Bild: SWR

Bienzle und der Tod im Weinberg

Folge 641

1. Oktober 2006

Sender: SWR

Regie: Jochen Nitsch

Drehbuch: Felix Huby, Dieter de Lazzer

So war der Tatort:

Weingärtnerisch.

Hauptkommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck), der bei seinem 23. Einsatz wieder von Oberkommissar Günter Gächter (Rüdiger Wandel), Gerichtsmediziner Dr. Bernhard Kocher (Klaus Spürkel) und Kriminaltechniker Schober (Dirk Salomon) unterstützt wird, ermittelt in seinem drittletzten Tatort nämlich am Fuße des Rotenbergs in Untertürkheim: Dort haben mehrere „Wengerter“ mit ihren Winzerbetrieben und Genossenschaften ein Zuhause gefunden. Und mitten im Herzen eines der schönsten Stuttgarter Stadtbezirke gibt es im (deshalb nicht ganz treffend betitelten) Bienzle und der Tod im Weinberg gleich zwei Tote zu beklagen.

Da ist zum einen Weingutbesitzerin Sophie Dippon (Margarete Salbach, Der kalte Tod), die einleitend bei der schweißtreibenden Arbeit im „Wengert“ zusammenbricht: Ihr Sohn Karl (Christian Koerner, Der Kormorankrieg), der neben ihr Trauben erntet, kann nichts mehr für sie tun. Und da ist zum anderen Karls schnöseliger Bruder Mike Dippon (Christof Arnold, Bienzle und der Mann im Dunkeln), der nun die Hälfte des traditionsreichen Familienunternehmens erbt, mit der Winzerei aber herzlich wenig anfangen kann und als Teamleiter in einem Maschinenbaubetrieb sein berufliches Glück gefunden hat: Mike wird beim Leichenschmaus für seine Mutter im Gasthaus über eine Brüstung geschubst und verstirbt an Ort und Stelle.

Schon zu diesem frühen Zeitpunkt offenbart sich, wie konstruiert die Geschichte von Stammautor Felix Huby ist, der nach Bienzle und der Biedermann sowie Bienzle und der Feuerteufel zum dritten Mal von Dieter de Lazzer beim Drehbuch unterstützt wurde: Zeitlich und örtlich kommen dermaßen viele Zufälle zusammen, dass das die Glaubwürdigkeit des Krimis erheblich schmälert. Rein zufällig findet im Gasthaus zeitgleich zum Leichenschmaus ein Geschäftsessen von Mike Dippons Chef Haubrich (Martin Umbach, Vorstadtballade) und seinem beruflichen Rivalen Stefan Butz (Rainer Strecker, Brandwunden) statt. Und rein zufällig befindet sich der Feinwerkmechanikbetrieb von Ralf (Heinrich Schmieder, Kalte Wut) und Veronika Schaufler (Ulrike Grote, Keine Polizei), die als Zulieferer von Haubrichs Firma abhängig sind, direkt gegenüber von Dippons Winzerbetrieb.

Das hat zur Folge, dass der 641. Tatort unter Regie des nur einmal für die Krimireihe aktiven Jochen Nitsch so anmutet, als seien die schwäbischen Kriminalisten nicht in einer Metropole mit sechsstelliger Einwohnerzahl, sondern in einem kleinen Dorf aktiv, bei dem man nur mal kurz die Straßenseite wechseln muss, um alle relevanten Personen antreffen zu können. Angesichts der vielen Ausflüge, die Bienzle schon in die Provinz unternehmen durfte (vgl. Bienzle und die schöne Lau, Bienzle und der Tod im Teig oder Bienzle und der Sizilianer), wäre das hier auch eine Idee gewesen – andererseits wird eben in 16 der 23 Stuttgarter Stadtbezirke Wein angebaut und die Großstadt bringt es auf stolze 423 Hektar Rebfläche.

Und überhaupt ist ein Kriminalfall rund um die gehaltvollen Tropfen natürlich wie gemalt für den Kommissar, der sich mit seiner Lebensgefährtin Hannelore Schmiedinger (Rita Russek) nach Feierabend gerne mal einen Tropfen Trollinger oder Lemberger einschenkt: Man muss lange suchen, um einen Bienzle-Tatort zu finden, in dem es keine solche Alkoholszene gibt. Diesmal kommen allerdings auch Schober, Kocher und Gächter auf dem Präsidium in den Genuss, weil Bienzle nach einer Befragung einen edlen Barrique-Burgunder mit ins Büro bringt – was die Qualität des Weines angeht, gehen die Meinungen allerdings auseinander.


GÄCHTER:
Ein gepflegtes Pils ist mir lieber.

BIENZLE:
Und für so jemand verschwende ich meinen Spitzenwein.

Aus Bienzle und der Tod im Weinberg hätte damit ein wunderbarer Themenkrimi aus der Welt der Winzer und Weinberge werden können – doch er ist es leider nicht geworden. Die Konzentration aufs Wesentliche geht nämlich schnell verloren: Zum einen, weil das in ähnlicher Form schon oft erzählte Gebaren des Industriebetriebs mit internen Machtspielchen und Intrigen reichlich Raum im Drehbuch einnimmt. Und zum anderen, weil die Filmschaffenden noch einen wirklich behämmerten Nebenhandlungsstrang in den Plot quetschen: Hannelore hat spontan ein Baby bei sich einquartiert, das nicht nur den wenig begeisterten Bienzle und sie, sondern auch den überraschend kinderlieben Vermieter Rominger (Walter Schultheiß) auf Trab hält.

Man muss nicht selbst Kinder haben, um zu bemerken, wie abstrus dieses nervtötende Manöver ist: Welche Mutter würde ihr wenige Monate altes Kind wohl spontan einem kinderlosen und beruflich maximal eingespannten Pärchen in die Hand drücken, das selbst weder Kinder noch Enkelkinder hat? Dass die Mutter dann auch noch ein Schleudertrauma erleidet und ihr Kind tagelang nicht wieder abholen kann, ist der in der Mutterrolle förmlich aufblühenden Hannelore gerade mal eine Randnotiz wert. Später schneit sie ins Präsidium und drückt dem ebenso verdutzten wie beschäftigten Bienzle vor versammelter Mannschaft das Kind in die Hand, weil sie selbst einen wichtigen Termin im Verlag hat. Wie bitte?

Wir kennen solche Baby-Momente – wohlgemerkt mit umgekehrter Rollenverteilung – aus den niedersächsischen, ebenfalls in den 2000er-Jahren ausgestrahlten Tatort-Folgen mit LKA-Kommissarin Charlotte Lindholm, die ihren Nachwuchs oft bei ihrem Mitbewohner oder ihrer Mutter abgab (vgl. Erntedank e.V.). Da war das zwar auch nicht spannender, aber zumindest noch halbwegs glaubwürdig. Hier ist das pausenlos eingestreute Kinderbespaße jedes Mal eine Vollbremsung einer Story, deren Tempo ohnehin schon gemächlich ausfällt: Wirklich dramatisch wird es erst in den Schlussminuten, in denen eine Mordverdächtige beinahe in eine laufende Weinpresse stürzt. Gleichzeitig ist dieser Moment so unbeholfen inszeniert, dass sich selbst dort kein echter Spannungsmoment einstellt.

Immerhin: Die Täterfrage der ansonsten solide abgespulten Whodunit-Konstruktion ist wirklich schwer zu beantworten, weil mehrere falsche Fährten ausgelegt werden und ein halbes Dutzend tatverdächtiger Personen handfeste Mordmotive mitbringt. Auch beim Blick auf die mit vielen schwäbischen Schauspielenden besetzten Nebenfiguren gibt sich der Krimi keine Blöße. Der Cast überzeugt und authentisches Lokalkolorit bringt der Tatort (wie so oft bei Bienzle) reichlich mit. Ein spannender Krimi ist Bienzle und der Tod im Weinberg aber nicht geworden – vielmehr reiht er sich mit Blick auf die übrigen Stuttgarter Folgen eindeutig im unteren Drittel ein.

Bewertung: 4/10


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