BIld: ORF/Petro Domenigg

Gegen die Zeit

Folge 1337

26. April 2026

Sender: ORF

Regie: Katharina Mückstein

Drehbuch: Katharina Mückstein

So war der Tatort:

Unerwartet unaufgeregt.

Das Haus, in das es den Wiener Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und die Majorin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) bei ihrem vorletzten Einsatz verschlägt, böte nämlich erhebliches Potenzial für heftige Streitereien, Handgreiflichkeiten oder Aggressionen gegenüber der Polizei: Unter Regie von Katharina Mückstein, die bereits den Wiener Tatort Dein Verlust von 2024 inszenierte und diesmal auch das Drehbuch beisteuert, ermitteln die beiden in der „Wohngemeinschaft Sonnenhof“ – einer betreuten WG für verhaltensauffällige Jugendliche in Problemlagen. Doch herrscht dort häufiger eitel Sonnenschein, als man es angesichts von deren Vorgeschichten vermuten sollte.

Die klassische Whodunit-Konstruktion, bei der es unter einer Handvoll Tatverdächtiger, die allesamt männlich sind, den Mörder zu finden gilt, beginnt mit einem Prolog und der für die Krimireihe obligatorischen Auftaktleiche: Am Abend sitzt Einrichtungsleiter David Walcher (Roland Silbernagl, Des anderen Last) noch mit seinen Kollegen Simon Rechnik (Augustin Groz), Araz Barzani (Emre Cakir) und Femi Olaifa (Ayo Aloba) sowie den fünf Klienten Cihan Özbek (Alperen Köse), Oki Okotho Sialo (Yacouba Diabate), Mo Mohammed Essa (Renas Hussin), Levi Hubner (Christoph Lackner-Zinner) und Leon Prammer (Tristan Witzel) beim Abendessen. Am nächsten Morgen liegt er erschlagen auf einer Landstraße und wird dort von einer Autofahrerin entdeckt.

Eisner und Fellner besuchen die WG und verlassen sie bis zum Ende des Films nur zweimal: Während Eisner dem in der Nachbarschaft zur ansonsten abgelegenen WG lebenden, renitenten Hunde- und Waffenbesitzer Jürgen Siller (Roman Blumenschein) auf den Zahn fühlt, besucht Fellner die Krankenschwester Kristina Modric (Emese Fay), die offenbar von ihrem erschlagenen Ex-Mann gestalkt wurde. Zwei Nebelkerzen, die schnell als solche durchschaubar sind: Der Täter muss fast zwangsläufig in der WG wohnen oder arbeiten, denn an Siller und Modric zeigt das Drehbuch erkennbar kein Interesse. Besonders der halbherzig beleuchtete Stalking-Aspekt bringt den Film so gar nicht voran und wäre gut verzichtbar gewesen.

Ansonsten machen Eisner und Fellner in der Wohngemeinschaft eine Erfahrung, die sie und viele andere Tatort-Kriminalisten schon häufig machten, wenn sie in einen fremden Mikrokosmos eintauchen, der wenig Lust auf Eindringlinge von außen hat: Anfangs signalisieren weder die genervten oder eingeschüchterten Jugendlichen noch ihre Betreuer Gesprächsbereitschaft, sondern strahlen eher Gleichgültigkeit aus. Wie einleitend erwähnt, stößt den beiden – den gewaltbereiten Leon einmal ausgenommen – aber auch selten aggressive Ablehnung entgegen. Man gibt sich erstmal als verschworene Einheit und hat einfach keine große Lust, die Polizei herumschnüffeln zu lassen.


OLAIFA:
In der Regel arbeiten wir nicht so einfach mit der Polizei zusammen.

EISNER:
In der Regel hat’s auch nichts mit Mord zu tun.

Gerade im Vergleich zu früheren Wiener Tatort-Folgen, bei denen schwächelnde Drehbücher mitunter durch sympathische Frotzeleien, subtil gezeigte Zuneigung und den frechen Schmäh des Ermittlerduos aufgefangen wurden, entpuppt sich der kryptisch betitelte Gegen die Zeit als ziemlich dialoglastige Angelegenheit. Kommt wohltuendes Tempo ins Geschehen, geht das meist aufs Konto der Kollegin Meret Schande (Christina Scherrer): Sie bleibt der WG fern und sucht stattdessen in Wien nach dem kurz nach der Tat ausgebüxten Cihan Özbek. Dass der in diesem Tatort nicht als Täter infrage kommt, versteht sich fast von selbst: viel zu verdächtig, viel zu aufrichtig, Migrationshintergrund.

Erzählerisch setzt Filmemacherin Katharina Mückstein im 1337. Tatort neben dem Durchbruch der Vierten Wand und einigen theaterhaften Momenten auf ein modernes, aber eigenwilliges Stilmittel, das sich in den Jahren zuvor in der Krimireihe etwa im mittelprächtigen Bremer Tatort Stille Nacht, im überraschend gelungenen Münster-Tatort Man stirbt nur zweimal oder im soliden Dortmunder Tatort Made in China beobachten ließ: Zahlreiche Dialoge und Situationen aus dem Zeitraum kurz vor der Tat, bei denen Eisner und Fellner natürlich noch nicht vor Ort waren, werden in ihrem Beisein wieder lebendig und quasi live durchgespielt. Ein durchaus reizvolles, auf Dauer aber etwas eintöniges Rezept, das auch bei einem Aussetzer von Meret Schande zum Einsatz kommt.

Ansonsten ist der mit vielen Newcomern gespickte Cast die größte Stärke des spannungsarmen, in seiner Ästhetik oft künstlerisch angehauchten Krimis: Starke Auftritte bieten vor allem Yacouba Diabate und Christoph Lackner-Zinner, was auch daran liegt, dass sie die sensibelsten Figuren mimen. Auch Tristan Witzel überzeugt als aufbrausender Problem-Teenager, der Fellner in einer Szene anbrüllt und von ihr glatt zurück angebrüllt wird. Seiner Figur aber fehlt die Tiefe. Erstaunlicherweise bleiben Eisner und Fellner in diesem Tatort ansonsten so blass wie selten – fast wirkt es so, als seien die beiden nach all den Jahren ein wenig müde geworden. Die Hoffnung ist freilich groß, dass sie im Herbst in ihrem letzten Fall noch einmal Vollgas geben.

Bewertung: 5/10


Kommentare

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13 Kommentare zu „Gegen die Zeit“

  1. Avatar von Michael B
    Michael B

    Auch mich hat, wie offenbar viele, der Tatort nicht wirklich begeistert. Ich halte ihm jedoch zwei Dinge zugute. Zum einen zeigt er – sicherlich den politisch korrekt verorteten Filmemachern kaum bewusst – wie sehr sich Österreich, ebenso wie Deutschland, in den letzten zwei Jahrzehnten nicht zur verheißenen bunten, sondern zu einer disparaten Gesellschaften entwickelt hat. Und zum anderen fand ich das Stilmittel der sich mit der Gegenwart vermischenden Rückblenden zwar anfangs auch etwas gewollt, im zweiten Teil und der konsequenten Durchführung dann aber durchaus gut gemacht und wirkungsvoll. Zeitweise stellte sich tatsächlich ein Theater-Feeling ein, aber eben das eines guten Theaterstücks. Fazit: Inhalt politisch vorhersehbar und in der Wirklichkeitsferne ermüdend, Form für mich geglückt

  2. Avatar von Christina Zgoll
    Christina Zgoll

    Ich schließe mich den vorherigen Kommentatoren an und muss leider auch aussagen, dass die Tatort-Sendungen immer schlechter werden im Vergleich zu vorher. Zudem nun auch noch einige der langjährigen Teams, wie aus München oder Wien, aufhören, die meiner Meinung nach Zugpferde waren. Sicherlich muss Nachwuchs her, aber es sollten auch dafür gute und spannende Drehbücher geschrieben werden. Die Niederländer sowie nordische Länder geben dafür gute Beispiele wie es geht. Ab und zu gibt es auch bei uns nochmal ein Highlight. Kann mich an einen Zweiteiler erinnern, weiß leider den Titel und das Team nicht mehr.

  3. Leute, ihr müsst einfach die Laufgeschwindigkeit erhöhen. Mit 1,25facher oder 1,5facher Geschwindigkeit kommt echt Tempo in die Geschichte. Mir hat es gefallen, auch wenn ich den Täter schon relativ früh im Verdacht hatte.

    7/10

  4. Avatar von Wolfgang

    Schon wieder ein Tatort der zu einem Kammerspiel verkommen ist.
    Über den Ton will ich gar nicht mehr sprechen (aber gut, es gab da wesentlich schlechtere Beispiele) aber müssen denn alle Theaterregisseure in das Film Genre abwandern und ihre abstrusen Milieustudien verwirklichen?
    Es ist echt nicht mehr auszuhalten!

  5. Avatar von Christian Koehler
    Christian Koehler

    Ich bin zum ersten mal bei einem Wiener Tatort eingeschlafen

  6. Habe schon bedauert dass Moritz und Bibi aufhören , aber in dieser Form brauchen wir sie wirklich nicht mehr.
    Das war von allen Wien-Tatorten der absolut langweiligste und überflüssigste.

  7. Avatar von Anna P.

    Kann mir bitte jemand sagen, wer der Täter war (keine Ironie!); aber der Tatort war so langweilig, daß ich immer wieder eingeschlafen bin, auch kurz vor Schluss. Möchte aber nicht ganz umsonst die Zeit geopfert haben. Danke.

  8. Avatar von Bernhard Struwe
    Bernhard Struwe

    Absolut öde und uninteressant.
    Keinerlei Spannung, nur Gequatsche.
    Wenigstens hat diesmal die Hintergrundmusik nicht genervt – immerhin. Das ist aber auch das Beste an diesem langweiligen Kamnerspiel.

  9. Nach 10 Minuten wollte ich abschalten, habe aber 15 Minuten geschafft. Warum müssen im Tatort immer und immer wieder schrecklich Musik nicht im Hintergrund, sondern so laut das so nervig stören eingefügt werden. Das macht schon aggressiv. Vielleicht dürfen keine Praktikanten nicht die Führung übernehmen. Und immer wieder müssen im Tatort entweder persönliche oder nervige Themen den Tenor bestimmen lassen. Ein Toter der einfach weiter krappelt macht es nicht besser, eher im Gegenteil
    Einen richtigen Krimi wie zu Schimanskis Zeiten gibt es nicht mehr.
    Die Deutschen Praktikanten können keine Filme mehr machen. Ist leider wirklich so.

  10. Avatar von Jürgen

    Man kann sich hier Harald nur anschließen. Das war der langweiligste Tatort aus Wien den es je gab. Ein Wunder das die beiden Kommissare einen solchen Tatort noch mitgemacht haben. Bislang hat es immer viel Spaß gemacht den beiden zu zusehen aber das heute war einfach nur quälend. Aber das sind mittlerweile die meisten Tatorte. Nur ein paar wenige Teams wie die Münsteraner, die Dortmunder und jetzt auch wieder Frankfurt zeigen eine gewisse Spannung und Leichtigkeit beim Ansehen. Man will keinen tiefgründigen Tatort am Sonntagabend sondern Spannung und Unterhaltung mit einer gewissen Leichtigkeit und wenn möglich auch einen gewissen Witz.

  11. Avatar von Renate Mayer-Janesch
    Renate Mayer-Janesch

    Der langweiligste Tatort aller Zeiten. Ich habe ihn nicht einmal zu Ende gesehen.
    Schade um die Zeit.

  12. Avatar von Harald Nitzschke
    Harald Nitzschke

    Ich kaufe mir jetzt ein Buch über das Balzverhalten der Rohdommel oder die wachsende Verhärtung des Basaltgesteins. Das ist vermutlich spannender und unterhaltsamer als jeder Tatort. Und für so einen Bockmist zahlen wir Gebühren.

    1. Avatar von Michael

      Ich könnte noch die zehnbändige Enzyklopädie „Mehr Lebensfreude durch Daumengymnastik“ empfehlen.

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