Bild: SWR/Schröder

Bienzle und der tiefe Sturz

Folge 365

6. Juli 1997

Sender: SDR

Regie: Peter F. Bringmann

Drehbuch: Felix Huby

So war der Tatort:

Innerbetrieblich.

Dabei geht der Krimi zunächst außerbetrieblich los, genauer gesagt auf einem Betriebsausflug der in Deißlingen ansässigen Firma Schimmel Metalltechnik: Der umstrittene Unternehmenschef Edwin Schimmel (Bernd Tauber, Bienzle und die schöne Lau) hat seine Belegschaft zu einer gemeinsamen Wanderung auf die Schwäbische Alb eingeladen und ahnt noch nicht, dass dieser stimmungsvolle Ausflug sein letzter sein wird. Als Schimmel sich von der Gruppe entfernt und an einer Felswand auf eine unbekannte Person trifft, schubst diese ihn – so legen es sein erstauntes Gesicht und das spätere Obduktionsergebnis nahe – plötzlich den Abhang hinunter. Der titelgebende tiefe Sturz endet für den Unternehmer tödlich und direkt vor den Füßen der Polizei.

Der Zufall und das Drehbuch von Stammautor Felix Huby (Bienzle und der Traum vom Glück) wollen es nämlich, dass der Stuttgarter LKA-Kommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck) in Begleitung seiner Lebensgefährtin Hannelore Schmiedinger (Rita Russek) und des Pathologen Dr. Bernhard Kocher (Klaus Spürkel) zufällig auch in Wandermontur „auf d’r Alb“ unterwegs ist und der Gestürzte im Beisein der drei Ausflügler seinen letzten Atem aushaucht. Bienzle ist ohne Ersuchen um Amtshilfe zwar im Landkreis Rottweil nicht zuständig, reißt den Fall aber zu Hannelores Unmut spontan an sich. Die Beschäftigten um den Technischen Leiter Georg Zimmermann (Hubert Mulzer, Der Traum von der Au) und den Vorarbeiter Hajo Baldauf (Horst Krebs, Bittere Mandeln) befragt er dann nicht nur vor Ort, sondern auch bei der anschließenden Rückfahrt im Reisebus.


BIENZLE:
Da erfahre ich in einer Stunde mehr als die Kollegen nachher bei vier bis fünf Wochen Ermittlungen.

SCHMIEDINGER:
Aber du hast dein freies Wochenende, Bienzle.

BIENZLE:
Ja, schon. Aber in so einem Fall…

Die anschließenden Plaudereien mit der Reisegruppe wecken Erinnerungen an den gemütlichen Auftakt im soliden SWF-Tatort Cherchez Cherchez la femme oder Die Geister vom Mummelsee von 1973, in dem es im Reisebus über die ähnlich aussichtsreiche Schwarzwaldhochstraße ging – auffällig ist hier aber, wie wenig geschockt sich die Mitarbeitenden des in den Tod gestürzten Firmenchefs zeigen. Da fließt keine einzige Träne und alle Anwesenden geben dem interessierten Kommissar so bereitwillig Auskunft, als wäre er einer von ihnen und als wäre das alles ein völlig normaler Betriebsausflug gewesen. Unabhängig vom eigenen Verhältnis zum Firmenchef dürfte ein solch dramatischer Vorfall wohl niemanden so kalt lassen wie in diesem Tatort.

Ein wenig glaubwürdiges Szenario, das sich unter Regie von Peter F. Bringmann (Der dunkle Fleck) allerdings bald verändert: Der neugierige Bienzle quartiert sich – frisch ausgestattet mit einem Diensthandy, bei dem er noch nicht einmal die PIN-Eingabe zu bedienen vermag – in einem Gasthof in Deißlingen ein und wird dort mit einem Verhalten konfrontiert, mit dem im Tatort später vor allem seine ähnlich reiselustige niedersächsische LKA-Kollegin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) Bekanntschaft macht: Je häufiger der Kriminalist im Dorf nachfragt und je intensiver er sich unter den Einheimischen umhört, desto feindseliger und verschlossener verhalten sie sich ihm gegenüber. Man duldet in Dorf und Firma keinen Eindringling, der das Gefüge der Gemeinschaft ins Wanken bringt und seine Nase dort hineinsteckt, wo Geheimnisse ans Licht kommen könnten.

Dieses in der Krimireihe gern bemühte Arrangement funktioniert in Bienzle und der tiefe Sturz sehr gut. Der klassische Whodunit leistet sich keine Längen und auch das interne Gerangel um Führungsposten in der Belegschaft liefert eine Handvoll Verdächtiger, die alle als Täter/in infrage kommen. Wer den schwäbischen Firmenchef auf dem Gewissen hat, halten die Filmschaffenden bei Bienzles zunehmend innerbetrieblichen Ermittlungen bis zuletzt offen. Mit der nun für die Geschicke des Metallbetriebs zuständigen, durchtriebenen Witwe Constanze Schimmel (Ulrike Kriener, Verraten und verkauft) und ihrem Liebhaber Christian Steinhoff (Martin Umbach, Das Glockenbachgeheimnis) gesellen sich zwei Schlüsselfiguren zum möglichen Täterkreis, und gleichzeitig legt der 365. Tatort den Finger hier auf den Puls der Zeit: Schimmel und Steinhoff diskutieren eine Verlagerung der Produktion in ein Billiglohnland, was fast alle Mitarbeitenden ihren Job kosten würde und bei denen entsprechende Sorgen befeuert.

Während die wirtschaftliche Debatte bis heute erschreckend wenig an Aktualität verloren hat, ist der siebte Bienzle-Fall noch aus einem weiteren Grund eine hochinteressante Folge: Seine bis dato so untadelig auftretende Partnerin Hannelore, die ihrem vielbeschäftigten Lebensgefährten bei den Ermittlungen schon häufiger unter die Arme griff und bei ihrem fünften Auftritt in Bienzle und die Feuerwand sogar in Lebensgefahr geriet, lässt sich in diesem Tatort tatsächlich zu einem Seitensprung vor der Kamera hinreißen. Und das ausgerechnet mit Gerichtsmediziner Dr. Kocher, der sie erst ins Ballett und anschließend zum Edel-Italiener einlädt (um dort allen Ernstes einen Trollinger-Lemberger zu ordern): Wir sind live dabei, wenn Hannelore sich mit Kocher in der Intendantenloge der Stuttgarter Staatsoper amüsiert, später bereitwillig mit in seine Wohnung kommt und sich dort von ihm die Bluse aufknöpfen lässt.

Der Stachel sitzt tief, weil Bienzle sie einleitend auf der Alb hat stehen lassen und den Fall gegen ihren Willen übernommen hat – einen beim Publikum so beliebten TV-Kommissar derartig schroff aus seiner heilen, über sechs Folgen etablierten Beziehungswelt zu reißen, ist aber bemerkenswert konsequent. Aus den schon in den vorherigen Fällen zu beobachtenden Kabbeleien zwischen Schmiedinger und Bienzle werden plötzlich bitterer Ernst und ein handfester Streit – und wir sind mindestens genauso verdutzt und geschockt wie der Kommissar, dass sich seine frustrierte bessere Hälfte in ein Liebesabenteuer stürzt. Für die kommenden Folgen bietet das enorme emotionale Sprengkraft. Der tiefe Sturz im Krimititel darf damit auch als Anspielung auf das Privatleben des Ermittlers verstanden werden, der sich zwischendurch mit seinem Kollegen Günter Gächter (Rüdiger Wandel) ins Rotlichtviertel begibt und am Ende alleine vor seiner Penthouse-Wohnung steht.


BIENZLE:
Dann war das mit dem Dr. Kocher doch nicht so harmlos, oder?

SCHMIEDINGER:
Wir sprechen später drüber.

BIENZLE:
Wann, später?

SCHMIEDINGER:
Irgendwann.

Bewertung: 7/10


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