Folge 342
29. September 1996
Sender: SDR
Regie: Dieter Schlotterbeck
Drehbuch: Felix Huby
So war der Tatort:
Britisch-schwäbisch.
Im sechsten Tatort mit LKA-Kommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck) treffen vor und nach Feierabend in einem Steinbruch auf der Schwäbischen Alb sowie auf einer Großbaustelle im Herzen Stuttgarts nämlich zwei Nationen aufeinander, die im Jahr 1996 nicht besonders gut aufeinander zu sprechen waren: Engländer und Deutsche. Im Sommer dieses Jahres hatte die DFB-Elf von Bundestrainer Berti Vogts ausgerechnet im Mutterland des Fußballs den Europameistertitel geholt und die britischen Erzrivalen beim legendären Halbfinale im eigenen Wembley-Stadion gedemütigt – eine historische Schmach, die unter anderem im berühmten Fußballsong Three Lions ’98 aufgegriffen wurde und für viele Briten bis heute unvergessen ist.
Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten hatte dieses Spiel allerdings noch nicht stattgefunden – und nicht nur deshalb stellt sich die Frage, warum sich Drehbuchautor Felix Huby (Bienzle und der Biedermann), der auch die Geschichten zu allen fünf Vorgängern mit Bienzle schrieb, mit Blick auf die Arbeiterschaft auf deutschen Großbaustellen ausgerechnet für Engländer entschieden hat. In den von steigender Arbeitslosigkeit geprägten 90er-Jahren waren es nämlich eher vereinzelt Menschen aus Großbritannien, die hierzulande im Niedriglohnsektor arbeiteten und zwischen Kiel und Konstanz mitanpackten, sondern vor allem Menschen aus Süd- und Südosteuropa – etwa aus der Türkei, Italien und dem ehemaligen Jugoslawien.
Menschen aus diesen Nationen kommen in diesem Winterkrimi nicht vor – die zahlreichen „Tommys“ hingegen arbeiten im 342. Tatort, in dem Bienzle wieder vom Kollegen Günter Gächter (Rüdiger Wandel) und dem diesmal mit viel Kamerazeit gesegneten Gerichtsmediziner Dr. Bernhard Kocher (Klaus Spürkel) unterstützt wird, für den Baukonzern von Wilhelm Zanker (Dieter Eppler, mimte von 1970 bis 1977 den Tatort-Kommissar Liersdahl in Saarbrücken), einem herrischen Firmenchef aus dem Bilderbuch. Einleitend kommt einer der Engländer bei einer Sprengung in Zankers Steinbruch ums Leben, was die Landsleute des Toten auf den Zaun bringt und Bienzle auf den Plan ruft – schließlich besteht ja die Möglichkeit, dass es sich nicht um einen tragischen Arbeitsunfall, sondern um gezielten Mord handelt.
Unter Regie von Dieter Schlotterbeck, der nach Bienzle und der Mord im Park zum zweiten Mal für einen Tatort aus der baden-württembergischen Landeshauptstadt am Ruder sitzt, verfolgt der Film die Indizien um einen der möglicherweise spektakulärsten Tatort-Morde aller Zeiten allerdings nur halbherzig. Gächter bestätigt in seinem Bericht die Unfalltheorie, Befragungen in der britischen Arbeiterschaft finden praktisch nicht statt und Bienzle spricht vor allem mit Zanker und dessen zunehmend in Ungnade gefallenen Schwiegersohn Hermann Schweikhardt (Friedrich-Karl Praetorius, Kesseltreiben), was die Erzählperspektive zu einer sehr deutschen macht: Die Untersuchung der Leiche legt die Vermutung nahe, dass im Steinbruch Giftmüll entsorgt wurde, was nicht nur illegal, sondern für die Arbeiter lebensgefährlich wäre.
Die Filmschaffenden legen den Finger damit auf den Puls der Zeit, schließlich sorgte Giftmüll in Deutschland damals für Schlagzeilen – man denke etwa an den bayrischen Giftmüllskandal von 1995, der ein Jahr vor der TV-Premiere dieses Bienzle-Falls aufgeklärt wurde. Mit dem Thema Umweltkriminalität fasst der Film ein heißes Eisen an, da die Gesetzgebung zu diesen Delikten gerade verschärft und das ökologische Bewusstsein der Bevölkerung entsprechend geschärft wurde. So realitätsnah Bienzle und der Traum vom Glück in diesem Kontext ist, so oberflächlich setzt sich der Krimi allerdings mit der Lebenswelt der britischen Gastarbeiter auseinander: Von kleineren Querelen auf der Baustelle einmal abgesehen, erfahren wir so gut wie nichts darüber, was es heißt, sein Heimatland zu verlassen und als Scheinselbstständiger in der schwäbischen Provinz seine Brötchen zu verdienen.
Exemplarisch zeigt sich die fehlende Tiefe am gesundheitlich ebenfalls angeschlagenen Bauarbeiter Edward (Matthias Ponnier, Bienzle und die schöne Lau): Er ist mit Klara Grossmann (Veronika Fitz, Tote brauchen keine Wohnung) liiert, blättert mit seiner deutschen Partnerin aber lieber in einem Reiseführer über Großbritannien, als ihr (und dem TV-Publikum) etwas Authentisches aus seiner Heimat preiszugeben. Stattdessen verirrt sich das Drehbuch in ein Saufgelage nach Feierabend, bei dem Deutsche und Briten gleichermaßen angetrunken ihre Hosen herunterlassen und mit nacktem Hinterteil zum Schwanzvergleich aufrufen – eine nicht nur aus heutiger Sicht irritierende Sequenz, die das Klischee vom ewig besoffenen Briten befeuert, statt neue Sichtweisen zu eröffnen.
Bienzle und der Traum vom Glück bringt es dennoch auf einen soliden Unterhaltungswert, denn insbesondere die Spannungen zwischen dem erzkonservativen Patriarchen Zanker („Ne Frau aufm Bau, sowas hab ich gern“), seinem unter Druck gesetzten Schwiegersohn und dessen zunehmend genervter Gattin Regine (Tatjana Blacher, Alles hat seinen Preis) bieten die eine oder andere starke Szene, in der vor allem Friedrich-Karl Praetorius eine Kostprobe seines schauspielerischen Potenzials gibt. Hannelore Schmiedinger (Rita Russek) wiederum, die sich zwischenzeitlich um Grossmann kümmert, ist deutlich weniger präsent als im direkten Vorgänger Bienzle und die Feuerwand: Sie gibt diesmal die klassische Hausfrau und versorgt ihrem Ernst zwischenzeitlich auch dessen lädierte Schulter.
Bewertung: 5/10


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