Folge 492
24. Februar 2002
Sender: BR
Regie: Filippos Tsitos
Drehbuch: Stefanie Kremser
So war der Tatort:
Rustikal-traditionell.
Denn Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) bekommen von der bayrischen Landeshauptstadt – ebenso wie wir, das Publikum – bei ihrem 31. Einsatz wenig zu sehen. Die Ermittlungen führen die Münchner Hauptkommissare vielmehr auf einen alteingesessenen Schafzuchtbetrieb am Stadtrand: Zwischen Schafen, kauzigen Hofarbeitern und festgefahrenen Traditionen gilt es, sich Gehör zu verschaffen und einen Mord aufzuklären. Doch auf dem ungewohnten Terrain gestaltet sich beides gar nicht so leicht.
Nicht zum ersten, aber auch bei weitem nicht zum letzten Mal atmet ein Tatort damit in seiner Geschichte Landluft: In Hamburg ging es bereits 1993 Um Haus und Hof und auch spätere Fälle – man denke an den Niedersachsen-Tatort Der sanfte Tod von 2014, die Schwarzwald-Folge Sonnenwende von 2018 oder die Wiener Episode Bauernsterben, in der Moritz Eisner und Bibi Fellner 2023 in einem industriellen Schweinemastbetrieb ermitteln – zeigen, dass hinter der scheinbaren Idylle von Landleben, Tierzucht und traditioneller Lebensweise mit harten Bandagen gekämpft wird und es schon gar nicht immer appetitlich zugeht.
In der 492. Tatort-Folge muss das auch der Schäfer Jost Schulze (Achim Buch, Feuerteufel) am eigenen Leib erfahren, der nach einer etwas überladen wirkenden Auftaktsequenz, in der wir fast alle am späteren Fall beteiligten Figuren jeweils kurz zu Gesicht bekommen, erstochen in seinem Wohnwagen auf der Münchner Panzerwiese aufgefunden wird. Schnell wird klar: Der Tote, der als Verwalter auf dem nahegelegenen Stadlerhof arbeitete, war mit seiner kompromisslosen Art nicht überall beliebt und bekam sich auch gerne mal – das Wortspiel sei an dieser Stelle erlaubt – mit anderen in die Wolle.
Etwa mit dem Hofmechaniker Reçep Ergin (Ünal Silver, Lockvögel), der auf besagtem Hof illegal Schafe schächtet und intensiv mit Lämmern handelt. Oder mit dessen Sohn Arkan (Hussi Kutlucan, Der Wächter der Quelle), der den Hof verlassen musste, nachdem Schulze ihn wegen Diebstahls angezeigt hatte. Selbst Cindy Schulze (Tatjana Alexander, Unsterblich schön), die breitesten Berliner Dialekt sprechende Frau des Toten, hat ein Motiv: Sie ist unglücklich und will zurück in ihre Heimat, was ihr Mann ihr schon lange versprochen, aber nicht gehalten hatte.
Die Geschichte aus der Feder von Drehbuchautorin Stefanie Kremser, die ihr Debüt für die Krimireihe gibt, den Münchner Tatort in den Folgejahren aber noch mit vier weiteren Geschichten versorgt (darunter das herausragende Skript zu Kleine Herzen), ist als traditioneller Whodunit konstruiert und funktioniert als solcher hervorragend. Nicht nur die Anzahl an Verdächtigen ist erfreulich groß, auch die Motivlagen gestalten sich erfrischend abwechslungsreich. Kremser lässt dabei kulturelle und religiöse Traditionen aufeinanderprallen.
Das Setting des in die Jahre gekommenen Hofs ist zudem Schauplatz eines Generationenkonflikts zwischen dem starrsinnig-überforderten Karl Stadler (Franz Xaver Kroetz, Am Ende des Flurs) und dessen Sohn Maximilian (Hendrik Duryn, Kinderland), der in Anzug und Krawatte in den Augen seines Vaters das schwarze Schaf der Familie ist. Während Stadler Senior nachdem Prinzip „Haben wir immer so gemacht, machen wir auch weiterhin so“ verfährt, will Maximilian aus dem maroden Anwesen einen Reiterhof machen und es wirtschaftlich auf Vordermann bringen. Da ist es mit der Tradition nicht mehr weit her, was den diesmal auffällig gereizten und dünnhäutigen Leitmayr, der sich einer traditionellen Bierkur unterzieht, vor einem Werbeplakat zu einem süffisanten Kommentar verleitet.
Unter Regie von Filippos Tsitos (Sechs zum Essen), der ebenfalls seinen Tatort-Einstand feiert, verkommt der Film aber nicht zum gesellschaftspolitischen Lehrstück, auch wenn die Handlung auf die BSE-Krise und den Nitrofen-Skandal anspielt. Vielmehr entsteht ein temporeicher und unterhaltsamer Heimatkrimi, was nicht zuletzt auf die treffsicheren Dialoge und eine gesunde Portion Humor zurückzuführen ist. Beispielhaft dafür steht eine großartige, zum Brüllen komische Szene, in der Batic und Leitmayr den sardischen Schäfer Guiseppe Santini (Claudio Caiolo, Ein Freund, ein guter Freund) befragen und dabei nicht nur kommunikativ, sondern auch geduldstechnisch an ihre Grenze stoßen. Herrlich absurd!
Ganz frei von Schwächen ist Wolf im Schafspelz allerdings nicht: Assistent Carlo Menzinger (Michael Fitz) etwa, diesmal mit relativ wenig Kamerazeit gesegnet, wird lange Zeit auf einen kurzweiligen Running Gag um eine Schafswurst reduziert, die am Ende – für das erfahrene Tatort-Publikum keine große Überraschung – natürlich nochmal wichtig wird. Auch die übrige Krimihandlung bleibt über weite Strecken vorhersehbar und bietet so wie die Auflösung der Täterfrage wenig echte Aha-Effekte.
Für einen solchen sorgt dafür am Ende Adele Neuhauser, die in den mit Dramatik angehauchten Schlussminuten in einer Nebenrolle als Kreditberaterin zu sehen ist und ab 2011 an der Seite von Harald Krassnitzer in Wien nicht nur selbst ein fester Bestandteil der Krimireihe wird, sondern ihr auch in bemerkenswerter Weise ihren Stempel aufdrückt. Ihr später Auftritt rundet einen insgesamt gelungenen Tatort ab, der das Krimigenre zwar nicht neu erfindet, dafür aber mit Atmosphäre und Authentizität punktet. Ganz traditionell eben.
Bewertung: 7/10


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