Folge 521
5. Januar 2003
Sender: SWR
Regie: Nicole Weegmann
Drehbuch: Harald Göckeritz
So war der Tatort:
Unnötig umständlich.
Und das liegt auch, aber nicht nur, an „Pinocchio“, einem alten und rostigen Fiat 500, mit dem sich das Ludwigshafener Ermittlerduo Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Mario Kopper (Andreas Hoppe) in seinem 18. gemeinsamen Einsatz zwischenzeitlich durch Ludwigshafen bewegt: Das fast lächerlich kleine und gemächlich vor sich hin tuckernde Vehikel sorgt zwar für den einen oder anderen heiteren Moment, steht aber auch sinnbildlich für eine mit angezogener Handbremse erzählte Geschichte, die nie wirklich Fahrt aufnimmt.
Dabei ist die Ausgangslage der bereits im Episodentitel Romeo und Julia angedeuteten Lovestory vielversprechend: Odenthal und Kopper weilen zu Beginn der 521. Tatort-Folge auf einer Hochzeitsfeier in Italien. Letzterer wird dort auf den unglücklichen Jungspund Marcello (Denis Moschitto, Türkischer Honig) aufmerksam, der nach dem Willen seines Vaters (Daniele Legler, Howalds Fall) in Italien die Journalistenschule besuchen soll. Mit den Gedanken ist Marcello aber bei seiner in Ludwigshafen lebenden Freundin Julia (Jasmin Schwiers, Bestien), die sehnlichst auf den Anruf ihres Geliebten wartet. Streng bewacht wird sie von ihrem rechtsradikalen und tyrannischen Bruder Robbi (Urs Fabian Winiger, Teufel im Leib), der die Liaison seiner Schwester mit einem „Spaghetti“ überhaupt nicht gerne sieht.
Dass eine junge Liebe auf gesellschaftliche oder familiäre Widerstände stößt, ist im Tatort in den kommenden Jahren noch häufiger zu beobachten, etwa in der Kölner Folge Kartenhaus von 2016 oder dem 2025 erstmals ausgestrahlten Beitrag Mike & Nisha, ebenfalls aus Ludwigshafen. Wer sich Shakespeare aussucht, legt die Messlatte der Erwartungen aber hoch – doch anders als im grandiosen Wiesbadener Meilenstein Im Schmerz geboren, in dem gut zehn Jahre später Motive aus Hamlet oder Macbeth kunstvoll in die Handlung integriert werden, bleibt die Adaption von Drehbuchautor Harald Göckeritz (Gute Freunde) vieles schuldig.
Allem voran eine zu Herzen gehende Liebesgeschichte: Odenthal und Kopper nehmen Marcello spontan mit nach Ludwigshafen, wo es zu einer folgenschweren Begegnung kommt. Um seine Freundin zu beschützen, erschlägt Marcello den mit einem Messer bewaffneten Robbi in Notwehr mit einer Eisenstange, was bereits den emotionalen Höhepunkt dieses Liebeskrimis markiert. Danach passiert nicht mehr viel: Das junge Paar irrt ziellos durch Ludwigshafen, versteckt sich in Ruinen und klagt sich gegenseitig sein Leid. Odenthal und Kopper befragen derweil in aller Seelenruhe die vorbestrafte Neonazi-Clique des Opfers oder unterhalten sich teilnahmslos mit Julias Mutter (Annette Uhlen, Borowski und der brennende Mann), deren besorgniserregende Konstitution den Ermittlern lange Zeit nicht der Rede wert ist:
Nicht nur in dieser Szene agiert das Duo aus der Kurpfalz seltsam passiv. Während Kopper mit der Zeit Verdacht schöpft, aber für sich behält, dass es sich bei dem Täter um den netten Marcello von der Hochzeit handeln könnte, übersieht Odenthal mehrfach demonstrativ das Offensichtliche und schafft es eine gefühlte Ewigkeit nicht, die Puzzleteile zusammenzusetzen. So wird das Ganze zu einer zähen Angelegenheit, zumal auch die mit abgedroschenen Phrasen und substanzlosen Allgemeinplätzen gespickten Dialoge selten emotionale Tiefe entwickeln.
Zwar bricht Romeo und Julia am Ende sogar mit einer gängigen Tatort-Tradition, ähnlich wie es schon 1995 der Münchner Hochkaräter Frau Bu lacht tat. Doch auch dieser Kniff verfehlt seine Wirkung: Zu langatmig gestaltet sich eine finale Rettungsaktion, zu egal sind uns die Beteiligten. Dass Kopper statt Shakespeare mittendrin seinen Namensvetter Johannes Mario Simmel zitiert, spricht Bände. Da rettet die bärenstarke Performance des prächtig aufgelegten Denis Moschitto, der ab 2025 als nerdiger IT-Spezialist Mario Schmitt an der Seite des Hamburger Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) ermittelt und für seine Darstellung des Marcello 2003 den Günter-Strack-Fernsehpreis erhielt, am Ende leider wenig.
Einen weiteren Lichtblick in der ansonsten trist-minimalistisch gehaltenen Inszenierung von Tatort-Debütantin Nicole Weegmann (Hydra) bildet der Auftritt von Camilla Renschke, die von 1997 bis 2019 im Bremer Tatort Helen Reinders, die Tochter von Hauptkommissarin Inga Lürsen, mimt und hier als rotzig-verschlagene Nazibraut kaum wiederzuerkennen ist. In Lederkluft und mit schwarzer Schminke im Gesicht stiehlt sie bei einem Karaoke-Abend in einer Kneipe die wohl beste, gleichzeitig aber auch schon aufsehenerregendste Szene des Films. Denn auch ein Finale furioso à la Shakespeare bleibt aus.
Bewertung: 3/10


Schreibe einen Kommentar