Folge 1343
18. Oktober 2026
Sender: NDR
Regie: Lars Kraume
Drehbuch: Lars Kraume (Idee: Rudi Gaul, Katharina Adler)
So war der Tatort:
Nowaklos.
Denn wenngleich wir in den Anfangsminuten von Unter Feinden, der Fortsetzung der einen Sonntag zuvor ausgestrahlten Folge Unter Freunden, noch einen kurzen Moment mit Anna Nowak (Lilith Stangenberg, Blut) verbringen, steht fest: Die von der Spree an die Förde gezogene Ermittlerin, die große Teile des Publikums allein schon durch ihr Kaugummikauen auf die Palme brachte, ist tot. Teil 2 des überzeugend gestarteten Kieler Tatort-Doppelpacks findet ohne sie statt. Regisseur und Drehbuchautor Lars Kraume, der auch für Unter Freunden verantwortlich zeichnet, holt uns einleitend nur noch einmal ab: Nach einem Split-Screen-Rückblick auf das bisherige Geschehen werden wir Zeuge, wie Nowak in Pulp-Fiction-Manier in einer Hütte an einem See eine Line Heroin statt Kokain zieht und stirbt.
Und wir sehen auch, wer ihr das weiße Pulver unterjubelt und damit für den tragischen Tod der so großartigen Figur verantwortlich ist: LKA-Ermittler Jan Kuper (Sven Schelker), dem schon in Teil 1 nicht über den Weg zu trauen war, hat die Tat klug geplant und sein Auto weit entfernt vom späteren Fundort der Leiche geparkt. Mit dem Ableben seiner drogensüchtigen Kurzzeit-Geliebten will er nicht in Verbindung gebracht werden. Doch sein Plan misslingt: Ein Junge beobachtet ihn auf dem Fahrrad und gibt die Information an Hauptkommissarin Mila Sahin (Almila Bagriacik) weiter. Die ist bekanntlich fest dazu entschlossen, den Mord an ihrer Polizeischulfreundin aufzuklären und zu rächen.
Ehe der Howcatchem startet und sich Sahin Kuper auf die Pelle rückt, gilt es aber, ein mittelschweres Erdbeben im Präsidium zu überstehen: Kupers Ex-Chef Robert Iwersen (Yorck Dippe, Brüder) hat dort den Posten von Kriminalrat Roland Schladitz (Thomas Kügel) übernommen. Nicht etwa, weil er der geeignetere Kandidat gewesen wäre als Sahin, die sich ebenfalls auf die Stelle beworben hatte, sondern weil Klaus Borowskis langjährige Tatort-Partnerin die Beförderung abgelehnt hat. Nowaks Tod aufzuklären, ist ihr wichtiger als schützende Hände über unmoralische Menschen und Taten zu halten. Iwersen ist dafür der richtige Mann; hatte er doch schon bei Kuper viel durchgehen lassen. Es kracht zwischen den beiden – und zwar gewaltig.
Dass Sahin anschließend Urlaub nimmt, einen Abstecher nach Hamburg macht und Kuper ohne Rücksicht auf die Ansagen ihres neuen Vorgesetzten nachstellt, tut dem Film gut: Unter Feinden entfaltet die gleiche emotionale Tiefe wie der von einer intensiven Freundschaft geprägte Vorgänger, schaltet in Sachen Tempo aber einen Gang hoch. Dabei kommt auch Klaus Borowskis Nachfolgerin Elli Krieger (Karoline Schuch) zu ihrem Recht: Die Psychologin, die in Unter Freunden noch Sahin beurteilen musste, steht ihrer Kollegin nun loyal zur Seite. Sie agiert als erhobener Zeigefinger und Airbag in Personalunion und bewahrt Sahin vor mancher Dummheit. Ein vielversprechendes, spannendes Debüt, das Lust auf weitere Fälle mit dem Frauenduo macht.
Als Wirtschaftskrimi präsentiert sich die 1343. Tatort-Folge zwar ähnlich dünn wie ihr Vorgänger, doch tut das dem hohen Unterhaltungswert kaum Abbruch. Die titelgebenden Freunde und Feinde sind leicht zu unterscheiden. Über die Machenschaften des Prometheus-Führungsduos um CEO Viola Berger (Sarah Hostettler, Schattenkinder) und ihren Mann Oskar Berger (Pascal Houdus) erfahren wir nur das Nötigste. Sie haben Geld für Mafiaboss Luca Pelosi (Fabrizio Romagnoli) gewaschen und stehen bei ihm in der Kreide. Dass das weder für sie, noch für ihren Sicherheitschef Franco Steiner (Sascha Alexander Geršak, Der kalte Fritte) glimpflich endet, ist früh absehbar und lässt uns relativ kalt. Das Herz des Krimis schlägt woanders: Sahins Jagd steuert auf ein emotionales Finale in Kupers Wohnung zu, in der der Beatbox Rocker aus den Boxen ballert.
Ein anderer Handlungsstrang und eine ganze Figur wäre in diesem Thriller dafür verzichtbar gewesen: Chiara Polidoro (Romina Küper), die Schwester des ersten Mordopfers in Unter Freunden, campiert in Greta-Thunberg-Manier vorm Präsidium und will dort erst wieder weggehen, wenn der Mörder ihrer Schwester gefunden wurde. Einen Mehrwert für die Handlung bieten die skurrilen Momente und Gespräche mit Sahin nicht. Polidoro ist eher ein menschliches Mahnmal dafür, dass die Polizei ja noch zwei Todesfälle aus Teil 1 der Doppelfolge aufklären muss. Das TV-Publikum weiß aber längst um Steiners Täterschaft. Fast könnte man meinen, die Szenen seien nötig gewesen, um die Doppelfolge auf 180 Minuten zu strecken; die Zeit wäre in das Geschäftsgebaren von Prometheus aber besser investiert gewesen.
Trotzdem steht unterm Strich ein sehr gelungener Einstand für das neue Kieler Tatort-Duo: Nach Borowski und das Haupt der Medusa stellte sich beim NDR durchaus die Frage, ob Mila Sahin als Hauptfigur ohne den langjährigen Kult-Kommissar Klaus Borowski einen Krimi allein oder mit neuer Partnerin tragen würde. Nach der überzeugenden Doppelfolge lautet die Antwort eindeutig: ja. Denn Almila Bagriacik, die in Unter Freunden noch ein wenig im Schatten von Lilith Stangenberg stand, glänzt in Unter Feinden mit einer tollen schauspielerischen Leistung. Ihre Mila Sahin wirkt zwar manchmal (emotional) überfordert, taugt damit aber umso mehr zur Identifikationsfigur. Ihre Fehler verzeihen wir ihr angesichts ihres moralischen Kompasses gern.
Bewertung: 7/10


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