Folge 703
31. August 2008
Sender: rbb
Regie: Jürgen Bretzinger
Drehbuch: Andreas Pflüger
So war der Tatort:
Ins Auge gehend.
Und das in mehrfacher Hinsicht und sogar wörtlich: Da ist einerseits Hauptkommissar Felix Stark (Boris Aljinovic), der sich direkt zu Beginn dieser Tatort-Folge ein blaues Auge holt. Sein Freund und Kollege Till Ritter (Dominic Raacke) knockt ihn in bester Laurel-und-Hardy-Manier versehentlich mit einem Sektkorken aus, als die beiden in der etwas kitschigen Auftaktsequenz auf dem Dach des Berliner Polizeipräsidiums ihr 10-jähriges Dienstjubiläum begehen wollen.
Und da ist andererseits die Chefärztin der Uni-Augenklinik, Prof. Dr. Manteuffel, die zu einer wichtigen Operation nicht erscheint, weil sie erschlagen im Kofferraum ihres Wagens liegt: Manteuffel sollte der blinden Patientin Kerstin Vonk (Anne Kanis, Endspiel) einen neuartigen Netzhautchip implantieren, der als medizinische Sensation auf dem Gebiet der Augenheilkunde gilt und dessen Funktionalität von der Öffentlichkeit mit Spannung erwartet wird.
Früh drängen sich klassische Mordmotive und Verdächtige aus dem privaten und beruflichen Umfeld des Opfers auf: Der Ehemann der Toten etwa, der angesehene Prof. Dr. Lutz Manteuffel (Dietrich Mattausch, Eine ehrliche Haut), den seine Frau verlassen hatte und der sein Motorrad erstaunlich schnell auf Einsitzer umrüstet. Oder die ehrgeizige Dr. Mareike Andresen (Judith Engel, Wahre Liebe), die im Kampf um die Stelle der Chefärztin den Kürzeren gegen die Verstorbene gezogen hatte: Sie durfte nun statt ihr die besagte OP durchführen und sich so profilieren.
Das geübte Tatort-Publikum ahnt schnell, dass die Lösung des Falles über den Chip führt, mit dessen Entwicklung sich die börsennotierte Cornea AG unter Leitung von Dr. Manfred Andresen (Jörg Gudzuhn) brüstet. Auch die Politik mischt mit: Das Projekt erhielt erhebliche Fördergelder vom Ministerium für Forschung und Entwicklung. Der umtriebige Projektleiter und Finanzverwalter Dr. Tim Nicolai (herrlich überheblich: Justus von Dohnányi, Wer bin ich?) wird deshalb auch nicht müde, gegenüber Ritter und Stark den Stellenwert seiner Arbeit zu betonen.
Die Geschichte aus der Feder von Drehbuchautor Andreas Pflüger, der auch schon das Skript zum Ritter-und-Stark-Erstling Berliner Bärchen schrieb, liefert Affären, karrieregeile Egos und Filz vom Feinsten. Was nach dem Stoff für einen spannenden Wirtschaftsthriller klingt, inszeniert Regisseur Jürgen Bretzinger (Todesspiel) allerdings selten wirklich mitreißend, wenn auch handwerklich solide.
Erstaunlich unaufgeregt streifen die Kommissare durch Hörsäle, Forschungseinrichtungen und Büroräume, spulen dort aber meist nur Krimi-Standardsätze à la „Wo waren Sie denn eigentlich zur Tatzeit?“ ab. Mit einer Ausnahme: Frauenheld Ritter begibt sich in Blinder Glaube in eine Tanzschule und macht damit nicht nur seinem Womanizer-Image alle Ehre, sondern auch der wissenschaftlichen Mitarbeiterin und Hobbytänzerin Judith Wenger (Gesine Cukrowski, Engelchen flieg) schöne Augen – peinliche anzügliche Bemerkungen inklusive.
Damit aber nicht genug: Für Wenger wird sogar das Büro kurzerhand zum Tanzparkett umfunktioniert und dem etwas hüftsteifen Ritter der Grundschritt der Rumba beigebracht. Dabei ist neben Stark überraschenderweise auch der fleißig-mürrische, in der DDR aufgewachsene Kommissar Lutz Weber (Ernst-Georg Schwill) mit Expertise und Körpereinsatz gefragt:
Die 703. Tatort-Folge nimmt sich einige solcher seichten Auszeiten. Auch der Nebenschauplatz um Ritters Geldanlage-Tipp für seinen strengen Vorgesetzten, den Kriminaldirektor Wiegand (Veit Stübner), der sich an einem fragwürdigen Insidergeschäft mit Cornea-Aktien bereichert, zählt dazu. Das hat Charme, zündet aber nicht immer, und verhindert zugleich, dass der Kriminalfall Tempo und Durchschlagskraft entwickelt.
Blinder Glaube verkauft sich dadurch insgesamt unter Wert, hat aber durchaus starke Momente. Etwa dann, wenn Stark nach gut einer Stunde eine überraschende Entdeckung macht und die Handlung im Schlussdrittel plötzlich eine andere Richtung nimmt. Unterm Strich punktet der Film als klassischer Whodunit mit humoristischer Note, denn als solcher funktioniert er hervorragend. Bis in die Schlussminuten bleibt die Identität von Täter oder Täterin offen und es darf fleißig mitgerätselt werden, wer die Chefärztin auf dem Gewissen hat.
So schaut man in der Summe mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf den 25. Einsatz von Ritter und Stark, die ihren Zenit 2008 noch nicht ganz erreicht haben. Mit Folgen wie dem intensiven Kammerspiel Machtlos, dem fesselnden U-Bahn-Schläger-Thriller Gegen den Kopf oder der herausragenden Fenster-zum-Hof-Hommage Hitchcock und Frau Wernicke setzen sie in den Jahren danach noch mehrere Ausrufezeichen. Auch – und natürlich besonders – bei diesem Fall lautet die Wertung aber ebenfalls schon: sehenswert.
Bewertung: 6/10
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