Bild: SWR

Bienzle und das Narrenspiel

Folge 286

23. Januar 1994

Sender: SDR

Regie: Hartmut Griesmayr

Drehbuch: Felix Huby

So war der Tatort:

Übergriffig.

Denn Bienzle und das Narrenspiel thematisiert schon in der Eröffnungssequenz eine schlimme Erfahrung, die leider fast alle Frauen in ihrem Leben einmal machen und die erst Jahrzehnte später im Zuge des Weinstein-Skandals und der #MeToo-Bewegung endlich öffentlich am Pranger steht: Die attraktive Bankangestellte Regina Finkbeiner (Andrea L’Arronge, Die Abrechnung) muss sich der Avancen ihres aufdringlichen Vorgesetzten Schmoller (Georg Scharegg, Verfolgt) erwehren, der Finkbeiner wohlwissend um deren feste Partnerschaft mit dem Prokuristen Gerhard Freudenreich (Hubertus Gertzen, Bienzle und der Biedermann) in seiner Machtposition eindeutige Angebote macht. Man könne doch mal Essen gehen und er würde sie gern mal in Verlegenheit sehen.

Wenige Minuten später liegt der Widerling erstochen vor dem Tresor seiner Ravensburger Bankfiliale: Ein hinkender Unbekannter in einem quietschbunten Narrenhäs überrascht Schmoller beim Öffnen des Tresors, befördert ihn mit einem Beitel ins Jenseits und lässt Dokumente aus dem gesicherten Geldschrank mitgehen. Sofort fällt der Verdacht auf den ebenfalls hinkenden Maskenschnitzer Albrecht Behle (Robert Atzorn, von 2001 bis 2008 als Tatort-Kommissar Jan Casstorff für den NDR im Einsatz): Die Tatwaffe nutzt er in seiner Werkstatt schließlich täglich und so führt sein Weg in die Untersuchungshaft. Dort muss sich Behle der halbherzigen Fragen des ortsansässigen Kommissars Horst Keuerleber (Thomas Goritzki, Kaputt) und der Staatsanwältin Dr. Leichhardt (Angelika Hartung) erwehren – der Täter scheint gefunden, weitere Ermittlungen überflüssig.

Der nächste übergriffige Moment lässt nicht lange auf sich warten: Der eigentlich rein privat und zur schwäbisch-alemannischen Fasnet gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Hannelore Schmiedinger (Rita Russek) angereiste Stuttgarter LKA-Kommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck), der im allgemeinen Fasnetstrubel zufällig auf den Todesfall aufmerksam wird, schlägt unaufgefordert auf dem Präsidium auf. Mal überprüfen, ob die Kollegen ihre Arbeit denn wohl auch richtig machen, und sich dann auch schnell in die Ermittlungen einmischen. Wäre Bienzle nicht der Kriminalist der Krimireihe, würden ihm dafür wenig Sympathiepunkte zufliegen – so aber ist von Beginn an klar, dass an der schnellen Täterüberführung etwa faul sein muss, denn Bienzles Instinkt täuscht ihn natürlich nicht. Er hat einen Narren an dem Fall gefressen.

Drehbuchautor Felix Huby, der nach dem starken Vorgänger Bienzle und die schöne Lau zum zweiten Mal einen eigenen Roman für ein Tatort-Skript adaptiert, entführt uns zugleich ein weiteres Mal in eine Region fernab der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Stuttgart bekommen wir in diesem Krimi nicht zu sehen, stattdessen dominieren die freidrehenden Ravensburger Narren in traditionell-schrillen Fasnetskostümen das Bild: Das ausgelassene Feiern, freche Streiche und das allgemeine Aufbegehren gegen die Obrigkeit ziehen sich wie ein roter Faden durch das kunterbunte Setting, das dem ansonsten tristen Winterkrimi Farbe und Leben einhaucht. Mehr als einmal muss sich Bienzle einer Konfetti-Attacke oder anderen Neckereien erwehren, nimmt die Sache aber stets mit Humor, und Zeit für die üblichen Neckereien mit Hannelore bleibt auch noch.


BIENZLE:
Ich glaub‘, wir sollten irgendwann einmal heiraten.

SCHMIEDINGER:
Ich wär‘ gern verheiratet.

BIENZLE:
Also gut. Dann schwätzen wir einmal drüber.

SCHMIEDINGER:
Was machen wir!? Schwätzen einmal drüber? (wirft ein Kissen nach ihm)

Unter Regie von Hartmut Griesmayr, der bereits Bienzle und die schöne Lau inszenierte und bis in die 2000er Jahre bei vielen weiteren Bienzle-Folgen am Ruder sitzt, entwickelt sich in diesem feuchtfröhlichen, turbulenten Treiben ein stimmungsvoller Themenkrimi und ein Whodunit nach bekannter Bauart: Behle ist natürlich viel zu verdächtig, als dass er als Täter infrage käme, bringt sich mit unüberlegten Aktionen aber selbst in die Bredouille. Er scheint dem wohlhabenden Feinoptik-Unternehmer Wilhelm Phillipp (Ulrich Matschoss, Verraten und verkauft), der Behle einst in seiner Firma angestellt und gut an seinen Innovationen verdient hat, als Bauernopfer zu dienen: Bei den regelmäßigen Unterredungen mit seinem Sohn Werner (Hans-Georg Panczak, Väter) schimmert überdeutlich durch, dass die aus dem Tresor entwendeten Dokumente reichlich Sprengkraft bieten.

Erzählerisch gestaltet sich das bisweilen allerdings zäh: Statt Bienzle und seine einfühlsame Partnerin Hannelore, die Behles Lebensgefährtin Maria Matras (Pia Hänggi, Jagdzeit) auf den Zahn fühlt, die Puzzleteile akribisch suchen und zusammensetzen zu lassen, erzählen Wilhelm und Werner in Bienzles Abstinenz vor der Kamera einfach so viel Wesentliches, dass sich mit zunehmender Spieldauer des Krimis nicht mehr die Frage nach dem Wie und Warum, sondern nur noch nach dem Wer-von-denen stellt. Dafür wildern die Filmschaffenden fleißig im Horror-Genre und hauchen dem 286. Tatort dadurch gekonnt und gezielt Suspense ein: Zu den besten und spannendsten Sequenzen zählt jene, in der sich der im Narrenhäs getarnte Behle in einem Raum voller weiterer Kostüme versteckt und entdeckt zu werden droht.

Auf den vielbevölkerten Straßen entspinnt sich auf der Zielgeraden schließlich nicht nur das titelgebende Narren-, sondern auch ein reizvolles Verwirrspiel: Die anonymisierenden, oft furchterregenden Holzmasken und das extra für diesen Film kreierte Narrenhäs-Kostüm mit bunten Stofffetzen, das von der Schwarze Veri Zunft später offiziell aufgenommen wurde, lassen gleich mehrere Personen und Doppelgänger verdächtig erscheinen, ohne dass wir uns sicher sind, wer nun wohl unter welcher Maske steckt. Ein gelungenes Finale eines urschwäbischen Krimis, der auch Jahrzehnte später regelmäßig während der fünften Jahreszeit wiederholt wird. Das stimmungsvolle Setting und einige tolle Spannungsmomente kaschieren dabei die Logiklöcher und Schwächen der Story – und Zeit für eine schlüpfrige Anspielung auf Duisburg bleibt auch noch.


JUNGER HASENZÜCHTER:
Des isch die Gina und des isch der Hannes. Und des isch der Kohl. Und der heißt Schimanski.

SCHMIEDINGER:
Aha… Schimanski, warum denn das?

JUNGER HASENZÜCHTER:
Des müssetse mein‘ Opa frage.

SCHMIEDINGER:
Ist das ein Männchen?

JUNGER HASENZÜCHTER:
Ein Rammler.

Bewertung: 7/10


Kommentare

Neue Kommentare werden nicht sofort veröffentlicht, sondern in der Regel binnen kurzer Zeit durch die Redaktion freigeschaltet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert