Folge 1345
8. November 2026
Sender: SRF
Regie: Christian Theede
Drehbuch: Jürgen Werner
So war der Tatort:
Inklusiv.
Eine der wichtigsten Figuren im zwölften Tatort mit den Zürcher Kantonspolizistinnen Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zürcher) und Tessa Ott (Carol Schuler) ist nämlich ein junger Mann mit Down-Syndrom: Jacob Göldi (Benjamin Raue) lebt gemeinsam mit weiteren Menschen mit 47 statt 46 Chromosomen im Körper in einer betreuten WG und wird in Frei wie ein Adler verdächtigt, seine Chefin ermordet zu haben. Sophia Cancellara (Jeanne Devos), die eine Reinigung betrieben und ihn dort beschäftigt hat, liegt tot in ihrer Wohnung. Wenige Stunden zuvor hatte sie sich vor Zeugen heftig mit Jacob gestritten, es kam zu Handgreiflichkeiten und Verletzungen. Hat er sie im Zorn getötet?
Einen Menschen mit Handicap zum Mörder zu machen, wäre moralisch schwierig, in der Krimireihe aber kein Einzelfall: Im Tatort Bienzle und der Mord in der Markthalle von 2006 etwa tötete ein geistig beeinträchtigter Sohn sogar seinen eigenen Vater. Drehbuchautor Jürgen Werner (Schmerz), der schon über 30 Tatort-Folgen konzipierte und erstmalig für einen Beitrag aus der Schweiz am Ruder sitzt, schickt uns emotional in die Zwickmühle: Jacob Göldi wirkt viel zu herzensgut und aufrichtig, als dass wir ihn am Ende hinter Gittern sehen wollen. Gleichzeitig wissen wir aber um sein aufbrausendes Temperament und seine körperliche Stärke. Es scheint nicht abwegig, dass er die Tat im Affekt begangen hat.
Unter Regie von Christian Theede (Der Fluch des Geldes), der seinen fünften Tatort inszeniert, tasten sich die Ermittlerinnen behutsam, aber konsequent an die Gefühlswelt des potenziellen Täters heran – was vor allem die unterkühlte Grandjean ein wenig auftauen lässt. Dabei ist die genetische Abweichung des jungen Mannes erfreulicherweise kein allzu großes Thema: Neben Jacob sind auch seine Mitbewohnenden so selbstverständlich ein Teil des Krimis, wie es auch nicht-beeinträchtigte Menschen sind. Leider tappen die Filmschaffenden aber in manche Kitschfalle: Neben der vor Kitsch nur so triefenden Abschlussszene ist da etwa der schmalzige Dialog zu nennen, in dem Jacob Göldi vom Tod seiner Arbeitgeberin erfährt.
Und es steht noch ein weiterer Mann unter dringendem Tatverdacht: Simon Bärfuss (Ronald Zehrfeld, Der feine Geist), früher Anführer der Rockertruppe „Devils White Blue“ und kein Kind von Traurigkeit, war vor seiner Inhaftierung mit dem Opfer verheiratet und wird nach achtjähriger Freiheitsstrafe aus dem Gefängnis entlassen. Dass seine Ex-Frau einen Tag nach seiner Rückkehr ermordet wird und er der gemeinsamen Tochter Nadja (erster Langfilm-Auftritt: Stella Alraun) auf die Pelle rückt, macht ihn natürlich maximal verdächtig. Wer nicht zum ersten Mal einen Tatort schaut, weiß aber: Genau deshalb ist er es garantiert nicht gewesen.
Zehrfelds Figur erinnert nur anfangs an seinen charismatischen Auftritt als brutaler Rockerchef in der überragenden Thrillerserie 4 Blocks: Je länger der 1345. Tatort dauert, desto stärker schimmert ein weicher Kern unter seiner harten Schale durch. Wir merken schnell, dass von seinem Nachfolger Marco Reinhardt (Roeland Wiesnekker, mimte viermal Kripochef Henning Riefenstahl im Frankfurter Tatort) und dessen skrupellosen Handlangern oder dem früher in der Gang aktiven, jetzt die Berner Kantonspolizei leitenden Undercover-Cop Niklas Fehling (Dimitri Stapfer, Ausgezählt) mehr Gefahr ausgeht. Grandjean und Ott brauchen für diese Erkenntnis länger – was vor allem daran liegt, dass wir einigen Szenen beiwohnen, bei denen sie selbst abstinent sind.
So entwickelt sich ein temporeicher, aber formelhafter Whodunit, der mit der Verhaftung des vermeintlichen Mörders nach 75 Minuten nicht zu Ende ist und seine Trumpfkarte für die Auflösung erst in den letzten Minuten ausspielt. Der überraschende Schluss ist sicher die größte Stärke einer in tristen Herbstbildern eingefangenen, eher unterdurchschnittlich besetzten Tatort-Folge, die mit einigen Schwächen kämpft: Neben der bisweilen hüftsteifen Inszenierung, die die Synchronisation der schwyzerdütschen Originalfassung unfreiwillig verstärkt, wirkt auch nicht jedes Drehbuchmanöver glaubwürdig. Kommissar Zufall ermittelt ebenfalls mit: Dass Jacob Göldi etwa ausgerechnet in der Sekunde in Nadjas Schule auftaucht, als die gerade vor Rockern flüchtet, liest sich reichlich unwahrscheinlich.
Und da ist ein weiterer, dicker Wermutstropfen in einem ansonsten einfühlsam erzählten und solide arrangierten Krimi: Kriminaltechniker Noah Löwenherz (Aaron Arens) trägt ein nervtötendes Klagelied darüber vor, dass ihm jemand sein geliebtes Frühstücksmüsli aus dem Kühlschrank in der Kaffeeküche des Präsidiums geklaut hat. Die erheiterten Reaktionen von Staatsanwältin Anita Wegenast (Rachel Braunschweig) und ihren Ermittlerinnen versprühen seichtes Vorabend-Feeling, was die ansonsten ernsthaft-melancholische Tonalität des Krimis empfindlich verstimmt. Ja, für die Handlung wird der Müsliraub natürlich noch wichtig – das hätte man aber auch weniger albern erzählen können.
Bewertung: 5/10


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