Folge 730
19. April 2009
Sender: rbb
Regie: Nils Willbrandt
Drehbuch: Natja Brunckhorst
So war der Tatort:
Wenig erhellend und mit wenigen Lichtblicken.
Denn die Berliner Hauptkommissare Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) ermitteln diesmal nicht nur im übertragenen Sinne in der Unterwelt: Ihr zwanzigster gemeinsamer Einsatz, der von der griechischen Mythologie inspiriert ist und nicht nur deshalb an den grandiosen Kieler Kanalisations-Krimi Borowski in der Unterwelt von 2005 erinnert, spielt zu einem Großteil im finsteren und labyrinthartigen Netz der hauptstädtischen U-Bahn, in dem sich auch die Filmemacher in mehrfacher Hinsicht verlieren.
Der ausgefallene Auftakt, in dem die Leiche des Bauunternehmers Horst Baumann – nomen est omen! – in einer vollbesetzten U-Bahn quer durch Berlin fährt, ohne dass jemand Notiz von dem Erschlagenen nähme, ist dabei noch das Beste, weil Erinnerungswürdigste der 730. Tatort-Folge. Baumann geriet vor Jahren durch eine Firmenpleite in die Schlagzeilen und riss zahlreiche Betriebe mit in den Abgrund – darunter den des Elektrikers Frank Rothe (Bruno F. Apitz, Absturz). Nun wurde Baumann per SMS mit einem Geldkoffer in einen U-Bahntunnel am Alexanderplatz gelotst.
Um zu klären, von wem und wie die Leiche schließlich in die U-Bahn verfrachtet wurde, befragen Ritter und Stark auch Alissa Baumann (Muriel Baumeister, Granit), die Ehefrau des Toten, die nun ein großes Bauprojekt – die Sanierung der Schinkelhöfe in Berlin-Mitte zu Luxuswohnungen – alleine stemmen muss und nicht mit offenen Karten spielt. Kein unbedingt neuer, sonderlich origineller Krimistoff, aber ein durchaus solides Fundament für einen Whodunit.
Mit Ritters baldigem Abstieg in die Unterwelt sinkt aber auch das Niveau des Films: Drehbuchautorin Natja Brunckhorst, die später die Idee zum Totalausfall Dinge, die noch zu tun sind beisteuert und eine Tochter mit Dominic Raacke hat, gehen schon nach einer halben Stunde die Ideen aus. Ihre schwache Geschichte fällt in ein Spannungsloch, aus dem sie nicht mehr herausfindet. Stark spult gelangweilt Standardbefragungen ab und hilft dem Au-Pair-Mädchen Nicolette Beaudier (Maja Schöne, mimt ab 2008 die Ehefrau von Hauptkommissar Bootz im Stuttgarter Tatort) beim Kinderhüten. Ritter hingegen irrt in Odysseus- oder Herakles-Manier ziellos durch düstere Bahnschächte und trifft dort mysteriöse Schatten und seltsame Gestalten.
Etwa den wortkargen Fußballtrainer Daniel Roßhaupter (Marlon Kittel, Verdammt): Dessen soziales Projekt KIDS steht für „Kurs zur Integration dauerhafter Schulschwänzer“, könnte aber genauso gut „Komparsen in durchschnittlicher Spiellaune“ bedeuten, so lustlos und unbeholfen wie die Jugendlichen ihr „Verpiss dich, Bulle!“ in die Kamera raunzen. Ähnlich auskunftsunfreudig zeigt sich der exzentrisch-verwahrloste Künstler Gregor Sasmussen (Harald Schrott, Sonne und Sturm), der sich im Untergrund häuslich eingerichtet hat und in abgeranzter Matrix-Kluft wirres Zeug faselt:
Der überzeichnete Emerit ist schwerlich ernst zu nehmen, sorgt in der ästhetisch ansprechenden und gleichzeitig merkwürdig tempoarmen Inszenierung von Regisseur Nils Willbrandt (Leben gegen Leben) aber immerhin für einen Hallo-wach-Effekt. Auch der fleißige Assistent Lutz Weber (Ernst-Georg Schwill), diesmal mit etwas mehr Kamerazeit gesegnet, sticht heraus: Mit seinen lakonisch-witzigen Kommentaren stiehlt er nahezu jede Szene.
Und doch wollen Anspruch und Wirklichkeit, ähnlich wie bei den Fahrplänen der Berliner Verkehrsbetriebe, nicht zusammenpassen. Oben und unten – der unmissverständliche Episodentitel deutet es an – will die soziale Ungerechtigkeit in der Gesellschaft anprangern, bleibt dafür aber viel zu unkonkret und oberflächlich. Auch eine einheitliche Tonalität stellt sich nicht ein. Beispielhaft dafür stehen seltsam gekünstelte, blutleere Dialoge und versandende Gags, etwa wenn Stark einem Passanten mit den Worten „Schönen Abend noch!“ Geld in seinen Kaffeebecher wirft oder Ritter zur Rekonstruktion des Tathergangs mit einer Schubkarre durch die Gegend schiebt. Der erschreckend starke Berliner U-Bahn-Schläger-Thriller Gegen den Kopf zeigt vier Jahre später, wie sich das Potenzial des Settings gewinnbringender nutzen lässt.
Am enttäuschenden Gesamteindruck ändert auch die zwar passende, aber wenig einfallsreich gewählte musikalische Untermalung mit Peter Fox’ Berlin-Hymne Schwarz zu blau nichts, ebenso wenig der Kurzauftritt des zum Zeitpunkt der Erstausstrahlung noch recht unbekannten Uwe Preuss: Der mimt in diesem Krimi einen Nachbarn, hinterlässt ab 2010 aber vor allem Eindruck als Henning Röder, dem Chef im vielgelobten Polizeiruf 110 aus Rostock. Der Fall, der auch deutlich schneller hätte gelöst werden können, wenn Ritter und Stark ihre Hausaufgaben gemacht und genauer recherchiert hätten, tut das hingegen nicht.
Bewertung: 3/10


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