Bild: SWR/Schweigert

Bienzle und der Taximord

Folge 538

3. August 2003

Sender: SWR

Regie: Hans-Christoph Blumenberg

Drehbuch: Felix Huby

So war der Tatort:

Mobil.

Bienzle und der Taximord unter Regie von Hans-Christoph Blumenberg (Salü Palu) spielt nämlich – der Filmtitel deutet es an – zu großen Teilen in der Stuttgarter Taxifahrerszene. Und damit in einem urbanen Setting auf den Parkplätzen und vielbefahrenen Straßen der baden-württembergischen Landeshauptstadt, die diesmal auch Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck) und sein Kollege Günter Gächter (Rüdiger Wandel) vorzugsweise per Taxi bereisen und auf denen seit der Ermordung des bei seinen Kollegen beliebten Taxifahrers Konrad Lenzen (Udo Thies, Herrenabend) die Angst umgeht: Treibt hier etwa – so wie in Bienzle und der Zuckerbäcker, den 1999 ebenfalls Blumenberg inszenierte – ein kaltblütiger Serienmörder sein Unwesen?

Es sieht so aus, denn einige Monate zuvor wurde schon der Gatte der finanziell gebeutelten Taxiunternehmerin Anita Holz (Katrin Saß, Rückspiel) ermordet. Und so gilt es für Bienzle und Gächter, die einmal mehr von Gerichtsmediziner Dr. Bernhard Kocher (Klaus Spürkel) unterstützt werden, nicht nur darum, zwei Morde aufzuklären, sondern auch darum, weitere zu verhindern. Wer im 538. Tatort als Fahrgast in ein Taxi steigt, steht quasi unter Generalverdacht. So auch das aufmüpfige Punker-Pärchen Fred Wolther (Christoph Bach, Der oide Depp) und Sabrina Thalheimer (Brigitte Zeh, Nachtgeflüster), das im Auto des zweiten Opfers kurz vor dessen Tod Platz genommen hatte, aber so übertrieben verdächtig (und geschminkt) ist, dass es für Genrekenner bei der Suche nach der Antwort auf die Täterfrage direkt ausscheidet.

Stammautor Felix Huby (Bienzle und der Biedermann), der beim achtzehnten Tatort mit dem schwäbischen Kriminalisten zum sechzehnten Mal am Ruder sitzt, präsentiert uns eine vor allem im Auftaktdrittel spannende Kreuzung aus Whodunit und Howcatchem, bei der wir womöglich früh um die Identität des Täters wissen. Denn da ist immer wieder ein dunkel gekleideter Mann im Bild, der Taxifahrern wie dem zunehmend paranoiden Norbert Faist (Hilmar Eichhorn, Auf einen Schlag) und dem schnöseligen Thomas Breuer (Robert Glatzeder, Veras Waffen) oder Prostituierten wie der eng mit Breuer befreundeten Chantal (Joana Adu-Gyamfi, Scheinwelten) im Rotlichtviertel auf die Pelle rückt: Welches Ziel der Mann verfolgt und ob er in Diensten eines Dritten unterwegs ist, bleibt dabei lange Zeit im Nebel.

Leider gelingt es den Filmschaffenden nicht, das anfangs hohe Spannungslevel zu halten oder kontinuierlich zu steigern: Je länger Bienzle und der Taximord dauert, desto zäher und dialoglastiger gestaltet sich das Geschehen. Während Holz, die nach dem Tod ihres Mannes mit Lenzen angebandelt hatte, Bienzle ihr Herz ausschüttet und ihm den knallharten Konkurrenzkampf mit dem auf Ich-Unternehmen setzenden Taxiunternehmer Erich Blacher (Christian Redl, Waidmanns Heil) illustriert, debattiert die toughe Taxifahrerin Elke Heidenreich (erste und einzige TV-Rolle: Carola Schwelien) mit ihren Kolleginnen und Kollegen über den deutschen Rechtsstaat. Dabei gibt sie Stammtischparolen zum Besten, auf die man nicht nur in einem Drehbuch für die beste Sendezeit getrost hätte verzichten können.


HEIDENREICH:
Die Polizei ist bei uns zu passiv. Und die Gesetze sind zu lasch. Wenn wir bei uns die Todesstrafe hätten…

HOLZ:
Und du meinst, das würde einen Junkie davon abhalten, ja? Wenn er unbedingt ’nen Schuss braucht und keine müde Mark mehr in der Tasche hat?

HEIDENREICH:
Die gehören doch sowieso vorher weggesperrt. Ins Gefängnis. Einzelzelle, Wasser und Brot.

Der Blick auf die Besetzung entschädigt dafür für so manche Drehbuchschwäche und die Längen im Mittelteil: Mit Good Bye, Lenin!-Star Katrin Sass (der Publikumshit lief zeitgleich zur TV-Premiere von Bienzle und der Taximord im Kino) und dem schon damals fest im TV-Geschäft etablierten Christian Redl zählen zwei Schauspielende der ersten Garde zum Cast. Sie lassen uns großzügig über einige weniger stark besetzte Nebenrollen hinwegsehen. Sass wird schauspielerisch mehr gefordert und mimt die interessantere, weil vielschichtigere Figur: Aufgrund der Vorgeschichte der Taxiunternehmerin und dem lange Zeit rätselhaften Tod ihres Gatten, in den auch Redls Blacher involviert sein könnte, sind wir uns nie ganz sicher, welche Rolle Holz wirklich in diesem Kriminalfall spielt.

Und natürlich kommt auch Bienzles Lebensgefährtin Hannelore Schmiedinger (Rita Russek), inzwischen wieder in dessen Wohnung eingezogen und mit Pinsel und Farbe an den Leinwänden fleißig, zu ihrem Recht: Hannelore gibt diesmal die Modeberaterin und nötigt ihren genervten Gatten dazu, sich anlässlich seiner bevorstehenden Beförderung zum Ersten Kriminalhauptkommissar und der angekündigten Feier mit dem Polizeipräsidenten (Christian Pätzold, Bienzle und der süße Tod) endlich einen neuen Anzug zuzulegen. Der gemeinsame Besuch beim Stuttgarter Herrenausstatter und die mehrfach verschobene Feier mit dem Präsidenten verschmelzen zu einem gelungenen Running Gag, der für die heitersten Momente sorgt und in ein vor Kitsch nur so triefendes, augenzwinkerndes Finale mündet.

So ist Bienzles achtzehnter Fall, in dem die Spannungskurve erst auf der Zielgeraden wegen der drohenden Selbstjustiz der Taxifahrer noch einmal spürbar nach oben ausschlägt, ein durchaus kurzweiliger Krimi, bei dem sich Licht und Schatten die Waage halten – größter Pluspunkt ist neben der soliden Auflösung eindeutig der reizvolle Ausflug ins selten beleuchtete Taximilieu. Ein wenig mehr Tiefenbohrung hätte das Drehbuch dabei aber gerne betreiben können: Dass etwa viele Fahrer aus finanzieller Not oder wegen Arbeitslosigkeit die Taxis durch die Neckarmetropole steuern (müssen), von Trinkgeldern und kaum über dem Existenzminimum leben, blendet der Film nahezu vollständig aus.

Bewertung: 5/10


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