Bild: SWR

Bienzle und der süße Tod

Folge 505

14. Juli 2002

Sender: SWR

Regie: Arend Agthe

Drehbuch: Felix Huby

So war der Tatort:

Inspiriert vom Tod der Anna B..

Drehbuchautor Felix Huby (Bienzle und der Biedermann), der beim sechzehnten Tatort mit dem schwäbischen Hauptkommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck) bereits zum vierzehnten Mal die Geschichte beisteuert und im Film einen Cameo-Auftritt als Taxifahrer hat, orientiert sich bei seinem Drehbuch nämlich stark am bis heute ungeklärten Todesfall dieses Kindes und der undurchsichtigen Rolle seiner Patentante: Fast alle Figuren und Aspekte des realen Kriminalfalls aus dem Jahr 2000 finden zwei Jahre später in Bienzle und der süße Tod ihre eindeutige Entsprechung. True-Crime-Feeling im Ländle!

Anna B. wird im 505. Tatort unter Regie von Arend Agthe, der nach Bienzle und der heimliche Zeuge zum zweiten Mal für eine Stuttgarter Folge am Ruder sitzt, zum achtjährigen Sascha Reimer (Patrick Baehr) – und der sorgt in der aufwühlenden Auftaktviertelstunde für einen echten Paukenschlag. Zunächst lernen wir seine wegen Multipler Sklerose an den Rollstuhl gefesselte, suizidgefährdete Mutter Ariane (Bettina Kupfer, Eine unscheinbare Frau) und seinen fremdgehenden Vater Marcel (Jophi Ries, Söhne und Väter) kennen, der sich von seiner wohlhabenden Gattin trennen und mit seiner Geliebten ein neues Leben anfangen will. Doch es stirbt keiner der beiden Streithähne, denen ein Sorgerechtsstreit ins Haus steht, sondern Sascha: Erst klagt der Junge über Schmerzen, dann spuckt er und verstirbt schließlich trotz allen Bemühungen der Ärzte im Krankenhaus.

Bienzle, der von seinem Kollegen Günter Gächter (Rüdiger Wandel) und Rechtsmediziner Dr. Kocher (Klaus Spürkel) unterstützt wird, lässt der dramatische Kindstod nicht kalt – gleichwohl weiß der kinderlose Kriminalist, dass niemand ohne Nachwuchs wissen kann, wie sich der Verlust des einzigen Kindes für Eltern anfühlt. Früh ins Visier der Kripo gerät Saschas Tante, die die größte Parallele zum einleitend erwähnten, realen Todesfall ist: Sonja Brandstätter (Ursula Maria Schmitz), die einst mit Marcel Reimers liiert war und selbst keine Kinder bekommen kann, hatte als Babysitterin mit dem vergifteten Sascha noch Nudeln mit Tomatensoße gegessen und anschließend die zwei Teller und den Topf in den leeren Geschirrspüler geräumt. Das macht sie zur – viel zu verdächtigen und deshalb natürlich unschuldigen – Hauptverdächtigen.


GÄCHTER:
Dafür macht man doch keinen Geschirrspüler an.

BIENZLE:
Das kann keine Schwäbin sein.

Hubys Drehbuch wiegt uns – abgesehen von einer frühen Sequenz am Stuttgarter Fernsehturm und einigen Telefonaten des vom Tod seines Sohnes wenig mitgenommenen Familienvaters – in dem trügerischen Glauben, wir hätten es bei diesem Tatort mit einer klassischen, emotional aufgeladenen Hass- oder Eifersuchtsfehde zu tun, die das falsche Opfer das Leben gekostet hat. Wollten sich die Eheleute gegenseitig aus dem Weg räumen? Spätestens mit den Auftritten von Ariane Reimers Physiotherapeutin und bester Freundin Marion Kertesz (Katharina Abt, Die Neue) sowie der von Ariane engagierten, urschwäbischen Privatdetektivin Annette Germeroth (Bärbel Strecker), die Gächter datet, kristallisiert sich heraus, wer hier welche Ziele verfolgt. Das macht zwar das tödliche Ehedrama, aber nicht die Täterfrage durchschaubar.

Die Nebelkerzen lenken clever vom wahren Hintergrund der Tat ab, was Bienzle und der süße Tod zu einem tollen, lange Zeit rätselhaften Whodunit macht. Auch schauspielerisch gibt es Glanzlichter: Neben dem immer tollen Walter Renneisen (Bienzle und die blinde Wut) in der Rolle des skrupellosen Pralinen-Unternehmers Dr. Markus Borchert spielt vor allem Bettina Kupfer in der vielschichtigen Episodenhauptrolle als verbitterte, doppelt betrogene und von Zukunftsängsten zerfressene Rollstuhlfahrerin stark auf. Leider gilt das nicht für den gesamten Cast: Während der erfahrene Jophi Ries als durchtriebener Ehemann und opportunistischer Prokurist wenig zeigen darf, ist ausgerechnet der Auftritt von Ursula Maria Schmitz in ihrer Schlüsselrolle der Schwachpunkt der Besetzung. Ihr Spiel wirkt gekünstelt, ihre Sätze klingen aufgesagt – und ihre TV-Karriere ist bald wieder vorbei.

Und da ist ein weiterer Minuspunkt, der das Gesamtbild des eigentlich beklemmend und mitreißend arrangierten Krimidramas empfindlich schmälert: Nachdem Bienzle in seinem vierten Tatort Bienzle und der Mord im Park bereits einen kleinen Hund namens Balou im Stuttgarter Schlossgarten spazieren führte, quartiert die im Vorgänger Bienzle und der Tag der Rache wieder bei ihm eingezogene Hannelore Schmiedinger (Rita Russek) diesmal ungefragt einen Bernhardiner mit dem geschichtsträchtigen Namen Agamemnon bei ihm ein. Das sorgt nicht nur für gestörte Zweisamkeit und eine Treppenhaus-Beschwerde von Vermietergattin Rominger (Trudel Wulle, Bienzle und das Doppelspiel), sondern für seichtes Vorabend-Feeling im Stile der ebenfalls in den 2000er Jahren ausgestrahlten Vorabendserie Da kommt Kalle.

Der Spannungskurve haben spontane Aufnahmen von Vierbeinern, wie sie auch im Bremer Tatort Schlafende Hunde, im Leipziger Tatort Mauerblümchen oder im Münchner Tatort Hackl zu beobachten sind, noch nie gut getan – vielmehr sorgen sie für entschleunigende, heitere Momente, die Bienzle und der süße Tod einen großen Teil der Wucht rauben, die der Film hätte entfalten können. So wirkt die Geschichte überfrachtet – die wertvolle Zeit, die für die klamaukig vertonten Agamemnon-Szenen draufgeht, wäre besser in mehr Borchert-Momente oder die Handlungen des kriminellen Heiko Plass (Dirk Borchardt, Odins Rache) investiert gewesen, der nach einem kurzen Auftritt zu Beginn erst spät wieder ins Geschehen eingreift. So ist der sechzehnte Bienzle-Tatort trotz starker Ansätze nicht der große Wurf, der er nach dem dramatischen Auftakt hätte werden können.

Bewertung: 6/10


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