Folge 571
25. Juli 2004
Sender: SWR
Regie: Hartmut Griesmayr
Drehbuch: Felix Huby
So war der Tatort:
Fast wie eine Seifenoper.
So hölzern und affektiert hat man Dialoge in einem Stuttgarter Tatort bisher nämlich nur im ähnlich gekünstelten Bienzle und der Todesschrei gehört – dort setzte Stammautor Felix Huby, der für Bienzle und der steinerne Gast zum siebzehnten Mal das Drehbuch zu einem Tatort mit Hauptkommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck) beisteuert, allerdings ausnahmsweise mal aus. Diesmal passen die wenig authentischen Unterhaltungen aus seiner Feder dafür durchaus gut zu einem Krimi, der über weite Strecken in nur einem Gebäude spielt: in der Stuttgarter Staatsoper, die das noch relativ unverbrauchte Setting zum neunzehnten Tatort mit Bienzle und seinem Kollegen Günter Gächter (Rüdiger Wandel) bildet.
Die Krimireihe begibt sich nicht zum ersten Mal aufs Terrain der Arien und Libretti; 1996 verschlug es schon die Münchner Tatort-Kollegen Ivo Batic und Franz Leitmayr in Aida in die Oper (drei Jahrzehnte später kehrten sie in Das Verlangen noch einmal auf die Bühnenbretter zurück). Im 571. Tatort bietet sich den schwäbischen Kriminalisten in einer Art Intrigantenstadl nun ein ähnliches Bild wie ihren bayrischen Pendants: Abseits des Rampenlichts regieren Neid und Missgunst. Statt einer eingeschworenen Truppe erleben wir die Künstlerschaft unter Leitung des ungeduldigen Intendanten Bartholdy (Lutz Mackensy, Mord hinterm Deich), der sich auch als Regisseur aufspielt, meist als feindselig-übellaunigen Haufen.
Der Mordfall selbst hat dabei viel von einer klassischen Agatha-Christie-Konstruktion: Eine Handvoll Tatverdächtiger, die neben der Gelegenheit zum Mord auch einleuchtende Motive mitbringen, zwei Ermittler, die das Operngebäude nur für kurze Stippvisiten im Präsidium verlassen, und natürlich die obligatorische Auftaktleiche, die – der Krimititel deutet es Kennern an – bei der feierlichen Premiere von Alexander Dargomyschskis Oper Der steinerne Gast aufgefunden wird. Der vom Ensemble geschätzte, aber umstrittene Arzt und Vorsitzende des Fördervereins, Dr. Arnulf Sontheim (Christoph Hofrichter, Bienzle und der Zuckerbäcker), liegt einleitend mit einem manipulierten Requisitenmesser im Rücken tot am Buffet.
Von diesem frühen Zeitpunkt an läuft Bienzle und der steinerne Gast wie auf Autopilot: Gächter und Bienzle, die sporadisch vom Gerichtsmediziner Dr. Bernhard Kocher (Klaus Spürkel) unterstützt werden, hangeln sich im Opernhaus und in dessen Werkstätten von Dialog zu Dialog, ohne dass dabei ein echter Spannungsbogen entstünde. Ein Besuch beim Beleuchter, einer in der Rüstkammer und einer in der Maßschneiderei: Unter Regie von Hartmut Griesmayr (Bienzle und der Tod im Teig), der bereits seinen achten Bienzle-Tatort inszeniert, klappern die Kommissare die wichtigsten Schauplätze im Mikrokosmos Oper ab und sammeln dabei fleißig Erkenntnisse. Das ist selten aufregend, sondern meist ausrechenbar, und manchmal auch nachdenklich-philosophisch.
Als Whodunit vom Reißbrett funktioniert der Krimi dafür hervorragend: Die vielen Mordmotive – etwa das der unter Stimmproblemen leidenden Opernsängerin Sylvia Temesvari (Vasiliki Roussi, Fakten, Fakten…) oder des früheren Bühnenstars Robert van Dahlen (Max Gertsch, Der Lippenstiftmörder), der seine Karriere aus Gesundheitsgründen beenden und als Inspizient anheuern musste – sind so überzeugend, dass praktisch jeder Nebenfigur die Tötung zuzutrauen ist. Als Arzt, dem die Frauen vertrauen, hatte sich Sontheim Feinde gemacht. Auch Opernsänger Cassian Pfeiffer (Jürgen Tarrach, Norbert) und seine Ehefrau Waltraud (Maria Hartmann, Stille Tage) können – das Wortspiel sei erlaubt – ein Lied davon singen.
Interessante Einblicke ins Opernmilieu liefert der Krimi allerdings kaum. Abgesehen von einer stimmungsvollen Ouvertüre und einem (erneut) kitschigen Finale, bei dem Bienzle seine Lebensgefährtin Hannelore Schmiedinger (Rita Russek) zum 50. Geburtstag in die Oper einlädt und ihr fix einen Ring ansteckt, sind wir auch nur wenige Sekunden bei einer Probe live dabei. Ansonsten gibt es die inzwischen fest in den Bienzle-Krimis etablierten, entschleunigenden Hannelore-Momente und wir müssen wir uns mit dem begnügen, was sich musikfrei in den Technikräumen und Werkstätten abspielt. Im umstrittenen Kölner Tatort Die Schöpfung, der das TV-Publikum 2026 auf die Großbaustelle der Oper in Köln-Deutz entführte, ist das etwa anders; so richtig ins Milieu eintauchen dürfen wir in diesem Bienzle-Tatort nicht.
Auch die bereits erwähnten Dialoge wirken oft seltsam glattpoliert und oberflächlich – etwa dann, wenn sich die Pfeiffers zum x-ten Mal gegenseitig Vorwürfe machen, wer denn nun welchen Teil des Schicksals ihrer im Koma liegenden Tochter Sarah (Judith Hellebronth) verantwortet. Ermüdend ist das bisweilen auch. Im Cast kann sich deshalb keiner der Beteiligten nachhaltig in den Vordergrund spielen. Bienzle und Gächter klingen zwar etwas glaubwürdiger, sind letztlich aber auch Gefangene des von Klischees geprägten Drehbuchs. Trotz kniffliger Auflösung der Täterfrage und des ausgefallenen Settings zählt Bienzle und der steinerne Gast mit Blick auf die Gesamtreihe daher zu den schwächeren Fällen aus Stuttgart, ohne vollständig zu enttäuschen.
Bewertung: 4/10


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