Folge 1173
3. Oktober 2021
Sender: SRF
Regie: Ilker Catak
Drehbuch: Sascha Arango
So war der Tatort:
Abschließend.
Denn Borowski und der gute Mensch ist der furios inszenierte, von Beginn an mitreißende letzte Akt der „Korthals-Trilogie“, die 2012 mit Borowski und der stille Gast ihren vielgelobten Anfang nahm und 2015 mit Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes bravourös fortgesetzt wurde: Der Kieler Kult-Killer Kai Korthals (Lars Eidinger) ist erneut zurück an der Förde und feiert unter Regie des späteren Das-Lehrerzimmer-Machers und Tatort-Debütanten Ilker Catak einen fulminanten Abschied, der seinen großartigen Vorgängern in Sachen Unterhaltungswert in nichts nachsteht.
Einmal mehr hat Sascha Arango, der zuletzt das wendungsreiche Skript zu Borowski und das Glück der Anderen konzipierte, ein tolles Drehbuch geschrieben, einmal mehr ist die Kripo Korthals dicht auf den Fersen – und muss in diesem packenden Psychothriller doch machtlos mitansehen, wie sie von dem gewieften, gegenüber dem weiblichen Geschlecht aber auffallend schüchternen Serienmörder ein ums andere Mal an der Nase herumgeführt wird.
Dabei sitzt Korthals zu Beginn noch hinter Gittern: Im Rahmen einer spektakulär arrangierten Eröffnungssequenz werden wir Zeuge dessen, wie der inhaftierte Psychopath in der JVA bei einer Theaterprobe von Schillers Die Räuber zur Freude seiner Mithäftlinge aufdreht – mit Blick auf Lars Eidingers Theaterkarriere ein toller Meta-Moment und zugleich der Auftakt zu einer der spannendsten Viertelstunden, die es in der über 50-jährigen Geschichte der Krimireihe je gab.
Korthals legt einen Brand, flieht in Feuerwehrmann-Montur und tarnt sich nach seinem zweiten Mord als Frau im Sommerkleid auf dem Fahrrad – eine grandiose, dröhnend vertonte Ouvertüre, die uns in Zeitlupe vor Augen führt, dass gegen diesen Mann offenbar (noch) kein Kraut gewachsen ist. Später führt sein Weg unerkannt ins Präsidium, in dem sich Hauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) erst wenige Sekunden zuvor mit seiner Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik) und seinem Vorgesetzten Roland Schladitz (Thomas Kügel) den Kopf darüber zerbrochen hat, wie Korthals zu stoppen ist – doch der ist ihnen immer einen Schritt voraus.
Was Korthals als Figur schon immer von anderen, durch und durch bösen Tatort-Antagonisten wie etwa dem eindimensional gezeichneten Dortmunder Bösewicht Markus Graf (Florian Bartholomäi) abgehoben hat, ist aber seine Verletzlichkeit, die die Filmemacher im 1173. Tatort erneut auf die Spitze treiben. Korthals hat Schwächen, sucht vergeblich seinen Platz in der Gesellschaft und handelt impulsiv. War in Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes noch ein verlorenes Baby die Antriebsfeder seines Tuns, so sind es diesmal ein geretteter Hund und die Zuneigung zu seiner blinden Verehrerin Teresa Weinberger (Sabine Timoteo, Krank).
Dass das Thema Hybristophilie bereits im doppelbödigen Kölner Vorgänger Der Reiz des Bösen behandelt wurde, tut dem extrem hohen Unterhaltungswert keinen Abbruch, und das Verrückte – und zugleich Reizvolle – an Korthals ist: Trotz seiner bestialischen Morde gibt es Momente, in denen wir mit ihm mitfühlen, ja Verständnis für ihn haben. Ein schmaler Grat. Auch der Krimititel greift ein Motiv auf, das bereits im Vorgänger seinen Anfang nahm: Korthals betonte immer wieder, er sei „kein schlechter Mensch“ – und hier wie dort sind und waren Borowski auf der Seite der Guten und Korthals als das personifizierte Böse häufiger Brüder im Geiste, als man das in Borowski und der stille Gast für möglich gehalten hätte.
Fernab der üblichen Krimimuster schraubt sich der Film von einer Spannungshöhe zur nächsten und allein die Performance von Axel Milberg, Sabine Timoteo und dem überragenden Lars Eidinger ist das Einschalten wert: Eidingers grandioses Spiel gipfelt zwischenzeitlich in einer überragenden Sequenz, in der Korthals vor der Kamera seinen „Freund“ Borowski nachahmt. Es ist einer der humorvollen Momente in einem fesselnden und hochemotionalen Tatort, in dem der für die Kieler Folgen typische trockene Dialogwitz trotzdem nicht fehlen darf.
Will man an Borowski und der gute Mensch etwas bemängeln, ist es die – besonders für Sascha Arangos Verhältnisse – vorhersehbare Geschichte: Sahins Opferrolle ähnelt der ihrer Vorgängerin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) doch recht stark, und weil mit Manfred Schumann (Hans-Uwe Bauer, One Way Ticket) der Vater eines Mordopfers nie aus dem Blickfeld gerät, ist früh zu erahnen, auf welchen finalen Akt das Spektakel zusteuert. Dennoch ist auch der Showdown höchstes Sonntagskriminiveau und besser als das Allermeiste, was man auf diesem Sendeplatz zu sehen bekommt.
Bewertung: 9/10


Schreibe einen Kommentar