Folge 1323
1. Januar 2026
Sender: MDR
Regie: Saralisa Volm
Drehbuch: Viola M. J. Schmidt
So war der Tatort:
Schwesterlich.
Nicht von ungefähr entstand Nachtschatten, der einige Monate vor dem Dresdner Vorgänger Siebenschläfer unter Regie von Tatort-Debütantin Saralisa Volm gedreht, aber erst zweieinhalb Monate später erstmalig ausgestrahlt wurde, unter dem Arbeitstitel Schwesternliebe: Fast alles im zweiten gemeinsamen Fall von Oberkommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) und ihrem Vorgesetzten Peter Michael Schnabel (Martin Brambach), die weiterhin ohne Nachfolgerin für die in Herz der Dunkelheit ausgestiegene Karin Gorniak (Karin Hanczewski) auskommen müssen, dreht sich um eine traumatisierte 16-Jährige. Sie ist offenbar einem Verlies im eigenen Zuhause entkommen und wendet sich hilfesuchend an die Kripo: Ihre geliebte Schwester sei dort noch gefangen und befinde sich in der Gewalt ihres Vaters.
Erinnerungen werden wach – an den überragenden Saarbrücker Tatort Verschleppt von 2012, den starken Wiener Tatort Abgründe von 2014 oder den vielgelobten Bodensee-Tatort Rebecca von 2016, die thematisch ähnlich gelagert sind. Und natürlich an reale Schreckensfälle wie den von Josef Fritzl oder Natascha Kampusch, die wohl für das Drehbuch von Viola Schmidt Pate standen. Statt vor einer Leiche, die im zunächst rätselhaften Prolog des Films auf dem Boden liegt, steht Winkler zum Auftakt vor der verwirrten und mit einem Skalpell bewaffneten Amanda (Emilie Neumeister), die in einem emotionalen Ausnahmezustand am Hauptbahnhof von Passanten aufgegriffen wurde. Fortan fungiert das Mädchen als menschlicher Dreh- und Angelpunkt des finsteren Psychothrillers.
Drei zentrale Fragen sind dabei Antriebsmotor der Story: Wer ist die erwachsene Tote, die lange Zeit gar nicht gefunden wird? Ist der unterernährte Teenager glaubwürdig oder hat das „Kellermädchen“ selbst einen Menschen getötet? Und wenn sie die Wahrheit sagt: Wo befindet sich der Keller, in dem ihre Schwester offenbar gefangen gehalten wird? Winkler und Schnabel setzen auf die Unterstützung von Psychologin Dr. Gülsüm Diallo (Abak Safaei-Rad, In seinen Augen) und quartieren Amanda in einem Jugendheim ein, finden aber kaum Zugang zu der jungen Frau. Beim gewohnt cholerischen Schnabel baut sich Frust auf, den im 1322. Tatort vor allem der bedauernswerte Kriminaltechniker Philipp Laupheimer (Yassin Trabelsi) abkriegt.
Der Dresdner Tatort ist bekannt für seine düsteren Beiträge, die oft eher Thriller als Krimis sind und im Horror-Genre wildern (man denke an elektrisierende Folgen wie Das Nest, Parasomnia oder Katz und Maus). Auch der mit einem bedrohlichen Klangteppich vertonte Nachtschatten fällt in diese Kategorie, erreicht das hohe Niveau der drei Filme allerdings nicht ganz – und das liegt weniger an der stilsicheren und mitreißenden, aber nie reißerischen Inszenierung, sondern vor allem an den Logikkratern im Drehbuch. Am Ende fällt manches von dem, was unter kontinuierlichem Anziehen der Spannungsschraube stimmungsvoll aufgebaut wurde, wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Diese Auflösung sollen wir glauben?
Der Neujahrstatort 2026 befindet sich dabei in bester Gesellschaft: An der Herausforderung, rätselhafte Phänomene oder nebulöse Unbekannte am Ende irgendwie logisch aufklären zu müssen, sind Horrorfilme in den letzten Jahrzehnten schon reihenweise gescheitert. Auch Nachtschatten wirkt unterm Strich wie ein uneingelöstes Versprechen: So packend sich die Suche nach Amandas Schwester und das Aufrollen ihrer Vorgeschichte auch gestalten, so wenig schlüssig wirkt das, was uns die Filmemacherinnen am Ende als Erklärung präsentieren. Erschwerend hinzu kommt, dass die zum Zeitpunkt des Drehs bereits 25 Jahre alte Emilie Neumeister zu alt gecastet wurde – die naive 16-Jährige, die unter einer Entwicklungsverzögerung leidet, kauft man ihr nicht immer ab.
Allein der Blick auf die Besetzungsliste gibt im Übrigen einen Hinweis darauf, welche Figur nach einem auffällig unauffälligen Erstauftritt in diesem Tatort auf der Zielgeraden noch wichtig werden könnte: Keine Geringere als Nina Kunzendorf (Mord auf Langeoog), die von 2011 bis 2013 als Hauptkommissarin Conny Mey im Frankfurter Tatort ermittelte (letztmalig in Wer das Schweigen bricht), ist in einer Nebenrolle als Hausmeisterin zu sehen. Und da sich der Kreis der übrigen Tatverdächtigen bzw. befragten Personen mit dem Ehepaar Steffen (Maik Solbach, Hydra) und Mareike Klann (Mélanie Fouché, Adams Alptraum) extrem überschaubar gestaltet, ist früh klar, wo der Hase in diesem Film hinläuft.
Da Nachtschatten nicht als klassischer Whodunit, sondern als Wettlauf gegen die Zeit und düsteres Psychogramm arrangiert ist, ist diese Vorhersehbarkeit aber recht leicht zu verkraften – und wer zudem über die wenig glaubwürdige Auflösung hinwegsehen kann, dürfte großen Gefallen an dem spannenden Beitrag aus Sachsen finden. Winkler und Schnabel dürfen sich derweil damit trösten, dass die nach wie vor vakante Planstelle von Karin Gorniak in Dresden endlich besetzt wird: Wie der MDR im Herbst 2025 verkündete, stößt demnächst eine neue Kommissarsanwärterin zum Figurenensemble dazu (weitere Informationen).
Bewertung: 6/10
Drehspiegel: So geht es im Dresdner Tatort weiter


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