Bild: SWR/Schröder

Bienzle und der Mord im Park

Folge 309

7. Mai 1995

Sender: SDR

Regie: Dieter Schlotterbeck

Drehbuch: Felix Huby

So war der Tatort:

Obdachlosenfeindlich.

Und das gilt leider nicht nur für den oder die Täter, die in Bienzle und der Mord im Park mehrere Stuttgarter Wohnsitzlose ins Visier nehmen und grausam ins Jenseits befördern: Im Drehbuch von Felix Huby (Bienzle und die schöne Lau), der das Drehbuch zum vierten Tatort mit Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck) einmal mehr verantwortet und dafür seinen 1992 erschienenen Kriminalroman Gute Nacht, Bienzle adaptiert, sind menschenverachtende Äußerungen und indiskutable Anfeindungen gegenüber Menschen vermeintlicher zweiter Klasse an der Tagesordnung – und das nicht nur auf Seiten der Kriminellen.

Schon im Auftaktdrittel, in dem dem gewohnt souverän auftretenden LKA-Kommissar aus der baden-württembergischen Landeshauptstadt die junge Augsburger Computerexpertin Hanna Mader (Sissy Höfferer, Viktualienmarkt) zur Seite gestellt wird, lässt sich das irritierend häufig beobachten: Nachdem einleitend im titelgebenden Schlossgarten, dem großen Park am Stuttgarter Hauptbahnhof, bereits zum dritten Mal ein toter Obdachloser aufgefunden wird, debattieren Bienzle, Mader und ihre männlichen Kollegen Günter Gächter (Rüdiger Wandel) und Arthur Horlacher (Wolf-Dietrich Sprenger, Borowski und der vierte Mann) allen Ernstes darüber, ob die ermordeten Nicht-Sesshaften es überhaupt wert seien, Aufwand in die Ermittlungen zu stecken.

Bitte was?


HORLACHER:
Eigentlich müssten wir doch über jeden Penner froh sein, den wir los sind.

MADER:
Tja, das kann man durchaus so sehen.

BIENZLE:
Das gesunde Volksempfinden? Sie sind sicher auch für Arbeitslager? Oder sonstige Kasernierungsmöglichkeiten?

MADER:
Jedenfalls ist die Motivation, den Mörder zu finden, in diesem Fall bei manchen sicher etwas weniger ausgeprägt.

BIENZLE:
Gestern hat mich einer von denen gefragt, warum der Mörder ihnen das Einzige nehmen will, was sie noch besitzen: ihr Leben. Vielleicht denken Sie mal darüber nach, Frau Kollegin!

Dialoge wie diese finden mehrfach statt und machen Bienzle und der Mord im Park zu einem heißen Giftschrank-Kandidaten – ein mehr als fragwürdiges Weltbild und ein Prädikat, das dem 309. Tatort bisher erspart blieb. Das dürfte vor allem dem Umstand geschuldet sein, dass sich zumindest Bienzle auf dem Polizeirevier dafür stark macht, den Kontakt und auch den Mörder der mittellosen Menschen zu suchen, denen nur ein letzter Rest ihrer Würde geblieben ist: Bienzle geht tagsüber und nachts in den Park, spricht mit den dort Campierenden, hört ihnen zu. Durch diese einfühlsam arrangierten Gespräche – etwa mit der abgehalfterten Anna (Anke Hartwig) – bekommen wir zumindest eine Ahnung davon, was es heißt, in der Obdachlosigkeit zu landen. Dass sich das sicher niemand freiwillig aussucht. Und ja, dass ein solches Schicksal auch uns treffen könnte.

Allein die quirlige Charlotte Fink (Claudia Schmutzler, Renis Tod) bildet als Freiwillige unter Unfreiwilligen in diesem Krimi eine realitätsferne Ausnahme: Anders als ihr Bruder Peter (Marco Hofschneider, Mit ruhiger Hand) hat sie dem wohlbehüteten und betuchten Zuhause, in dem sie aufgewachsen ist, abgeschworen und lebt tatsächlich auf eigenen Wunsch „unter Pennern“ auf der Straße. Allein, als junge Frau, quasi als Statement gegen einengende Zwänge der Gesellschaft und in Rebellion gegen ihre Verwandtschaft. Aber eben nicht mit Gleichgesinnten im anarchischen Punker-Milieu, sondern unter jenen, die alles dafür täten, in ein Leben mit eigenen vier Wänden zurückzukehren. Das will nicht wirklich passen und so ist Fink von Beginn an eine wenig glaubwürdige und überzeichnete Figur, die in der Handlung eine Schlüsselrolle einnimmt.

Die kommt auch dem maximal unsympathischen, alkoholkranken Polizeiobermeister Horlacher zu, der sich schon in der Mittagspause in der Kantine ein Bier (aus Ulm!) einschenkt, den Kollegen im Dienst Weinbrand anbietet und die gefühlte Hälfte der Spielzeit besoffen oder verkatert durch die Gegend stapft: Schlägt daheim seine Frau, kommt Tatverdächtigen zu nah und drängt sich damit ebenso als Täter auf wie der einsame IT-Freak Andreas Kerbel (André Hennicke, Inflagranti): Der beobachtet in bester Das-Fenster-zum-Hof-Manier mit einem Nachtsichtgerät das Treiben im Park und münzt es in ein pixeliges, selbst programmiertes Computerspiel um. Was im Jahr 1995 freaky und modern ausgesehen haben mag, wirkt schon wenige Jahre später völlig albern und lachhaft – digitale Technik altert im Film bekanntlich unheimlich schlecht.

Mit Kerbel und Horlacher liegen damit zwei Optionen für die Auflösung auf dem Präsentierteller – weil sie aber dermaßen offensichtlich Dreck am Stecken haben, scheiden sie nach den ungeschriebenen Gesetzen der Krimireihe für die Täterfrage eigentlich aus. Unter Regie von Dieter Schlotterbeck (Bienzle und der Traum vom Glück), der zum ersten Mal für einen Tatort am Ruder sitzt und noch drei weitere Fälle aus Stuttgart inszeniert, bleibt diese Frage erfreulicherweise bis in die Schlussminuten offen und wenig vorhersehbar, ein echtes Tatmotiv liefert das Drehbuch allerdings nicht. Zwar hat die Realität längst bewiesen, dass Frust und Langeweile schon als Auslöser für das Töten wohnungsloser Menschen ausreichen können, eine nennenswerte Charakterzeichnung auf Seiten der Kriminellen findet in diesem Tatort aber nicht statt.

So ist es vor allem Bienzle, der den Krimi zumindest ein Stück weit rettet und durch seine klare Haltung, nicht vorhandene Berührungsängste und glaubhaftes Interesse an den Einzelschicksalen jede Menge Sympathiepunkte beim TV-Publikum sammelt. Bei seinem vierten Einsatz darf der LKA-Kommissar, der sich den Hund „Balou“ anlacht, auch endlich und erstmalig seine Heimatstadt am Neckar erkunden und lässt einen Taxifahrer schon mal stehen, wenn der gegen Wohnungslose hetzt. Seine Lebensgefährtin Hannelore Schmiedinger (Rita Russek), die ihm in diesem Tatort – anders als im Vorgänger Bienzle und das Narrenspiel – bei den Ermittlungen eher sporadisch zur Seite springt, bildet bei den vielen Fehltritten im Drehbuch hingegen keine Ausnahme: Auch sie gibt noch ihren von Äußerlichkeiten geprägten, peinlichen Senf dazu, der den ansonsten durchaus spannend arrangierten Krimi stellenweise zum großen Ärgernis macht.


SCHMIEDINGER:
Guck dir mal die Gesichter an. Das sind doch Jungs aus gutem Haus, oder?

BIENZLE:
Aber Hannelore.

Bewertung: 4/10


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