? Und: Was wurde eigentlich aus den zahlreichen verstreuten Schlangen, Echsen und Gürteltieren, die als Running Gag des Films einige Einstellungen bereichern und seit dem Auftaktmord halterlos durch Konstanz streifen?
Bewertung: 5/10
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