Folge 452
27. August 2000
Sender: SWR
Regie: Miguel Alexandre
Drehbuch: Harald Göckeritz
So war der Tatort:
Humoresk – und zugleich hummeresk.
Denn es ist vor allem die zum Zeitpunkt der Erstausstrahlung aufstrebende, auch aus dem zeitgleich im Kino laufenden Coming-of-Age-Drama Crazy bekannte Jungschauspielerin Julia Hummer, die dieser Tatort-Folge nicht nur titelgebend ihren Stempel aufdrückt: Ihr erfrischend unverbrauchtes Spiel trägt maßgeblich dazu bei, dass der 20. Einsatz von Hauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), die zum elften Mal ihren Kollegen Mario Kopper (Andreas Hoppe) an ihrer Seite weiß, unterhaltsam-kurzweilig gerät und gleichzeitig zu Herzen geht.
Und das schon in den Anfangsminuten: Die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits 19-jährige Hummer mimt die 14-jährige Ausreißerin Tanja Johanni, die auf der Straße lebt und sich im verregneten Ludwigshafen mit Taschendiebstählen über Wasser hält. Der vom Schicksal gebeutelte Teenie macht einleitend die Bekanntschaft mit der vor Glück nur so strahlenden Bankerin Saskia Döhring (Katja Riemann, Die Wahrheit stirbt zuerst): eine kurze, aber intensive Begegnung, die Regisseur und Tatort-Debütant Miguel Alexandre (Avatar) bewusst warmherzig in Szene setzt, nur um uns kurz darauf auf den harten Boden der Realität zurückzuholen.
Sekunden später wird Döhring nämlich in einer Tiefgarage vor den Augen ihres sehnsüchtig wartenden Freundes Tom Reisinger (Oliver Stokowski, Königskinder) erst von einem Auto überfahren und anschließend aus selbigem heraus erschossen. Tanja bekommt das dramatische Geschehen mit und blickt dem Täter sogar in die Augen, kann aber unter Beschuss vom Tatort fliehen. Fortan wird Die kleine Zeugin von dem zwischen skrupellosem Geschäftsmann und eiskaltem Killer changierenden Robert Franke (bedrohlich: Dietrich Hollinderbäumer, Gefallene Engel) gejagt: Er setzt alles daran, Tanja zu finden und zu eliminieren.
Dass wir gegenüber Odenthal und Kopper einen Wissensvorsprung genießen und das Gesicht des Täters kennen, tut der Spannung keinen Abbruch. Im Gegenteil: Immer dann, wenn Franke der rebellisch-verletzlichen Tanja dicht auf den Fersen ist, beschleunigt sich der Pulsschlag. Allzu oft mutet uns Drehbuchautor Harald Göckeritz (Norbert), der nach Kriegsspuren zum zweiten Mal ein Skript für den Krimi aus der Kurpfalz beisteuert, das allerdings nicht zu. Vielmehr legt sein Drehbuch (ähnlich wie später der Bodensee-Tatort Engel der Nacht) den Fokus auf das sich langsam entwickelnde Vertrauensverhältnis zwischen der wohlwollenden Kommissarin und der verängstigten Zeugin.
Mit Hilfe einer Sozialarbeiterin (Adele Neuhauser, Die Neue) macht Odenthal Tanja schnell ausfindig und quartiert den rauchenden Teenager, der partout nicht nach Hause oder in ein Heim will, kurzerhand bei sich ein. Einem Realitätscheck würde dieses Manöver nicht standhalten – immerhin resultieren aus der Konstellation aber einige Szenen zum Schmunzeln. Etwa dann, wenn Tanja mangels einer Pfanne zwei Spiegeleier auf der blanken Herdplatte brät oder ohne vorherige Absprache mit der Kommissarin ihre Freundin Resche (Habiba Laout) einlädt, die direkt in Koppers heißgeliebtes Inter-Mailand-Trikot schlüpft, das ein Jahr später in Gute Freunde nochmal ein Comeback feiert.
Ohnehin ist es diesmal vor allem Kopper, der heitere Momente für sich verbucht. Da ist nicht nur der wohldosierte Running Gag um eine Espresso-Maschine im Revier, die nur er als Italiener bedienen kann. Da sind auch die Reibereien mit dem Tennis spielenden Kollegen vom Wirtschaftsdezernat Walter Moser (Ulrich Pleitgen, Katjas Schweigen), dem aufgrund seiner auffälligen Nähe zu den Verdächtigen der Vorwurf der Bestechlichkeit anhaftet. Auch die Szene, in der Kopper den zwielichtigen Grundstücksspekulationen einer ominösen Aktiengesellschaft auf den Grund geht und dabei Assistentin Edith Keller (Annalena Schmidt) den Boden für eine eher seltene, dafür umso großartigere Pointe bereitet (Stichwort: E-Gitarre), sei hier erwähnt.
Musikalisch wird es auch an anderer Stelle: Xavier Naidoo, der zwanzig Jahre später ins Schwurbler- und Querdenker-Milieu abdriftet und mit rassistisch-antisemitischen Aussagen empört, hat einen Kurzauftritt mit den Söhnen Mannheims. Ebenso der spätere Hollywood-Star Daniel Brühl (Gefährliche Zeugin), der in seinem zweiten und bis heute letzten Tatort-Auftritt den hochkarätig besetzten Cast komplettiert, in seiner Rolle als drogensüchtiger Junkie Achim aber leider voll und ganz dem gängigen Klischee eines Straßenjugendlichen entspricht.
Warum sich gerade der LU-Tatort so schwer damit tut, Heranwachsende authentisch sprechen zu lassen – zum Vergleich seien die späteren Folgen Der Wald steht schwarz und schweiget oder Du gehörst mir angeführt – bleibt rätselhaft. Leider verwehren uns die Filmemacher auch tiefere Einblicke in die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen auf der Straße, denn mehr als gängige Allgemeinplätze liefert die 452. Tatort-Folge diesbezüglich nicht:
Auch dem als Wirtschaftskrimi angelegten Kriminalfall, der lange eine eher untergeordnete Rolle spielt, fehlt die Durchschlagskraft. Die Entwicklung ist meist vorhersehbar. Recht früh ist zudem zu erahnen, wer hier ein falsches Spiel spielt. So besticht Die kleine Zeugin unterm Strich weniger durch überraschende Wendungen oder knisternde Spannung, dafür aber mit Witz und Charme. Und mit einer tollen Hauptdarstellerin, deren ungekünstelte Art allein schon das Einschalten wert ist.
Bewertung: 6/10


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