Folge 603
24. Juli 2005
Sender: SWR
Regie: Hartmut Griesmayr
Drehbuch: Felix Huby, Zoran Solomun
So war der Tatort:
Schwäbisch-sizilianisch.
Bienzle und der Sizilianer, der unter dem Arbeitstitel Bienzle und der Neapolitaner gedreht wurde, spielt nämlich zu großen Teilen im beschaulichen Allgäu – und damit zwar eine ganze Ecke entfernt von der baden-württembergischen Landeshauptstadt, aber tief im Herzen Schwabens. Entstanden ist der 21. Bienzle-Tatort, in dem der Stuttgarter Hauptkommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck) wie gewohnt von seinem Kollegen Günter Gächter (Rüdiger Wandel) unterstützt wird, in Wangen im Allgäu – und auch dort hat sich, so erklärt uns Gächter früh, die sizilianische Mafia niedergelassen.
Ehe sich Bienzle – ebenso wie seine Lebensgefährtin Hannelore Schmiedinger (Rita Russek), die sich in einem nahegelegenen Wellness-Hotel eingebucht hat – ins Allgäu begibt, führt ihn der Fall aber in die Nähe des Stuttgarter Flughafens: Ein mit zahlreichen Narben von Stich- und Schusswunden übersäter Mann wurde dort hinterrücks erschossen und scheint eben jener sizilianischen Mafia, deren Einfluss bis nach Stuttgart reicht, zum Opfer gefallen zu sein. Dass diese Idee gar nicht so weit hergeholt ist, zeigen Jahre später die Prozesse gegen Mitglieder der ‚Ndrangheta: Tatsächlich ist die Mafia im Ländle so einflussreich und verwurzelt wie in keinem zweiten deutschen Bundesland.
Gewissermaßen ist der 603. Tatort unter Regie von Hartmut Griesmayr (Bienzle und der steinerne Gast), der seinen neunten Bienzle-Tatort inszeniert, seiner Zeit also voraus – und auch das TV-Publikum genießt den Kriminalisten gegenüber einen erheblichen Wissensvorsprung. Schließlich werden wir vor der Erschießung am Flughafen, bei der wir Täter oder Täterin nicht erkennen, in einem elfminütigen Prolog Zeuge, wie sich das spätere italienische Mordopfer Luigi Ricci (Orazio Zambelletti, Die Ballade von Cenk und Valerie) in einer Almhütte mit seiner deutschen Freundin Marlene Mergenthaler (Alma Leiberg, Die schlafende Schöne) vergnügt. Die traute Zweisamkeit wird durch einen Unbekannten gestört, der das Liebespaar vom Wald aus beobachtet und ihnen bis zum Flughafen nachfährt. Sitzt Luigi die Mafia im Nacken?
Stammautor Felix Huby (Bienzle und der Feuerteufel), der sich für sein neunzehntes Bienzle-Drehbuch zum zweiten Mal Unterstützung von Zoran Solomun (Bienzle und der süße Tod) holt, gibt sich alle Mühe, uns im ersten Filmdrittel das Gefühl zu vermitteln, wir befänden uns hier in einem waschechten Mafiathriller. Schließlich scheint auch Luigis aufgewühlter Bruder Giovanni (Luca Zamperoni, Zahltag), der im Allgäu als Koch tätig ist, gnadenlose Häscher aus Sizilien zu fürchten. Seine Tochter Eva (Paulina Schwab), die er gemeinsam mit Marlene Mergenthalers Schwester Ruth (Astrid Posner) großzieht, findet dann ihren Lieblingshasen abgeschlachtet vor der Haustür – eine eindeutige Anspielung auf die legendäre Pferdekopf-Szene im Mafia-Epos Der Pate.
Je länger Bienzle und der Sizilianer läuft, desto mehr versandet dieses reizvolle Ausgangsidee allerdings im Nichts – und es kristallisiert sich bei abnehmender Spannung heraus, dass die Filmemacher etwas Anderes mit uns vorhaben. Antriebsmotor des Krimis ist nicht etwa eine blutige Vendetta, sondern eine schnöde Dreieckskiste: Neben dem ermordeten Luigi hatte auch der Käserei-Geschäftsführer Simon Groß (Marcus Michalski, HAL) ein Auge auf Marlene geworfen. Deren Vater Arnold Mergenthaler (Arnulf Schumacher, Kinderlieb) hat die Käserei zu einem erfolgreichen mittelständischen Unternehmen ausgebaut. Seiner Frau Luise (Angelika Bender, Altlasten) war Luigi ebenfalls ein Dorn im Auge, weil er das traute familiäre Gefüge zu sprengen drohte.
Schon rein optisch entspricht der treue Simon, dessen Zuneigung längst nicht mehr erwidert wird, dem Traum aller Schwiegermütter – und auch sonst greifen die Filmschaffenden leider häufig tief in die Klischeekiste. Da gibt es mit Arnold Mergenthaler auch den typischen, herrischen Patriarchen, der von seiner abtrünnigen Tochter Marlene keinen Widerspruch duldet. Den Krimi macht das oft ausrechenbar, wenngleich die Auflösung der Täterfrage diesmal kein Kinderspiel darstellt. Hölzerne Dialogzeilen und gekünstelte One-Liner, die im wahren Leben niemandem über die Lippen kommen würden, schmälern den Gesamteindruck vom Film ebenfalls empfindlich. Und Gächter, diesmal viel solo im Allgäu-Örtchen unterwegs, muss am Telefon mit radebrechendem Italienisch den Kontakt zu den Kollegen jenseits der Alpen halten – nett gemeint, aber selten wirklich witzig.
Größtes Ärgernis des ansonsten zumindest soliden Krimis ist aber einmal mehr der nervtötende Nebenstrang der Handlung, in dem wir Bienzles Partnerin Hannelore begleiten. Diesmal geht’s auf eine Körner-Kur ins bereits erwähnte Wellness-Hotel in Bad Buchau: Die Tonalität dieser Sequenzen, in denen sich Hannelore im Bademantel dem aufdringlichen Kurschatten Ines Kraft (Johanna Bittenbinder, Tod auf der Walz) erwehrt, bewegt sich irgendwo zwischen Rosamunde-Pilcher-Schmonzetten, einer heiteren Traumschiff-Episode und seichten Vorabendserien. Man kann die Uhr danach stellen, dass auch Bienzle im Hotel vorbeischaut – ein ärgerlicher, viel zu langer Exkurs, der uns vor malerischer Bergkulisse zwischenzeitlich komplett aus dem Kriminalfall reißt und in der (erneut) sehr kitschig-klamaukigen Schlussminute humorvoll zu Ende gebracht wird.
So steht unterm Strich trotz des überzeugenden Auftakts ein eher enttäuschender Bienzle-Tatort, der beim Blick auf die Gesamtreihe zu den schwächeren des schwäbischen Kommissars zählt: Obwohl das Potenzial für eine mitreißende Mafiageschichte da gewesen wäre, erzählen die Filmschaffenden bei schnell abflachender Spannungskurve am Ende nur einen 08/15-Whodunit, bei dem die üblichen Versatzstücke des Genres wenig originell zusammengebaut und die Tatverdächtigen der Reihe nach abgeklappert werden.
Bewertung: 4/10


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