Folge 439
26. März 2000
Sender: SWR
Regie: Dieter Schlotterbeck
Drehbuch: Martina Brand
So war der Tatort:
Schweißtreibend.
Aber nicht etwa, weil Hauptkommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck) und seine Wieder- oder zumindest Fast-Wieder-Lebensgefährtin Hannelore Schmiedinger (Rita Russek) einleitend Urlaubspläne schmieden und sich in einen Last-Minute-Trip unter die heiße Sonne Siziliens verabschieden wollen: Aus den Urlaubsplänen des seit Bienzle und der tiefe Sturz getrennt lebenden Ex-Paares wird kurzfristig nichts, weil dem kauzigen Stuttgarter Kriminalisten mal wieder die Arbeit dazwischenkommt. Bienzle und der Mann im Dunkeln ist dafür bis dato eindeutig sein stärkster, weil mit Abstand spannendster Fall und lässt uns gehörig mitfiebern.
Temporeich und mitreißend treibt Regisseur Dieter Schlotterbeck, der nach dem ähnlich actiongeladenen Boxmilieu-Tatort Bienzle und der Champion zum vierten und gleichzeitig letzten Mal für einen Krimi aus dem Ländle am Ruder sitzt, das Geschehen in der baden-württembergischen Landeshauptstadt voran – und darf sich bei seinem Dauerdruck aufs Gaspedal auf ein Drehbuch verlassen, das zum ersten Mal überhaupt in der Bienzle-Historie nicht aus der Feder von Stammautor Felix Huby stammt. Für die Geschichte zeichnet Martina Brand verantwortlich, die 2003 noch das Skript zum Klara-Blum-Tatort Stiller Tod beisteuert, ehe sie der Krimireihe den Rücken kehrt – und vor allem mit Blick auf den elften Bienzle-Tatort ist das wirklich bedauerlich.
Statt auf einen soliden Whodunit, wie ihn der SWR in der Ära des schwäbischen Kommissars häufig serviert, greift Brand den zeitgeschichtlichen Kontext von Rüstungsexporten in Krisengebiete auf und setzt auf einen doppelbödigen Entführungsthriller, bei dem die Kripo oft einen Schritt zu spät kommt: Beginnend mit einer dramatischen Eröffnungssequenz, in der die junge Sandra Steinbeck (Janina Flieger, Vermisst) vom titelgebenden Mann im Dunkeln aus ihrem Teenagerzimmer entführt und ihre zufällig aufkreuzende Tante Annika Rosenberger (Annika Murjahn) erschlagen wird, beginnt die Jagd auf einen zunächst unbekannten Täter, der sich schon bald mit computerverzerrter Stimme bei Sandras Vater Erik Steinbeck (Christian Berkel, Teufel im Leib) und dessen völlig aufgelöster Ehefrau Jessica (Tatjana Blacher, Bienzle und der Traum vom Glück) meldet.
Schnell schimmert dabei durch, dass das hier kein klassischer Entführungsfall wird, bei dem sich ein Kidnapper wahllos ein reiches Elternhaus ausgesucht und ein hilfloses Kind verschleppt hat, um an die Millionen der Familie zu gelangen. Vielmehr scheint Erik Steinbeck in der Firma, die er gemeinsam mit seinem Bruder Henry (Walter Kreye, Licht und Schatten) führt, vor einigen Jahren einen krummen Deal eingefädelt zu haben, durch den er erpressbar ist. Während Sandra in einem dunklen Verlies – mehrere aufwühlende Sequenzen hinter dem Rücken der Kripo lassen uns daran teilhaben – einem ungewissen Überleben entgegensieht, beruft die Polizei eine Sonderkommission ein, in der neben Leiter Bienzle auch sein langjähriger Kollege Günter Gächter (Rüdiger Wandel) und die emsige Claudia Adam (Sandra Borgmann, Fette Krieger) mitwirken.
Dass Bienzle und der Mann im Dunkeln die steile Spannungskurve bis auf die Zielgerade durchzieht und sich praktisch keine Minute Leerlauf einschleicht, liegt neben der dynamischen Inszenierung und dem hohen Tempo auch an seinem überragenden Cast: Während die junge Sandra Borgmann, hier zum ersten Mal in der Krimireihe zu sehen, in der Rolle als fleißiges Bienchen unter männlichem Kommando noch nicht allzu viel zeigen darf, gehört die Bühne vor allem dem überragend aufgelegten Christian Berkel, der schon zwei Jahre zuvor im Münchner Hochkaräter Schwarzer Advent einen denkwürdigen Auftritt hinlegte und erneut eine grandiose Performance abliefert. Als besorgter Vater und reumütiger Exportsünder mimt er die vielschichtige Schlüsselfigur des Films; selbst seinen erfahrenen, keineswegs blassen Schauspielkollegen Walter Kreye stellt er so in den Schatten.
Den lassen die Filmschaffenden erst beim dramatischen Finale, das in unmittelbarer Nähe zum Messegelände auf dem Killesberg stattfindet, schauspielerisch von der Leine – die folgenreiche Überwachungsaktion in der U-Bahnstation bildet den Höhepunkt einer herausragenden Folge, die auch schon vorher viel Thrill bietet und zwischen den markanten Stuttgarter Hügeln mit knackigen Actionsequenzen punktet. Die Täterfrage wird dabei früh gelüftet – was genau den jungen Thomas Knop (Sven Thiemann, Du hast keine Chance) zu der Entführung und Erpressung bewogen hat, bleibt aber lange Zeit genauso im Dunkeln wie der Kidnapper in der Auftaktsequenz. Der Whodunit wird zum Whydunit, der uns auf eine rasante Verfolgungsjagd durch den Kappelbergtunnel mitnimmt und in ein pfiffiges Versteckspiel unter Waldarbeitern mündet.
Eine Person muss angesichts der hohen Handlungsdichte und des packend erzählten Kriminalfalls dafür diesmal kürzer treten: Hannelore Schmiedinger stiehlt zwar eine witzige Anrufszene, in der sie Bienzle vor ihrer laufenden Waschmaschine vorgaukelt, gerade das Meeresrauschen am Strand von Sizilien zu genießen – ansonsten muss sich die bessere Hälfte des Kommissars, die sich ihm nach einigen zarten Anläufen in den Vorgängern Bienzle und der Zuckerbäcker und Bienzle und die blinde Wut wieder stärker annähert, aber bis zur Schlussminute gedulden, ehe das Drehbuch ihr noch Aufmerksamkeit schenkt. Hier stehen die Zeichen im Mineralbad Berg dann eindeutig auf Versöhnung – was Bienzle auch mit Blick in seinen allein mit Pizzaresten und schrumpeligem Gemüse gefüllten Kühlschrank sehr begrüßen dürfte.
Bewertung: 9/10


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