Bild: SWR

Bienzle und das Doppelspiel

Folge 459

10. Dezember 2000

Sender: SWR

Regie: Hartmut Griesmayr

Drehbuch: Felix Huby, Joachim Nelson

So war der Tatort:

Gewerkschaftlich.

Fast alles im zwölften Tatort mit dem kauzigen Stuttgarter LKA-Kommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck) und seinem Kollegen Günter Gächter (Rüdiger Wandel) dreht sich nämlich um einen Mann, der sich für die Rechte der Arbeitnehmer stark macht und dabei keinem scharfen Streitgespräch mit profitorientierten Konzernchefs aus dem Weg geht: Der eloquente und beliebte Hanns Damm (Günther Maria Halmer, Schneefieber) engagiert sich als überzeugter Gewerkschafter mit Leib und Seele für die Angestellten der (fiktiven) Viktorwerke und wird einleitend nach einer mitreißenden Brandrede frenetisch von der um ihre Jobs bangenden Arbeitnehmerschaft gefeiert.

Schon am nächsten Tag liegt seine Karriere aber in Trümmern: Die junge Enthüllungsjournalistin Nina Fischer (Naomi Krauss, Vielleicht) hatte ihn im Anschluss an die Rede auf dem Werksgelände um eine Stellungnahme gebeten und mit einer Exklusivstory konfrontiert, die am nächsten Tag öffentlich wird – und den vermeintlich untadeligen Damm mit Bestechungsvorwürfen in sechsstelliger Höhe in Verbindung bringt. Als der Artikel erscheint, wird Damm zur Gewerkschaftsleitung zitiert und von seinen empörten Vorgesetzten freigestellt. Damit aber nicht genug: Fischer wird in ihrer Wohnung erschlagen und der offenbar korrupte Gewerkschafter gerät unter dringenden Tatverdacht, zumal er Fischers Laptop stiehlt und wir ihn vor ihrer Leiche stehen sehen.

Wer im Tatort so früh so verdächtig so unsympathisch skizziert wird, hat in der Regel – Kenner der Krimireihe wissen das – nichts mit dem Mord zu tun: Statt eines Howcatchem in Columbo-Manier, bei dem wir von Beginn an um die Täterschaft wissen und sich nur die Frage stellt, ob der Mörder überführt werden kann, serviert uns Stammautor Felix Huby, der mit Ausnahme des überragenden Vorgängers Bienzle und der Mann im Dunkeln bis dato alle Bienzle-Fälle schrieb und sich diesmal Unterstützung von Joachim Nelson für das Drehbuch holt, gleich zwei dringend tatverdächtige Männer auf dem Silbertablett. Nahezu genauso verdächtig wie Damm ist Fischers grober Ex-Gatte Dominik (Peter Davor, Weil sie böse sind), der die Journalistin vehement bedrängt hatte.

Ob einer von beiden die Frau auf dem Gewissen hat, halten die Filmschaffenden allerdings bis in die Schlussminuten offen und bringen weitere Personen mit Mordmotiv ins Spiel – und nicht nur aufgrund der kniffligen Täterfrage und des ungewohnt positiven Bilds der Presse, die in der Krimireihe sonst meist als Sammlung sensationslüsterner Schmierfinken skizziert wird, ist Bienzle und das Doppelspiel unterm Strich ein sehr gelungener Tatort. Dabei fällt die Spannungskurve dank vieler entschleunigender Momente flach aus: Bienzle hat eine neue Wohnung mit herrlichem Ausblick auf den Stuttgarter Talkessel und angeschlossenem Atelier angemietet, die renoviert werden muss und in der er gerne auch Hannelore Schmiedinger (Rita Russek) einquartieren würde. Hannelore, die sich ihm nach der Trennung in Bienzle und der tiefe Sturz wieder angenähert hatte, fühlt sich bei der Besichtigung allerdings überrumpelt und lehnt vorerst ab.


GÄCHTER:
Mensch, Bienzle, du hast sie mal wieder so richtig überfahren. Du hast keine Ahnung, wie man mit Frauen umgeht.

BIENZLE:
Es hätt‘ halt ’ne Überraschung werden sollen.

GÄCHTER:
Die ist dir ja nun auch gelungen. Dafür hast du jetzt 190 Quadratmeter ganz für dich allein. Respekt.

Der 459. Tatort ist keiner jener Sorte, die zuerst auf einen hohen Thrillfaktor setzen. Stattdessen erzählt Regisseur Hartmut Griesmayr (Bienzle und die blinde Wut), der zum fünften Mal für einen Bienzle-Tatort am Ruder sitzt, eine bodenständige und authentisch im Zeitgeist verortete Geschichte: In Zeiten hoher Arbeitslosenzahlen in der Bundesrepublik beschäftigt sich der Film glaubwürdig mit der Frage, welchen Wert die Angestellten kriselnder Konzerne haben – und findet darauf eine ernüchternde, zugleich aber realistische Antwort. Am Ende sind selbst über Jahrzehnte verdiente Angestellte oft das schwächste Glied in der Kette und werden knallhart vor die Tür gesetzt, wenn Kosten für das Überleben eines Unternehmens eingespart werden müssen.

Größte Stärke der Tatort-Folge ist allerdings die Metamorphose, die der vorübergehend freigestellte Damm als vielschichtige Schlüsselfigur durchlebt: Stecken wir den begnadeten, aber offenbar bestechlichen Redner anfangs noch direkt in die Bösewicht-Schublade, dämmert uns auch bei Bienzles Befragungen seiner anfangs falsch aussagenden Ehefrau Charlotte (Franziska Walser, Rendezvous mit dem Tod) mit zunehmender Spielzeit immer deutlicher, dass der engagierte Gewerkschafter vielleicht doch nicht das opportunistische, titelgebende Doppelspiel betreibt, das ihm zur Last gelegt wird. Haben wir uns getäuscht?

Spätestens, als es vor versammelter Werksmannschaft mit Geschäftsführer Reschke (Simon Licht, Gegen den Kopf) in der Halle der Viktorwerke zur emotionalen Konfrontation auf offener Bühne kommt, schießen die Filmemacher aber etwas über ihr Ziel hinaus: Reschkes halbherziger Protest und das anschließende Überlassen des Mikros wirken wenig glaubwürdig, bieten dem 2026 verstorbenen Episodenhauptdarsteller Günther Maria Halmer aber noch einmal die Gelegenheit, eine Kostprobe seines riesigen schauspielerischen Könnens zu geben. Halmer drückt dem Film seinen Stempel auf wie kein zweiter Darsteller, es ist sein zweitbester Tatort-Auftritt nach der beeindruckenden Demenz-Darbietung im Münchner Fall Gestern war kein Tag von 2011.

Herrlich nostalgisch, gleichzeitig aber auch ein wenig unfreiwillig komisch wirkt Bienzle und das Doppelspiel zudem mit Blick auf den technischen Fortschritt, der sich in dieser Folge wunderbar beobachten lässt: Während Bienzles frühere Probleme mit seinem Diensthandy, das er in Bienzle und der tiefe Sturz nicht einmal zu entsperren vermochte, diesmal überhaupt keine Rolle mehr spielen, erledigt Fischer ihre freiberufliche Textarbeit auf einem stylishen weiß-blauen Apple iBook G3 (Spitzname: „Barbie-Handtasche“) mit praktischem Tragegriff. Bienzle, der zwischenzeitlich übrigens intensiv mit Damms Sekretärin Margret (Maren Kroymann, Schweinegeld) flirtet, schimpft stattdessen regelmäßig auf das neue Navigationsgerät im Dienstwagen, das sich natürlich nicht annähernd so gut in Stuttgart auskennt wie er.


NAVI:
Die Route wird berechnet… Nach 50 Metern rechts abbiegen.

BIENZLE:
Blödsinn, des isch’n Umweg! Wir fahret weiter gradeaus!

Bewertung: 7/10


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