Bild: ORF

Tödliches Vertrauen

Folge 631

14. Mai 2006

Sender: ORF

Regie: Holger Barthel

Drehbuch: Thomas Baum

So war der Tatort:

Männerdominiert.

Denn zum einen sitzen mit Drehbuchautor Thomas Baum (Kinderwunsch) und Regisseur Holger Barthel, der nach Der Wächter der Quelle zum zweiten und letzten Mal für einen Tatort verantwortlich zeichnet, zwei männliche Filmschaffende am Ruder – was allein noch keine Erwähnung wert wäre. Den 14. Einsatz des Wiener Chefinspektors Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) kennzeichnet aber auch eine schon 2006 erschreckend eindimensional-angestaubte Figurenzeichnung, die Tödliches Vertrauen über weite Strecken zu einem echten Ärgernis macht.

Eisner ermittelt diesmal in der Führungsetage des Tech-Unternehmens „ULC Technologies“, und hier gelten genau drei Gesetze: Männer geben den Ton an, Männer bekleiden die wichtigen Positionen und Männer treffen die Entscheidungen. Mannomann!

Einer dieser Männer ist der angesehene Physiker Raimund Jakobi (Hary Prinz, Deine Mutter), der nach einer spannenden, wenn auch plakativ anmutenden Auftaktsequenz beim Rudern auf der Donau erschossen wird. Sein Tod kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, denn die Firma, in der das Opfer als Abteilungsleiter tätig war, steht kurz vor der Präsentation eines revolutionären Werkstoffs für die Autoindustrie. Und doch ist Jakobis Ableben keine Überraschung: Beruflich brillant und erfolgreich, ließ er sich von niemandem etwas sagen – weder von seiner vernachlässigten Frau Agnes (Pia Baresch, Her mit der Marie!), noch von seiner Kollegin Dr. Christine Schwarz (Julia Stemberger, Der Tod des Tänzers), die er vor versammelter Mannschaft bloßstellte und die zugleich seine Geliebte war.

Was als Studie über den Leistungsdruck in der Arbeitswelt beginnt und damit an die spätere Kölner Folge Unter Druck oder den starken Ludwigshafener Tatort Kassensturz erinnert, entwickelt sich in der Folge leider zum faden Familiendrama. Dabei treiben die Filmemacher auch die geschlechterideologische Schwarz-Weiß-Malerei weiter auf die Spitze: Da ist nämlich auch noch Bianca (Phillippa Galli), die minderjährige Tochter von Jakobis Vorgesetztem Dr. Hannes Kubek (Jan-Gregor Kremp, Mann über Bord), mit der das Opfer ein Verhältnis hatte und die nun von ihm schwanger ist.

Mit fortschreitender Handlung rückt das Familienleben der Kubeks in den Mittelpunkt, was den Film nicht besser macht – im Gegenteil. Das Drehbuch bleibt seiner zweifelhaften Linie treu und reproduziert am Fließband Klischees. Hannes Kubek wirkt als autoritäre Ich-AG wie ein Relikt aus den 50er-Jahren. Die Gespräche mit Frau Ingrid (Petra Morzé, Paradies) beschränken sich auf pragmatisch-herzlose Zwei-Wort-Sätze am Frühstückstisch und auch Tochter Bianca muss die bestimmende Art ihres Vaters erdulden, die sich im fragwürdigen Coaching mit der Betriebsberaterin Carina Reif (Maria Köstlinger, Gier) Bahn bricht. Denn als Mann in Führungsposition gilt natürlich: bloß keine Schwäche zeigen.


REIF:
Was macht der Geschäftsführer Hannes Kubek aus der Wut im Rahmen seiner funktionalen Möglichkeiten?

KUBEK:
Druckreicher kommunizieren, bissiger treiben, aggressiver führen.

Auch Reif reiht sich nahtlos in die Riege fragwürdiger Figuren ein. Als halbwegs selbstbewusste Frau, die dem verdutzten Eisner bei der ersten Begegnung schlagfertig eine Parklücke vor der Nase wegschnappt, erliegt sie schließlich schon beim zweiten Aufeinandertreffen den halbherzigen Flirtversuchen des Kommissars und lädt ihn direkt zu sich nach Hause ein. In Bezug auf Eisners damaliges Womanizer-Image ist das zwar konsequent, wirkt aber bei genauerer Betrachtung einfach plump und uninspiriert.

Unter der Last solch überholter Geschlechterbilder, die allein der freundlich-fürsorgliche Chauffeur Heinrich Beier (Rainer Frieb) durchbricht, bahnt sich ein solider Kriminalfall seinen Weg, der allerdings erst im letzten Drittel an Fahrt gewinnt und sich als Wirtschaftskrimi internationalen Ausmaßes entpuppt. Das wirkt leicht überambitioniert, zählt angesichts der flachen Spannungskurve aber noch zu den Pluspunkten der 631. Tatort-Folge. Die liefert zahlreiche Verdachtsmomente, aber kaum überraschende Wendungen.

Auch im Hause Eisner sind die Rollen klar verteilt. Töchterchen Claudia (Sarah Tkotsch), die wie Polizeichef Ernst Rauter (Hubert Kramar) nach ihrem Debüt in Die schlafende Schöne inzwischen fest zum Figurenensemble im Wiener Tatort zählt, versucht zwar mit ihrer erfrischend unangepassten Art dem Bild der handlungsunfähigen Frau zu entfliehen, als sie bei einem drohenden Suizid eigenmächtig aufs Dach eines Hochhauses steigt und die Situation entschärft. Ihre Eigeninitiative wird allerdings nicht mit Anerkennung belohnt, sondern mit einer Ohrfeige ihres strengen Vaters, der solchen Ungehorsam nicht duldet.

So ist Tödliches Vertrauen gleich in mehrfacher Hinsicht enttäuschend und ärgerlich; zumindest die Auflösung der Täterfrage bleibt aber bis in die Schlussminuten offen und fällt erfreulich überraschend aus. Der Weg dorthin wirkt allerdings ähnlich unausgegoren wie der Rest des Films. Am Ende ist es ein einziger Blick auf ein Foto, der flugs die Lösung des Falles herbeiführt. Das wirkt genauso zufällig, beliebig und wenig überzeugend wie der Titel dieses Krimis – und auch die seichte Schlusspointe auf einem Tanzball ringt uns kaum noch mehr als ein müdes Lächeln ab.

Bewertung: 4/10


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