Folge 479
9. September 2001
Sender: SWR
Regie: Hartmut Griesmayr
Drehbuch: Hartmut Griesmayr
So war der Tatort:
Rockig.
Denn schon in den ersten Sekunden nach dem obligatorischen Fadenkreuz-Vorspann ertönen in Bienzle und der Todesschrei mächtige elektronische Gitarrenklänge, die das missglückte, künstlich überhöhte Krimidrama bis auf die Zielgeraden in (un-)schöner Dauerschleife und Repetition begleiten: Akustisch könnte man meinen, die deutsche Rockband Scorpions hätte für den dramatisch-dröhnenden Klangteppich dieses Films gesorgt. Stattdessen hat später die Heavy-Metal-Band Nevermore einen Gastauftritt, denn auf einem ihrer Konzerte entstanden in Stuttgart einige Filmszenen – was den bis dato schwächsten Tatort mit LKA-Kommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck), der bei den Ermittlungen wie gewohnt von seinem Kollegen Günter Gächter (Rüdiger Wandel) unterstützt wird, unterm Strich aber auch nicht rettet.
Der entpuppt sich nämlich früh als spannungsarme Seifenoper mit Dialogen auf Vorabendniveau: Die vor Kitsch nur so triefende Eröffnungssequenz mit dem Schüler Florian Merkl (Patrick Diemling) und seiner Lehrerin Manu Reich (Sophie von Kessel, Der kalte Tod), die sich auf ein verbotenes Schäferstündchen eingelassen haben und damit Erinnerungen an den vieldiskutierten, später in den Giftschrank verbannten Skandal-Tatort Reifezeugnis von 1977 wecken, könnte glatt aus einer ARD-Soap stammen. So hölzern und pseudo-theatralisch hat man den Bienzle-Tatort bis dato noch nie gehört, wenngleich es im durchwachsenen Erstling Bienzle und der Biedermann ähnlich schwache Szenen zu beobachten gab.
Das mag auch daran liegen, dass Stammautor Felix Huby nach Bienzle und der Mann im Dunkeln zum zweiten Mal einem anderen Filmemacher das Drehbuch zu diesem Tatort überlässt: Regisseur Hartmut Griesmayr (Bienzle und die schöne Lau), der seinen sechsten Bienzle-Krimi inszeniert, hat die Geschichte diesmal selbst geschrieben und tut sich damit keinen Gefallen. Spürbar oberflächlich, weil ohne nennenswerten Tiefgang reihen sich schwache Dialoge aneinander und entführen uns in ein Milieu, an dem sich die Krimireihe auch in den Jahrzehnten danach noch oft verhebt (vgl. Dinge, die noch zu tun sind oder Vergeltung): in die Welt von Jugendlichen, die sich von ihren Eltern losgesagt haben und stattdessen lieber in einem heruntergekommenen, dunklen „Loft“ abhängen, dessen Wände mit Graffitis vollgesprüht sind. Geht’s noch plakativer?
Der 19-jährige Florian war einer von ihnen – wird aber schon bald mit abgetrenntem Kopf auf Bahngleisen gefunden, an die ihn zuvor jemand gefesselt hatte. Seine brutale Ermordung lässt selbst den erfahrenen, nachts telefonisch herbeizitierten Bienzle nicht kalt: Die Kamera hält bei der Leiche zwar nicht drauf, aber allein sein Gesichtsausdruck lässt uns spüren, welch schlimmes Bild sich dem betroffenen Kommissar am Fundort des Kopflosen bietet. Auch Rechtsmediziner Dr. Bernhard Kocher (Klaus Spürkel), dessen One-Night-Stand mit Bienzles Nun-wieder-Partnerin Hannelore Schmiedinger (Rita Russek) in Bienzle und der tiefe Sturz schon im gelungenen Vorgänger Bienzle und der heimliche Zeuge keine Rolle mehr spielte, lässt der Anblick auf dem Leichentisch nicht kalt.
Gelungene Dialoge wie dieser bilden im 479. Tatort leider seltene Ausnahmen: Vor allem der nervtötende Pseudoslang der Teenager macht Bienzle und Todesschrei zur echten Geduldsprobe. Die Elternhäuser und Hintergründe für die Lebensrealität der wie Abziehbilder wirkenden Jugendlichen blendet das Drehbuch fast vollständig aus und stellt sie hinter eine hanebüchene Hacker-Story zurück: Bienzle und Gächter finden heraus, dass sich Florian mit seinem Freund Tim Holzmann (Christian Blümel, Dunkle Wege) und der ebenfalls im Loft abhängenden Lisa Seewald (Anna Brüggemann, Land in dieser Zeit) auf die Server einer Bank (!) gehackt hat – unterstützt von ihrem Mathelehrer Peter Reich (Max Herbrechter, Quartett in Leipzig), der mit der einleitend erwähnten Manu Reich liiert ist. Klingt konstruiert?
Ist es auch, und so hangelt sich der Tatort von einem unglaubwürdigen Moment zum nächsten – die Geschichte wird sprunghaft erzählt und gelangweilt abgespult. Phasenweise hat man fast den Eindruck, dass das Schauspielensemble selbst das realitätsferne Treiben kaum ernst nehmen kann. Da passt es ins schwache Gesamtbild, dass sich Hannelore zu Beginn des Films den Arm bricht, den folgenreichen Unfall aber als Banalität herunterspielt: Von Bienzle im Krankenhaus abgeholt und in seiner neuen Wohnung einquartiert, in dem sich beide erneut der Aufdringlichkeit des schwäbischen Vermieters Rominger (Walter Schultheiß) erwehren müssen, könnte man meinen, sie habe sich nur einen Nagel ihres kleinen Fingers eingerissen. Immerhin muss ihr Gipsarm nicht noch für alberne Kuriositäten herhalten, wie sie bei ähnlicher Ausgangslage zehn Jahre später im Münster-Tatort Herrenabend zu beobachten sind.
Das hätte den melancholisch-tragischen Erzählton dieses Krimidramas nämlich noch mehr verstimmt, als es die bemüht in die Geschichte integrierten Hannelore-Szenen ohnehin schon tun – auf der Zielgeraden darf Bienzles bessere Hälfte zumindest noch mit ihrer Expertise unterstützen, die als Beitrag zur Auflösung des Falls aber wohl auch jeder Kunstbanause hätte beisteuern können. Der Showdown, der uns dann wieder zu den Gleisen führt, an denen der wenig überraschend endende Whodunit seinen Ausgangspunkt hat, sorgt zumindest noch einmal für einen kurzen Anstieg der Spannungskurve. Den vom Teenagermord aus der Bahn geworfenen Bienzle erleben wir bei seinem vierzehnten Einsatz für die Krimirehe im Übrigen wieder besonnener und weniger autoritär als in den Jahren davor – allein seine permanente Unterwürfigkeit gegenüber Hannelore trübt das ansonsten so positive Bild vom Kriminalisten empfindlich.
Bewertung: 3/10


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