Folge 27
4. März 1973
Sender: SWF
Regie: Wilm ten Haaf
Drehbuch: Dieter Waldmann
So war der Tatort:
Busreisend.
Fröhlich untermalt durch die Klänge von Horst Jankowskis „Eine Schwarzwaldfahrt“ begleitet die Kamera einleitend eine Reisegruppe aus Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt auf der Schwarzwaldhochstraße (B500) in Richtung Mummelsee. Reiseleiter Horst Lüdecke (Paul Neuhaus, Fortuna III) hat seine arge Mühe, die Truppe zu unterhalten, die in einem ab 1965 häufig gebauten Omnibus vom Typ Mercedes-Benz O 302 unterwegs ist: Zu unterschiedlich sind die Typen, die sich in dem Gefährt mit dem wunderbar passenden Namen „Kieler Sprotte“ gemeinsam auf die Reise gemacht haben und denen er die Sehenswürdigkeiten des Südwestens nahezubringen versucht.
Eine Gruppe von Diakonissen unter der Leitung von Schwester Trautlinde (Gerda Gmelin, Kressin und der tote Mann im Fleet) und Pastor Karl Petersen (Hans-Werner Bussinger, Rubecks Traum) gehört zur bunten Reisetruppe, ebenso ein Sex-Magazine schmuggelnder Däne (Ulrik Brödersen), die Studienrätin Dr. Ilsemarie Lorenz (Irene Marhold, Der vergessene Mord), die Freundinnen Martha Turowski (Eva-Ingeborg Scholz) und Ella Kern (Rosemarie Fendel, Kneipenbekanntschaft), die Ehepaare Lachmann (Toni Treutler und Wolfgang Borchert, Blechschaden) und Below (Wilma Gatzke und Bruno Vahl-Berg, Gift), der Vertreter Klaus-Dieter Kladde (Günter Ungeheuer, Das stille Geschäft), Kurt Levien (Arnold Marquis, Tod im Elefantenhaus) und Friedrich von Ribnitz (Wolfgang Preiss, Gefährliche Wanzen).
Noch erheblich länger stellt sich die Liste der Mitwirkenden der 27. Tatort-Folge dar, die auffällig hochkarätig besetzt ist. Umso merkwürdiger ist es, dass Jens Weisser (Blechschaden) in seiner nicht ganz unwichtigen Rolle als fotografierender Mitreisender Michael Niebüll darin nicht aufgeführt, wohl aber prominent auf den Pressefotos abgebildet ist. In Anbetracht des großen Casts hat Hauptdarsteller Heinz Schimmelpfennig arge Mühe, seine Rolle als (noch) vornamenloser Kommissar Gerber bei seinem Debüt zu profilieren. Als neuer Ermittler des SWF beerbt er Kommissar Pflüger (Ernst Jacobi), der bereits nach seinem soliden Premierenfall Wenn Steine sprechen wieder ausgeschieden war.
In – durch Eifersüchteleien und Getratsche – schwieriger Atmosphäre eskaliert die Situation, als Martha Turowski leblos aufgefunden wird und Wiederbelebungsversuche erfolglos bleiben. Kommissar Gerber und sein Assistent Wingart (Gernot Endemann), der schon Pflüger zur Seite stand, müssen nun erst einmal zu klären, ob überhaupt ein Verbrechen vorliegt: Sie ermitteln sich durch den Wust an Verdächtigen und schließlich wird Kladde – wieder einmal dargestellt von Günter Ungeheuer als „Standard-Bösewicht“ – unter Mordverdacht festgenommen. Durch einen Besuch des Kieler Tatort-Kollegen Finke (Klaus Schwarzkopf) erfahren die Kriminalen aus Baden-Baden, dass der ein umfangreiches Vorstrafenregister hat: Kladde ist mehrfach verurteilt als Betrüger und Heiratsschwindler. Trotzdem kommt Gerber nicht weiter.
Die Busreise geht weiter nach Baden-Baden, wo es im „Holland Hotel“ einen weiteren Todesfall gibt und wo Gerber sich die Mitglieder der Reisegruppe alle noch einmal vornehmen muss, ohne neue Anhaltspunkte für die Lösung des Falls zu erhalten. Sehr dialoglastig, im klassischen Agatha-Christie-Stil und als Ensemblefilm geschrieben, kann das Drehbuch von Dieter Waldmann eigentlich nicht als Premiere für einen neuen Kommissar gedacht gewesen sein. Das lässt sich auch deshalb bezweifeln, weil der Autor schon im Dezember 1971 verstarb, zu einem Zeitpunkt also, als der erste SWF-Beitrag noch gar nicht ausgestrahlt worden war.
Dafür betonen Handlung und Inszenierung die für die Krimireihe typische regionale Verortung: Vor allem die gewählten Originalschauplätze, etwa das Berghotel Mummelsee (abgebrannt 2008 und danach neu errichtet, später auch Drehort für den Schwarzwald-Tatort Sonnenwende von 2018), die Ruine des Rittersaals der Burg Hohenbaden und das in vielen Fernsehfilmen des Südwestfunks aus dieser Zeit unvermeidliche Casino in Baden-Baden tragen dazu bei.
Schnörkellos inszeniert Regisseur Wilm ten Haaf (Als gestohlen gemeldet) seinen ersten Tatort, dem noch sechs weitere folgen – alle für den Bayerischen Rundfunk. Eine eigene Handschrift lässt sich in Cherchez la femme oder Die Geister vom Mummelsee noch nicht ausmachen; schwierig und undankbar ist es für den Filmemacher allerdings auch, die endlosen Verhöre und das fast neunminütige (!) Geständnis im Büro des Kommissars spannend zu inszenieren. Dabei ist die Auflösung selbst durchaus überraschend und plausibel.
Bewertung: 6/10


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