Folge 453
3. September 2000
Sender: BR
Regie: Vivian Naefe
Drehbuch: Harald Göckeritz
So war der Tatort:
Inspiriert von Charles Dickens‘ Roman Oliver Twist.
Denn anders als es der fast verharmlosende Episodentitel nahelegt, geht es in Kleine Diebe mitnichten um ein bisschen Gaunerei, ein paar flinke Finger oder einen augenzwinkernden Kriminalfall. Ganz im Gegenteil: Drehbuchautor Harald Göckeritz (Norbert), der auch das Drehbuch zur ähnlich betitelten Vorgängerfolge Die kleine Zeugin schrieb, überträgt die literarische Vorlage um einen Waisenjungen in Händen eines Hehlers ins moderne München. Der Krimi entführt uns in eine Welt voll Armut, Ausbeutung und organisierter Kriminalität.
Dickens prangerte in seinem Roman die soziale Ungerechtigkeit im viktorianischen England an. Göckeritz, der zwei Jahre später auch das Skript zum schwachen Ludwigshafener Fall Romeo und Julia beisteuert und damit das Werk eines weiteren berühmten englischen Schriftstellers adaptiert, richtet den Blick hingegen auf rumänische Kinder: Sie werden nach Deutschland gebracht und an der Isar auf Diebestour geschickt. Ähnlich wie der thematisch gleich gelagerte, aber mit heiteren Zwischentönen durchsetzte Münchner Weihnachtstatort Klingelingeling von 2016 ist die 453. Tatort-Folge weniger Krimi als Drama, weniger Whodunit als Milieustudie.
Schon der Auftakt macht deutlich, wo die Reise hingeht: Ausgerechnet auf einer Müllkippe liegt die Leiche eines Jungen, dessen blondierte Haare auch den Hauptkommissaren Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) auffallen. Niemand scheint das Kind zu vermissen. Unerwartete Hilfe erhalten die Ermittler durch Kommissarin Zufall – in Person ihrer Ludwigshafener Tatort-Kollegin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts). Als Fan des SC Freiburg besucht sie ein Fußballspiel im Olympiastadion und wird auf den 13-jährigen Mitru (stark: Pablo Ben Yakov, Schlangengrube) aufmerksam, der die Kommissarin bestehlen will und von ihr festgenommen wird. Ein charmanter Gastauftritt und Crossover-Gag, der auch dramaturgisch sinnvoll in die Handlung eingebaut ist.
Solch nette Spielereien bleiben in der tristen Inszenierung aber die Ausnahme. Selbst die spitzzüngigen Dialoge und humorvollen Kommentare, sonst ein Merkmal der Münchner Krimis, werden auf ein Minimum reduziert. Lediglich, wenn Batic und Leitmayr mit rumänischen Behörden telefonieren und dabei ihre rudimentären Französisch-Kenntnisse zum Besten geben („Allô? Ici Leitmayr France … Franz!“), huscht uns mal ein Lächeln übers Gesicht. Das vergeht uns aber meist schnell – etwa wenn der zweifelhafte Unternehmer Wessmann (Burghart Klaußner, Hackl) auf einer Charity-Gala gönnerhaft Geld für hungernde Kinder sammelt, gleichzeitig aber so wie sein skrupelloser Chauffeur Burkhardt (Siegfried Terpoorten, Abseits) am Transport der rumänischen Kinder nach Deutschland beteiligt zu sein scheint. Pfui.
Dass sich Batic und Leitmayr am vorsichtigen Wessmann die Zähne ausbeißen und ihnen die Mittel fehlen, um der organisierten Kriminalität das Handwerk zu legen, ist glaubwürdig. Und bietet Assistent Carlo Menzinger (Michael Fitz) Gelegenheit, mit einer pfiffigen Idee zu glänzen, um die Ohnmacht des Polizeiapparats zu umgehen: Er kennt einen Tonmeister beim Bayrischen Rundfunk und borgt sich bei ihm ein Richtmikrofon. Menzinger ist es auch, der zu Beginn des Films den überzeichneten Drogenfahnder Kruczky (Jan-Gregor Kremp, Tödliches Vertrauen) auf den Plan ruft, dessen aufgeputschtes Getue so gar nicht zum sonst so seriösen Ton des Films passt. Er bleibt zum Glück eine Randfigur.
Deutlich mehr Zeit widmet Regisseurin Vivian Naefe (Blutiger Asphalt) den Kindern, besonders dem sympathisch-gerissenen Mitru, der sich in Oliver-Twist-Manier auf der Straße durchschlägt. Die Hoffnung auf einen Besuch bei seiner Schwester an der Côte d’Azur lässt ihn durchhalten. Naefe findet dafür eine ruhige, intensive und eindringliche Bildsprache. Selbst die nur knapp skizzierten Nebenfiguren Dan (Marco Bretscher-Coschignano, Liebeswirren) und Leana (Stephanie Charlotta Koetz, Verrat) transportieren ihr aussichtsloses Dasein ohne große Worte. Zusammen mit Mitru werden sie in schmutzigen Wohnungen versteckt und sind dem grimmigen Popescu (Albert Kitzl, Schwindelfrei) schutzlos ausgeliefert. Die kitschige Szene, in der sich die Kommissare an ihre eigene privilegierte Jugend erinnern und sicherheitshalber noch einmal die Botschaft des Films formulieren, hätte es da gar nicht gebraucht.
Der eher beobachtende, stellenweise fast dokumentarische Stil ist anfangs ungewohnt, erweist sich mit zunehmender Spielzeit aber als großer Gewinn. Naefe nimmt sich viel Zeit für ihre Figuren, schaut erstaunlich genau hin und verzichtet gerade bei den jungen Charakteren auf stereotype Opferklischees. Der Lohn: 2001 erhielt die Regisseurin für ihre Arbeit den Bayrischen Fernsehpreis. Auch Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec wurden damals ausgezeichnet. Apropos ausgezeichnet: Wer auf einen temporeichen Tatort hofft, muss sich zwar etwas gedulden, wird aber mit einem furiosen und packend inszenierten Finale belohnt.
So ist Kleine Diebe unterm Strich auf vielen Ebenen ein ungewöhnlicher Tatort – und das nicht nur, weil die Täterfrage und der Tathergang am Ende fast beiläufig aufgelöst werden. Es sind auch die reduzierte Spannung, der Verzicht auf überraschende Wendungen und die fast handlungsunfähigen Kommissare, die mal nicht im Mittelpunkt stehen und am Ende die Welt zu keiner besseren machen (können). Das mag nicht allen gefallen, ist aber authentisch und ehrlich. Oliver Twist lässt grüßen.
Bewertung: 8/10


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