Bild: WDR/Uwe Stratmann

Minenspiel

Folge 597

8. Mai 2005

Sender: WDR

Regie: Torsten C. Fischer

Drehbuch: Karl-Heinz Käfer

So war der Tatort:

Voller Sprengkraft.

Denn nicht zum ersten Mal nimmt sich der Kölner Tatort eines gesellschaftspolitisch heißen Eisens an und geht dabei geografisch über Grenzen: Ähnlich wie bereits 1998 in der starken Philippinen-Folge Manila oder 2006 im furios-actionreichen Belgien-Trip Blutdiamanten wagen sich die Filmschaffenden auch mit ihrem Minenspiel auf internationales Terrain und gehen dahin, wo es wehtut. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht.

Der Auftakt trifft uns völlig unvorbereitet und entfaltet eine entsprechend große Wucht: Beim Joggen tritt der Unternehmer Lars Fresinger (Andreas Engelmann, Gute Freunde) auf eine im Stadtwald deponierte Landmine und verblutet. Den Hauptkommissaren Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) bietet sich in Anwesenheit des gewohnt abgeklärten Pathologen Dr. Roth (Joe Bausch) ein verheerendes Bild, das die Kamera ganz bewusst einfängt. Auch in der Folge mutet Regisseur Torsten C. Fischer (Abstellgleis) uns einige explizite Bilder zu.

So sind Ballauf und Schenk unmittelbar vor Ort, als der kleine Sohn von Wieland Schauff (Rudolf Kowalski, Der kalte Tod), Chef der Gesellschaft zur Kampfmittelbeseitigung, im Garten auf eine weitere Mine tritt und schwer verletzt wird: Ein ungewohnt drastisches und für die Krimireihe gleichzeitig mutiges Szenario, dessen erschreckende Folgen sich im Krankenhaus offenbaren. Fischer fängt sie schonungslos ein. Es sind ergreifende Sequenzen, in denen Schauff und seine Frau Hella (Kirsten Block, Kalter Engel) am Bett ihres Sohnes wachen. Wer aber treibt das perfide, titelgebende Minenspiel?

Ballauf und Schenk befragen auch den zynischen Minenexperten Lothar Raschke (großartig: Jürgen Tarrach, Gestern war kein Tag), dessen nüchterne Ausführungen nicht minder erschüttern und der den Kommissaren wie in einem makabren Verkaufsgespräch die Funktionsweisen der Kampfminen vor Augen führt.


RASCHKE:
Ist nicht größer als ein Scheißhaufen, aber da ist ordentlich Wumm hinter. 200 Gramm Sprengstoff. Die Zertrümmerungswirkung reicht dann schon bis zum Oberschenkel.

BALLAUF:
Bis zum Oberschenkel?

RASCHKE:
Ist so berechnet.

BALLAUF:
Das heißt, die Mine ist nicht unbedingt tödlich?

RASCHKE:
Töten ist nicht der Sinn der Sache. Ein verletzter Soldat bindet mehr Kräfte als ein toter. Das ist nun mal so.

Bevor die 597. Tatort-Folge am 8. Mai 2005 – nicht von ungefähr der 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges – erstmalig im Ersten ausgestrahlt wurde, lief Minenspiel bei einer Öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Menschenrechte im Deutschen Bundestag, an der auch Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär teilnahmen. Der Film überzeugt als fesselnder Whodunit, mit seinen Daten und Fakten bietet er aber auch reichlich Gesprächsstoff. Assistentin Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt) recherchiert etwa, dass in Angola, auf einer Fläche dreimal so groß wie Deutschland, rund 12 Millionen(!) Minen vergraben sind. Auch mit der Rolle deutscher Firmen, die unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe wirtschaftliche Interessen verfolgen, setzen sich die Filmschaffenden kritisch auseinander. 

Drehbuchautor Karl-Heinz Käfer, der bereits das Skript zu Bittere Mandeln schrieb, verzichtet dabei aber auf den erhobenen Zeigefinger. Er entwirft ein mitreißendes und atmosphärisch dichtes Drama, das durch starke Figuren überzeugt: Allen voran Fresingers aus Angola stammende Frau Fátima (Sheri Hagen, Verborgen) gibt sich schweigsam-kühl und sieht sich anfangs nicht nur Ballaufs fremdenfeindlichen Ressentiments ausgesetzt („Welche Dienste haben Sie ihm denn angeboten?“), sondern gewährt auch dem militanten Aktivisten António Mussamo (Aloysius Itoka, Schiffe versenken) Unterschlupf. Für humanitäre Hilfsprojekte wie die fiktive Stiftung „Land statt Minen“ hat er wenig übrig, was er im Verhör mit Ballauf auch pointiert auf den Punkt bringt:


MUSSAMO:
Früher sind die Missionare gekommen. Heute kommen die Minenräumer.

Abgesehen davon ist auch das Präsidium – in Köln keine Seltenheit – im übertragenen Sinne vermintes Terrain. Zwischen Ballauf und Schenk fliegen die Fetzen, und das liegt an zwei Frauen: Da ist einerseits die für den Staatsschutz ermittelnde Eva Bertsch (Edda Leesch, Herzversagen), die Ballauf auf der letzten Dienststellenfeier schöne Augen gemacht hat, davon aber jetzt nichts mehr wissen will. Bertsch ist ein Ärgernis in diesem beachtlichen Tatort, denn ihre Scharmützel mit Ballauf sind auf Dauer ermüdend und einen wirklichen Mehrwert generiert ihre Anwesenheit nicht. 

Deutlich interessanter gestaltet sich die Beziehung zwischen Schenk und Krankenschwester Hannah Siems (Maria Simon, Mit ruhiger Hand): Die herzensgute Siems kümmert sich nicht nur aufopferungsvoll um ihre Freundin Fátima, sondern auch um den depressiven, nach einem tragischen Minenunfall an den Rollstuhl gefesselten Thomas Lauer (Johann von Bülow, Damian). Ihr Schicksal lässt auch den grummeligen Schenk nicht kalt und führt zu einem spannenden Gewissenskonflikt. Das Treiben mündet dann in einer packend inszenierten, dramatischen Schlusssequenz, bei der die Filmemacher vielleicht etwas zu dick auftragen. Das hätte es nicht gebraucht, zumal Schenk im Schlussdrittel ein denkwürdiger Auftritt vergönnt ist – im wahrsten Sinne des Wortes. Auch der sorgt – neben knackigen Dialogen und einer klaren Haltung – mit dafür, dass dieser starke Kölner Tatort noch lange im Gedächtnis bleibt.

Bewertung: 8/10


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