Folge 1330
22. Februar 2026
Sender: WDR
Regie: Torsten C. Fischer
Drehbuch: Jürgen Werner
So war der Tatort:
Sauber vorbereitet – aber ohne Vorwissen schwer verständlich.
Der Teil des TV-Publikums, der den Dortmunder Vor-Vorgänger Abstellgleis aus dem März 2025 nicht kennt oder sich nicht mehr an das dramatische Finale und die Auflösung des Krimis erinnert, dürfte sich während der Erstausstrahlung von Schmerz nämlich die Finger wund googeln: Während der direkte Vorgänger Feuer die Verstrickungen von Hauptkommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) und seiner loyalen Kollegin Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) in den Mord am verhassten SpuSi-Chef und Faber-Erzfeind Sebastian Haller (Tilmann Strauß) nur am Rande beleuchtete, führt Stammautor Jürgen Werner (Du bleibst hier) sie nun furios zu Ende.
Auch sonst ist zu spüren, dass mit Werner wieder der Mann am Ruder sitzt, der mit Abstand die meisten aller Dortmunder Folgen schrieb und das Team seit dem Erstling Alter Ego von 2012 kontinuierlich weiterentwickeln und neu erfinden musste: 2020 stieg Nora Dalay (Aylin Tezel) in In der Familie (1) aus, 2022 wurde Martina Bönisch (Anna Schudt) in Liebe mich! erschossen und 2024 ging Jan Pawlak (Rick Okon) in Cash. Schmerz ist nun der letzte Tatort mit Tezel-Nachfolgerin Stefanie Reinsperger, die 2021 in Heile Welt debütierte und die Krimireihe auf eigenen Wunsch verlässt (weitere Informationen). Das hat erhebliche Auswirkungen auf die Horizontale, in der auch Teamchefin Ira Klasnic (Alessija Lause) sowie der in Abstellgleis lose zum Team gestoßene Ex-Streifenpolizist Otto Pösken (Malick Bauer) mitmischen.
Pösken und Herzog teilen nicht mehr nur das Büro, sondern auch das Bett miteinander, was zusätzliches Konfliktpotenzial bietet: Der Düsseldorfer LKA-Kollege und Rückkehrer Daniel Kossik (Stefan Konarske), bis zu seinem Beinahe-Tod in Sturm jahrelang selbst Bestandteil des Dortmunder Teams, hat Pösken auf Herzog und Faber angesetzt, um den beiden eine Beteiligung an Hallers Tod nachzuweisen. Er hegt Zweifel daran, dass Haller von seinem SpuSi-Kollegen Magnus Gabor erstochen wurde, den wiederum Herzog ohne große Not erschoss. All das sollte man grob wissen, um der Handlung in Schmerz wirklich folgen und etwa den witzigen Pommesbuden-Moment von Kossik und Faber einordnen zu können.
Im Nachhinein rücken einige Momente aus Abstellgleis, dessen offene Fragen wir hier erläutern und der ebenfalls unter starker Regie von Torsten C. Fischer (Die Schöpfung) entstand, in ein neues Licht – und es ist sehr wahrscheinlich, dass Reinspergers Ausstieg bereits beschlossene Sache war, als der Stoff zum Vor-Vorgänger entwickelt wurde. So konnte der WDR den Abschied ihrer Figur, der konsequent zugespitzt und ohne Kompromisse zu Ende geführt wird, erstklassig vorbereiten. Auch die enge emotionale Bindung zwischen Ira Klasnic und Galerist Lorik Duka (Kasem Hoxha), der in Schmerz eine Schlüsselrolle beim Kriminalfall spielt, wurde offen angeteasert. Diesmal stirbt ein Kriegsverbrecher aus der Zeit der Jugoslawienkriege, der unter falscher Identität in Deutschland lebte – die Spur zu Lorik Duka und dessen arrogant-abweisender Schwester Klea (Elda Sorra) ist schnell gefunden.
Dukas potenzielle Verstrickungen in den Mord, bei dem der bosnischen Sex-Arbeiterin Maria Novak (Lorena Jurić) eine gewichtige Rolle zukommt, sind allerdings nicht das, was Schmerz zu einem so denkwürdigen und vor allem im Schlussdrittel unheimlich mitreißenden Krimidrama machen, das fast alles infrage stellt, an das wir in den letzten Dortmunder Jahren geglaubt haben: Selbst Faber und Herzog, seit dem Bönisch-Tod nah aneinandergerückt und von Kossik gegeneinander ausgespielt, wissen irgendwann nicht mehr, ob sie sich trauen können. Der zu lösende Mordfall, der in ähnlichem thematischen Kontext steht wie der Wiener Tatort Der Elektriker drei Monate zuvor, dient als klassisches Krimikorsett und hat den Nebeneffekt, dass wir viel über die bisher so unsympathische Klasnic erfahren.
Der Figur tut das gut, doch die wahre Antriebsfeder der 1330. Tatort-Folge ist die Horizontale und damit die erneute Aufarbeitung des Haller-Mords. Der Stoff hätte mühelos einen Zweiteiler gefüllt – dass die Geschichte uns höchste Aufmerksamkeit abverlangt und zwischenzeitlich etwas überfrachtet wirkt, schmälert den Unterhaltungswert kaum. Gleichzeitig wird in diesem Krimidrama einmal mehr deutlich, was für eine herausragende Schauspielerin die Krimireihe mit Stefanie Reinsperger verliert: Allein der Moment, in dem Rosa Herzog Videos aus der Zeit der Jugoslawienkriege sichtet, in denen Massenvergewaltigungen an der Tagesordnung waren, offenbart ihre immense schauspielerische Klasse. Sie hinterlässt eine wirklich Schmerz-hafte Lücke, die der WDR nun erst einmal füllen muss, so er es denn will.
Natürlich lassen sich auch in diesem bärenstarken Tatort Haare in der Suppe finden, besonders was das nicht immer schlüssige Handeln der Kripo angeht: Dass Klasnic etwa die aufgewühlte Tatzeugin Novak bei sich einquartiert, dient vor allem dem unkomplizierten Erzählen und der Dramaturgie – das SEK wiederum stellt sich auf der Zielgeraden des Films ziemlich dämlich beim Umstellen und Stürmen eines Fertighauses an. Das bereitet jedoch den Boden für den dramatischsten Moment des Films, in dem die Karten auf dem Tisch liegen und in Zeitlupe ein Hauch von Wild-West-Atmosphäre entsteht: Gleich sechs (!) Personen zielen hier aus verschiedenen Perspektiven mit der Waffe aufeinander, ehe es zum letzten Mal kracht.
Bewertung: 8/10
Rückblick: Diese Fragen blieben in „Abstellgleis“ offen
Ausstieg: Darum verlässt Stefanie Reinsperger die Reihe
Drehspiegel: So geht es im Dortmunder Tatort weiter


Schreibe einen Kommentar