Folge 1339
13. September 2026
Sender: NDR
Regie: Alexander Adolph
Drehbuch: Alexander Adolph
So war der Tatort:
Nicht zum Vergessen – obwohl er in einem Demenzdorf spielt.
Hauptkommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler), die stolze 19 Wochen nach der Schweizer Folge Könige der Nacht die von der ARD seltsam begründete, längste Tatort-Sommerpause aller Zeiten beendet, ermittelt in König in Gelb nämlich in einer solchen Wohnresidenz: Im fiktiven Kleinhude bei Hannover ist eine demente Seniorin an den Folgen eines Sturzes verstorben. Lindholm, die nach ihrem Abschied aus Göttingen in Geisterfahrt und ihrem LKA-Comeback in Letzte Ernte wieder in ganz Niedersachsen für den NDR zum Einsatz kommt, hat Bereitschaftsdienst. Am Fundort der Leiche protokolliert sie in Vertretung der vor Ort zuständigen Kollegen erste Erkenntnisse und plant den Fall zu den Akten zu legen, weil keine Hinweise auf Fremdverschulden vorliegen.
Doch es kommt anders: Plötzlich steht der psychotische Hauptkommissar Matthias Vogel (Andreas Lust, Unter Feuer), der im LKA für Cold Cases zuständig ist, in ihrem Büro. Er vermutet, die Seniorin und reiche Erbtante des Stiftungsvorsitzenden Pierre Springer (Constantin von Jascheroff, Wendehammer) sei das Opfer eines Serienmörders, dem er seit Jahren erfolglos nachstellt und der die Toten stets mit gelben Kleidungsstücken drapiert. Er beschuldigt den dementen Heimbewohner Gustav König (Thomas Thieme, Der Inder), diesen und weitere Morde begangen zu haben. Können wir seiner wahnhaft wirkenden Theorie Glauben schenken?
Die skeptische Lindholm ahnt zunächst nicht, was für ein interessanter und für diesen Krimi sehr bereichernder Mann da vor ihr steht: Vogel ist selbst wegen einer Demenz im Anfangsstadium vom Dienst beurlaubt, ermittelt in seiner Messi-Wohnung aber akribisch weiter. Keine ganz neue Geschichte vom fanatischen Ex-Polizisten mit ungelöstem Langzeitfall, die uns dieser Tatort, der als erster in der Geschichte der Krimireihe vorab in der Mediathek abrufbar war, da auftischt. Aber das Erfolgsrezept funktioniert. Dennoch dauert es eine Weile, bis wir den Erkrankten einschätzen (und sogar ins Herz schließen) können.
Wirkt es anfangs noch wenig glaubwürdig, ja naiv und fahrlässig, wie Lindholm sich auf die vogelwilden Vogel-Theorien einlässt und sich dem unberechenbaren Mann ausliefert, mausert sich der Kommissar zum menschlichen Dreh- und Angelpunkt des Krimis. Schauspieler Andreas Lust bietet die vielschichtige Figur, die Erinnerungszettel in ihre Wohnung hängt und rund zwanzig Mal „Ich sag’s, wie es ist!“ sagt, die Gelegenheit für eine der besten Leistungen seiner TV-Karriere: Erst nervt, irritiert und verängstigt Vogel uns, dann bringt er uns zum Lachen und rührt uns gar zu Tränen. Ein ungemein reizvoller Charakter.
Dem Tatort aus Niedersachsen tut das gut: Endlich einmal steht nicht Charlotte Lindholms Seelenleben im Mittelpunkt. Natürlich bleibt die Kommissarin für uns die Identifikationsfigur, aber den Krimi trägt der aufdringliche Vogel fast im Alleingang. Wo stecken seine Frau und sein Kind, auf die er vergeblich wartet? Hat sich der Mann, der Charlotte in tattrigen Momenten „Karotte“ nennt, verrannt oder ist er tatsächlich einem Serienmörder auf der Spur? Und war es womöglich keine gute Idee, ihm seine Dienstwaffe trotz Beurlaubung nicht abzunehmen?
Regisseur und Drehbuchautor Alexander Adolph, der neben dem schwachen Lindholm-Tatort Der sanfte Tod vor allem grandiose Folgen wie Der oide Depp oder Der Weg ins Paradies arrangiert hat, lässt uns in vielerlei Hinsicht im Ungewissen. Seine Whodunit-Konstruktion, bei der sich auch die Frage stellt, ob ein überführter Täter überhaupt verhandlungsfähig wäre, bietet weitere Verdächtige an, der wir die Tat zutrauen: die auf den ersten Blick kooperative Heimleiterin Anna Mazur (Marina Galic, Es lebe der Tod) etwa. Oder den undurchsichtigen Gottfried Miller (Matthias Bundschuh, Gier und Angst), der den dementen und für diesen Tatort titelgebenden Gustav König als Leiter der Musikschule beerbt hat.
Am Ende ist vielleicht aber gar nicht entscheidend, wer die verstorbene Seniorin im 1339. Tatort auf dem Gewissen hat. Denn nachhaltig in Erinnerung von diesem melancholisch vertonten, oft spärlich ausgeleuchteten Tatort bleibt neben Lusts Performance vor allem der differenzierte Umgang mit dem Thema Demenz: Anders als in Folgen wie Flash oder Gestern war kein Tag schwingen vielfältige Facetten der tückischen Erkrankung mit, ohne dass sie spannungsmindernd vertieft würden. Gleichzeitig ist König in Gelb auch kein Krimi wie Rabenherz oder Hundeleben, der den Pflegenotstand anprangert: Den Menschen im Wohnheim geht es gut.
Die Brücke zu Lindholms eigener Verwandtschaft baut das Drehbuch aber doch: Die Begegnung mit der diesmal auffallend verbitterten Mutter Annemarie (Kathrin Ackermann), erstmalig seit dem missglückten Lindenberg-Tatort Alles kommt zurück wieder dabei, ist ebenso verzichtbar wie ein seltsam beliebig platzierter Jump Scare, der die Ermittlerin zwischendurch aus dem Schlaf reißt.
Unterm Strich steht dennoch ein bisweilen rührendes, aber nie rührseliges Demenzdrama, das auch als Krimi prima funktioniert und mit einem bärenstarken Episodenhauptdarsteller aufwartet. Zwar ist ein Vogel-Comeback ausgeschlossen, doch würde man sich gewinnbringende Konstellationen wie diese im Niedersachsen-Tatort häufiger wünschen. Die auch in Letzte Ernte wieder zelebrierte Mär von der ewig überlegenden LKA-Kommissarin, die einem vor Ort zuständigen Landei die Welt erklärt, ist schließlich schon seit Jahren auserzählt.
Bewertung: 7/10


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