Folge 635
2. Juli 2006
Sender: ORF
Regie: Andreas Prochaska
Drehbuch: Felix Mitterer
So war der Tatort:
Schwarz wie die Nacht.
So zumindest lautete der Arbeitstitel, unter dem die 635. Tatort-Folge gedreht wurde – und die später mit Tod aus Afrika eine politisch korrektere, damit aber auch deutlich beliebigere Überschrift erhielt. Es ist nämlich vor allem die düstere und bedrohliche Stimmung, die den 15. Einsatz des Wiener Chefinspektors Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) kennzeichnet – und auch die Motive der handelnden Figuren bleiben lange im Dunkeln.
Bereits zum sechsten Mal verschlägt es den grantelnden Ermittler nach Tirol, das diesmal zum Schauplatz eines besonders grausamen Verbrechens wird: Ein Asylbewerber aus einer Flüchtlingsunterkunft wurde im Wald brutal mit einer Axt massakriert. Der erneut recht albern, dafür etwas weniger tollpatschig auftretende Inspektor Franz Pfurtscheller (Alexander Mitterer), den wir schon aus den Tirol-Folgen Elvis lebt!, Tödliche Souvenirs oder Der Wächter der Quelle kennen und der den Hang zur Witzfigur auch diesmal nicht ablegen kann, bittet Eisner um Hilfe – unter dem Vorwand, die Tat habe ein politisches Motiv. Das wird schnell widerlegt.
Die Ermittlungen in der Unterkunft, die von der resoluten, aber gutherzigen Frieda Jordan (Ruth Drexel, Alles Palermo) geleitet wird und in die sich Eisner kurzerhand einquartiert, gestalten sich schwierig. Vieles erinnert entfernt an den späteren Franken-Tatort Am Ende geht man nackt, in dem sich Hauptkommissar Felix Voss undercover in eine Flüchtlingsunterkunft einschleust. Die Asylbewerber schweigen, beäugen sich misstrauisch und begegnen einander fast feindselig. Zu ihnen zählen auch der angeblich aus Somalia stammende, wortkarge Omar Schiowa (Aloysius Itoka, Minenspiel) und seine Frau Ishraga (Sheri Hagen, Das Gespenst), die das Opfer auf ihrer Flucht kennengelernt hatten und für Eisner zum Täterkreis zählen.
Regisseur Andreas Prochaska setzt in seinem bis heute einzigen Tatort vor allem in den ersten 60 Minuten auf das erzählerische Erfolgsprinzip „Show, don’t tell“. Der verbale Austausch beschränkt sich auf ein Minimum. Viel wird über Blicke kommuniziert und wir sind als aufmerksame Beobachter gefragt. So entsteht eine atmosphärisch dichte, düstere Geschichte, die ihre Spannung auch aus der bedrohlichen Ruhe gewinnt. Wie ein schwarzer Schatten liegt sie über der kargen Szenerie. Prochaska verzichtet fast ganz auf hektische Action; seine zurückhaltende Inszenierung ist lange Zeit eine der größten Stärken des Films. Getragen wird sie auch von einem starken Cast, aus dem insbesondere Nicholas Monu (Schattenspiele) herausragt. In seiner etwas überzeichneten Rolle als vermeintlich netter Dolmetscher Farah trauen wir ihm aber nicht über den Weg.
Auch Eisners Tochter Claudia (Sarah Tkotsch), die schon in den Episoden Die schlafende Schöne und Tödliches Vertrauen für frischen Wind (und reichlich Turbulenzen) sorgte, ist diesmal stimmig in den Fall integriert. Statt einleitend zu ihrer Mutter zu reisen, folgt sie ihrem Vater spontan nach Tirol und unterstützt ihn dort bei den Ermittlungen. Ein Manöver, dass im Tatort gerne mal in die Hose geht, hier aber erstaunlich gut funktioniert – nicht zuletzt, weil der sympathisch-eigensinnige Teenie nicht zum nervigen Anhängsel verkommt, sondern als präzise Beobachterin wichtige Hinweise liefert und auf Augenhöhe mit dem Mann agiert, dessen Mobilfunknummer sie unter „Erzeuger“ in ihrem Handy abgespeichert hat.
Claudia Eisner gewinnt dadurch an Profil und die Beziehung zwischen Vater und Tochter, in den bisherigen Eisner-Krimis eher oberflächlich behandelt, bekommt im Drehbuch von Tirol-Stammautor Felix Mitterer (Böses Blut) Raum und Tiefe. Zum Beispiel dann, wenn sich die junge Fathima (Florence Kasumba, ermittelt von 2019 bis 2024 als Hauptkommissarin Anaïs Schmitz an der Seite von Charlotte Lindholm im Tatort aus Göttingen) aus Angst vor der Abschiebung dem überrumpelten Eisner an den Hals wirft und Claudia ihm die Meinung geigt.
Gerade die Figur der Fathima ist aber ein Wermutstrophen, weil sie fast ausschließlich auf ihre weiblichen Reize reduziert wird. Etwa dann, wenn ihr der undurchsichtige Klaus Gatterer (Andreas Patton, Kaltstart), der die Asylbewerber regelmäßig zu Baustellen fährt und an der Schwarzarbeit mitverdient, einen Putzjob besorgt, bei dem das Saubermachen gar nicht im Vordergrund steht. Auch Gatterers hochschwangerer Frau Ingrid (Carmen Gratl) ist die angebliche Promiskuität Fathimas ein Dorn im Auge („So eine Schlamp’n!“). Die 635. Tatort-Folge ist nicht frei von Vorurteilen, hinterfragt gängige Klischees aber eher, statt sie zu reproduzieren.
Tod aus Afrika hebt sich auch dank der gesellschaftlich relevanten Thematik von anderen ORF-Folgen der 2000er-Jahre ab, verspielt am Ende aber Potenzial. Mit dem Auffinden der obligatorischen zweiten Leiche nach gut einer Stunde und einem überkonstruierten Twist, der den jungen Tambour (Franky Attakpah) und dessen verstörende Kreidezeichnungen in den Fokus rückt, gewinnt der Film zwar nochmal an Fahrt. In den Schlussminuten geben die Filmemacher ihre bis dato so angenehm bodenständige Erzählhaltung aber auf und scheinen mit einem ärgerlichen und aufgeblasenen Finale plötzlich beweisen zu wollen, dass sie auch das dramatische Actionkino beherrschen. Das will nicht recht zusammenpassen.
So steht unterm Strich ein über weite Strecken spannender Fall, der durch starke Figuren und eine ungewöhnlich düstere Grundstimmung überzeugt. Das überladene Ende, bei dem weniger mehr gewesen wäre, schmälert den sehr positiven Gesamteindruck zwar etwas, übertriebene Schwarzmalerei ist aber nicht angebracht.
Bewertung: 7/10


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