Folge 1342
11. Oktober 2026
Sender: NDR
Regie: Lars Kraume
Drehbuch: Lars Kraume (Idee: Rudi Gaul, Katharina Adler)
So war der Tatort:
Nowakgeprägt.
Denn im ersten Kieler Tatort nach der Ära von Kult-Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg), der sich 2025 in Borowski und das Haupt der Medusa aus der Krimireihe verabschiedete, sorgt eine Frau für Furore, die Borowskis langjährige Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik) bei ihrem Gastspiel glatt in den Schatten stellt: Die aus Berlin nach Kiel versetzte Kommissarin Anna Nowak (fantastisch: Lilith Stangenberg) stiehlt in Unter Freunden fast jede Szene. Sahins alte Polizeischulfreundin fungiert im ersten Teil dieser NDR-Doppelfolge als menschlicher Dreh- und Angelpunkt eines ansonsten zwar formelhaft arrangierten, aber solide erzählten und in tristen Herbstbildern eingefangenen Wirtschaftskrimis. Ein ganz starker Auftritt!
Aber von vorn.
Borowski ist Tatort-Geschichte. Nicht eine Silbe kommt Sahin, mit der der kauzige Ermittler erstmalig 2018 in Borowski und das Haus der Geister auf Täterfang ging, noch über die Lippen. Ebenso wenig Kriminalrat Roland Schladitz (Thomas Kügel), der selbst vor dem Absprung steht und in Kreml-ähnlichen Sitzabständen das Bewerbungsverfahren für seine Nachfolge leitet. Sahin hat sich auf seinen Posten beworben, sieht sich aber mit drei Herausforderungen konfrontiert: Zum einen ist LKA-Abteilungsleiter Robert Iwersen (Yorck Dippe, Borowski und das Land zwischen den Meeren) ihr größter Rivale. Dann ist da Nowak, deren Ego-Touren sie beim gemeinsamen Ermitteln im Mordfall kaum einzufangen vermag. Und sie muss sich gegenüber der neuen Polizeipsychologin behaupten, die sie beurteilen wird: Elli Krieger (Karoline Schuch, von 2001 bis 2010 sechsmal als Tochter von Freddy Schenk im Kölner Tatort zu sehen).
Der NDR hat Krieger als Borowski-Nachfolgerin auserkoren und 2024 offiziell präsentiert. Doch die versierte, aus Brandenburg stammende Psychologin hat bei ihrem Debüt kaum Screentime. Bühne und Aufmerksamkeit gehören vorerst Nowak und Sahin, über deren Privatleben wir allein in diesem Tatort mehr erfahren als in dreizehn Fällen an Borowskis Seite: Als Einwandererkind wurde sie Opfer polizeilicher Vorurteile und will die Polizei nun zu einer besseren machen. Das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen. Fest in der türkischen Community verwurzelt, unterstützt die Twingo-Fahrerin einen Cafébetreiber, dessen Familie bei einem Erdbeben in der Heimat alles verloren hat. Einst zog Sahin mit Nowak um die Häuser, When The Beat Drops Out war ihr Song.
Das Drehbuch zu Unter Freunden, das Regisseur Lars Kraume (Borowski und der brennende Mann) nach einer Idee des Erfolgsduos Katharina Adler und Rudi Gaul (Borowski und das ewige Meer) schrieb, investiert viel Zeit in die Freundschaft der beiden. Für Krimi-Puristen, die in der Hoffnung auf eine schnell steigende Spannungskurve einschalten, sicher zu viel. Der Film, dessen Fortsetzung Unter Feinden einen Sonntag später ihre TV-Premiere feiert, kann sich die Zeit aber gestatten. Nowak lebte lange in einer anderen Welt, brachte Verbrecher in Berlin zur Strecke. Nun ist sie dank Sahins Tipp im beschaulichen Kiel gelandet. Und bringt neben Elan und Selbstvertrauen auch Geheimnisse mit, die sie von Beginn an zu einer äußerst interessanten Kriminalistin machen.
Weil der NDR Nowaks Gastspiel für Teil 1, aber nicht für Teil 2 der Doppelfolge angekündigt hat, ist ihr späteres Schicksal zwar keine Überraschung – die Wucht des Paukenschlags, der den Boden für die Fortsetzung der 1342. Tatort-Folge bereitet, mildert das aber kaum. Bad Ass Nowak ist klar die reizvollste Figur des Films. Sie raucht, sie kokst, sie trinkt und sie fickt – auch mit Verdächtigen oder Kollegen. Arthouse-Star Lilith Stangenberg, die bereits mit ihrem wilden Vampir-Auftritt im Bremer Horror-Tatort Blut für Aufsehen sorgte, liefert erneut eine überragende Performance ab. Dem ansonsten mit wenig Überraschungen gespickten Drehbuch tut Nowak gut: Ihre Provokationen kaschieren elegant, dass ansonsten gar nicht so viel Originelles stattfindet. Aber der Film hat Herz und reißt mit.
Beim Blick auf die übrigen Figuren wird jedoch nicht jedes Klischee umschifft: LKA-Leiter Iwersen verkörpert den Prototypen des alten weißen Mannes mit antiquiertem Führungsstil, während sein mit Nowak anbandelnder Ermittler Jan Kuper (Sven Schelker, Borowski und das verlorene Mädchen) sein doppeltes Spiel früh durchblicken lässt. Seine Ermittlungen gegen den Tech-Konzern Prometheus, der als Leuchtturm des Wirtschaftsstandorts ebenso wenig schlechte Presse gebrauchen kann wie der entsprechend besorgte Schladitz, fallen auffallend handzahm aus. Dass der Kriminalrat mal wieder seine schützende Hand über Politik und Wirtschaft hält, versteht sich von selbst. Die Wirtschaftsstory bietet für die Fortsetzung noch viel Potenzial.
Ungewohnt wenig zeigen darf der meist großartige Sascha Geršak (Schwarzer Schnee), der den skrupellosen Sicherheitschef Franco Steiner mimt: Schon nach seinem Kurzauftritt im nächtlichen Prolog wird deutlich, dass sich die Täterfrage in diesem Whodunit nur pro forma stellt. Forensikerin Paula Rinck (Thea Ehre) und Rechtsmedizinerin Dr. Kroll (Anja Antonowicz) haben entsprechend nur kurze Auftritte. Wer die Prometheus-Mitarbeiterin Francesca Polidoro (Julia Goldberg, Borowski und der Himmel über Kiel), die einleitend tot aus der Ostsee gezogen wird, und ihren Freund Nicki Bender (Johannes Hegemann) ermordet hat, ist früh offensichtlich. In Unter Feinden muss aber noch ein anderer Mordfall aufgeklärt werden – und der ist ohnehin der interessantere.
Bewertung: 7/10


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