Folge 1328
1. Februar 2026
Sender: RBB
Regie: Mira Thiel
Drehbuch: Mira Thiel
So war der Tatort:
Abenteuerlich.
Denn frei nach dem Motto „Je oller, je doller“ drehen die Filmschaffenden um Regisseurin und Drehbuchautorin Mira Thiel, die bereits den Berliner Vor-Vor-Vorgänger Am Tag der wandernden Seelen arrangierte, in diesem hanebüchenen Krimi mit der 71-jährigen Hauptdarstellerin so richtig frei – und schicken die Berliner Ermittlerin Susanne Bonard (Corinna Harfouch) bei ihrem letzten Tatort-Einsatz in die Wildnis. Der zuletzt gemäßigter als früher auftretende Hauptkommissar Robert Karow (Mark Waschke), der sich in Wir – Ihr – Sie einst bei wildem Schwulen-Sex austobte, stürzt sich derweil während und nach seiner Arbeitszeit in ein neues, homosexuelles Liebesabenteuer. Aber von vorn.
Gefahrengebiet startet recht klassisch und entführt uns zu Klängen von Hildegard Knef in ein eben solches: Am Teufelsberg im Berliner Grunewald wird in der Nähe der ehemaligen Abhörstation – ein grandioser Lost Place – die Leiche eines zerfleischten Obdachlosen gefunden. Weil die argwöhnische Hundebesitzerin Edda Odin (Catherine Stoyan) bereits in der Vorwoche eine Wolfssichtung gemeldet hatte, deutet viel darauf hin, dass der Mann das Opfer eines wilden Tieres wurde, wenngleich Karow vehement darauf drängt, die Obduktion abzuwarten. Und er behält natürlich Recht: Die tierischen Bisse erfolgten post mortem.
Weil beim Obdachlosen die klassische Ermittlungsarbeit im beruflichen und familiären Umfeld entfällt, eröffnet das im Film einen für die Krimireihe untypischen Abstecher: Karow und Bonard schlagen sich durch den Wald, um Spuren zu suchen und den Wolf zu finden. Keine großangelegte Suchaktion, keine Unterstützung durch weitere Beamte, kein dafür ausgelegtes, professionelles Equipment: Während Bonard zumindest eine Trekkingjacke trägt, stapft Karow im schwarzen Jackett (!) durch die Wildnis, die bei genauerer Betrachtung gar nicht so wild ist – schließlich verlaufen ein paar hundert Meter weiter die B2 und eine S-Bahn-Linie. Wer will, findet schnell heim.
Bonard will das nicht, denn kurz vor ihrer Pensionierung wird zum Thema, was der nahende Ruhestand mit ihr anstellt. Ein großer Abschied ist nicht ihr Ding und sie hadert damit, ihre Familie vernachlässigt zu haben. Nach der folgenreichen Begegnung mit Waldführerin Dara Kimmerer (Anne Ratte-Polle, Alles kommt zurück) und deren Begleiter Noah Farrell (Nils Kahnwald, Wer das Schweigen bricht) entschließt sich Bonard kurzerhand, ihre Dienstwaffe abzugeben und mit Kimmerer auf eine Selbstfindungstrip durch die Botanik zu ziehen, während der zu Recht erboste Karow Farrell im Dienstwagen in die Stadt fährt. Ein bisschen Bäume umarmen, ein bisschen Abenteuer. Aber Thrill?
Ausflüge in die Wildnis sind in der Krimireihe schon häufiger schiefgegangen: Neben dem katastrophal schlechten Ludwigshafener Totalausfall Der Wald steht schwarz und schweiget, der 2012 den Tiefpunkt dieser Drehbuch-Variationen bildete, ging die Rechnung knapp zwei Jahre vor Gefahrengebiet auch im Bremer Tatort Angst im Dunkeln nur sehr bedingt auf. In der deutschen Zivilisation funktionieren diese Geschichten oft nicht wirklich, wenngleich die im Jahr 2026 nach wie vor miserable Mobilfunknetz-Abdeckung im ländlichen Raum den Drehbüchern in die Karten spielt.
Auch aus dem 1328. Tatort hätte, ein paar Augen im Hinblick auf die Realitätsnähe zugedrückt, ein packender Survivalthriller fernab der urbanen Settings werden können – würde Bonard bei ihrer begleiteten Wanderung doch nur auf einen hungrigen Wolf oder irgendetwas anderes Aufregendes treffen. Eine Übernachtung im Müllsack und das akribische Fangen eines Süßwasserfisches bilden hier aber den Gipfel der praktisch nicht vorhandenen Spannung: Während ihr Mann Kaya Kaymaz (Ercan Karacayli), der bei Bonards letztem Auftritt zumindest noch für zehn Sekunden auftaucht, keine Ahnung hat, wo seine Gattin steckt, gibt sich die frühere Koryphäe der Polizeiakademie ganz sich selbst und der Wildnis hin. Singend.
Karow stürzt sich derweil – nicht minder umfassend dokumentiert – in eine Liaison mit dem geheimnisvollen Prepper Noah: Dessen Posttraumatisches Belastungssyndrom (PTBS) ist eine auffallende Parallele zum packenden Berliner Tatort Vier Leben, der in einer dramatischen Geiselnahme am Potsdamer Platz gipfelt. In Gefahrengebiet versandet das Ganze hingegen sowohl in Noahs Bunker als auch im Grunewald in einer jederzeit vorhersehbaren Unterwegs-mit-dem-Täter-oder-der-Täterin-Nummer: Weil es in diesem Whodunit nur zwei Tatverdächtige gibt, ist schnell klar, wer Dreck am Stecken hat und wer nicht.
So ausgefallen die Handlung, so schwach der Film – und auch Susanne Bonard, die nach sechs Einsätzen wieder abtritt, verlässt trotz guter Fälle keineswegs als Tatort-Legende die Bühne. Zu rätselhaft blieb ihre Figur, zu unausgegoren ihr privater Hintergrund, den die Drehbücher seit ihrem Debüt in Nichts als die Wahrheit kaum noch anschnitten. Personell bleibt Berlin dafür spannend: Während Assistent Malik Aslan (Tan Caglar) ohne Angabe von Gründen fehlt, feiern Forensikerin Jamila Marques (Cynthia Micas), Staatsanwältin Sara Taghavi (Jasmin Tabatabai), SpuSi-Kollegin Nancy Bauer (Johanna Polley) und LKA-Beamtin Pham Thi Mai (Trang Le Hong) ihre Comebacks. Man darf gespannt sein, wer zukünftig an Karows Seite ermittelt.
Bewertung: 3/10
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