Bild: WDR/Kerstin Stelter

Streng geheimer Auftrag

Folge 398

11. Oktober 1998

Sender: WDR

Regie: Markus Fischer

Drehbuch: Markus Fischer

So war der Tatort:

Deutsch-israelisch.

Der fünfte Tatort mit den Kölner Hauptkommissaren Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär), die seit ihrem zweiten Fall Bombenstimmung beim Dienstrang auf Augenhöhe agieren, dreht sich nämlich vor allem im ersten Filmdrittel um eine Frau, die für den israelischen Geheimdienst Mossad tätig ist: Die in Diensten eines Chemiekonzerns stehende Laborantin Petra Klein (Katja Giammona) stiehlt dort einleitend eine brisante Komponentenliste zur Mischung eines tödlichen Nervengifts. Das wird in den Laboren der Firma zwar fleißig an Tieren getestet, könnte aber auch gegen Menschen zum Einsatz kommen – und ist deshalb nicht nur für den Mossad, sondern auch für die zahlungskräftige arabische Kundschaft interessant.

Und für den BND und das BKA, die sich in Streng geheimer Auftrag ebenfalls an Kleins Fersen heften und für eine der unübersichtlichsten Auftaktviertelstunden in der 28-jährigen Geschichte der Krimireihe sorgen: Wer überwacht hier eigentlich wen, wer verfolgt welche Interessen und wo stecken Ballauf und Schenk, die die ersten elf Minuten gar nicht auftauchen? Während Klein die Unterlagen mit in ihre Wohnung nimmt und dort erst ungebetenen Besuch von ihrem Vorgesetzten Dr. Jonas Reinhardt (Axel Milberg, Klassen-Kampf) und dann von zwei namenlosen Killern bekommt, vergnügen sich die Kriminalisten auf der Bowlingbahn. Schenk erteilt Ballauf eine Lehrstunde, als dessen Handy klingelt und die verängstigte Klein kurz vor ihrem Ableben am Apparat ist.

Dass die Leiche der doppelt spielenden Frau kurz darauf samt Bauchbotschaft im Bett des perplexen Reinhardt liegt, können die beiden nicht verhindern. Wir wiederum wissen um die Täterschaft der Auftragsmörder – und so stellt sich die Frage, was Regisseur und Drehbuchautor Markus Fischer (Trittbrettfahrer) in seinem sechsten Tatort wohl mit uns vorhat. Die Täterfrage eines klassischen Whodunit stellt sich nicht, zugleich scheint es im Sinne eines Howcatchem eher unwahrscheinlich, dass Ballauf und Schenk gegen den Mossad, arabische Giftgas-Interessenten oder die anderen Behörden etwas ausrichten können. Solche Manöver hat es im Tatort schon oft gegeben; und auch in seiner 398. Ausgabe gestaltet sich die Zusammenarbeit mit BKA und BND in Person von Elmar Sattmann (Jürgen Schornagel, Die Blume des Bösen) wenig kooperativ.

In der Folge geraten die Kölner Kommissare, die bei ihren Recherchen von der emsigen Assistentin Lissy Pütz (Anna Loos) sowie von Rechtsmediziner Exenberger (Georg Prang) unterstützt werden, zwischen alle Fronten. Und fühlen dabei vor allem dem Mann auf dem Zahn, der von einer späteren Tatort-Legende gespielt wird und hier zum zweiten Mal für einen Fadenkreuzkrimi vor der Kamera steht: Axel Milberg, der von 2003 (Debüt in Väter) bis 2025 (Abschied in Borowski und das Haupt der Medusa) den kultigen Kieler Hauptkommissar Klaus Borowski spielte, mimt den menschlichen Dreh- und Angelpunkt des Films. Sein von mehreren Seiten bedrängter Dr. Reinhardt ist die mit Abstand spannendste Figur des Krimis und gerät in eine berufliche wie private Zwickmühle, aus der es kaum ein Entkommen gibt.

Sympathiepunkte sammelt Reinhardt dabei nicht: Schon in der zweiten Sequenz des Krimis sehen wir dem gefühlskalten Wissenschaftler dabei zu, wie er das von ihm entwickelte Nervengift an einem Schwein testet, das elendig in einem Käfig krepiert. Reinhardt löffelt dabei in Seelenruhe einen Joghurt und lässt nicht etwa Mitleid, sondern Befriedigung durchklingen („Exitus nach 22 Sekunden“) – und ist damit später bei Schenk genau an der richtigen Adresse. Der hält von Tierversuchen, die einige Jahre zuvor auch im ersten Batic-und-Leitmayr-Tatort Animals eine zentrale Rolle spielten, nämlich herzlich wenig. Und spricht uns damit aus der Seele.


REINHARDT:
Man testet, einfach ausgedrückt, ob der Organismus Rückstände aus unseren Pestiziden absorbiert oder nicht. Reicht Ihnen das, Herr…?

SCHENK:
Schenk. Im Moment reicht mir das, Herr Dr. Reinhardt.

BALLAUF
Warum bist du denn so stinkig mit dem?

SCHENK:
Weil mir schlecht wird, wenn ich das hier sehe.


Milbergs Performance ist eine der größten Stärken des Krimis, der ansonsten als kurzweilige Kreuzung aus fiebrigem, international angehauchten Spionagethriller und düsterem Krimidrama überzeugt. Bisweilen vergreift sich das Drehbuch allerdings im Ton – etwa dann, wenn Schenk die angemessen erboste, im Büro einen viel zu kurzen Rock tragende Lissy Pütz fragt, ob sie Staatsanwalt Dr. Prinz (Christian Tasche) „nasal, klerikal oder oral“ runtergeholt habe. Andere Dialoge klingen sehr künstlich – etwa in jener Szene, in der Ballauf seinen alten Spezi Leo Mantenga (Ciro de Chiara, Kopper) bei einer Partie Billard trifft und der dem Kommissar gegenüber äußert, dass „Hacken schlimmer als Heroin“ und ein Kölsch ihm inzwischen lieber sei.

Größtes Manko des Films sind aber die eingestreuten Slapstick-Einlagen, die nicht nur unglaubwürdig wirken, sondern auch unpassend zum sonstigen Erzählton klingen: Schon Schenks Treppensturz, bei dem er sich früh den Arm bricht, wirkt seltsam konstruiert – zumal der Oldtimer-Freund in der Folge weniger gehandicapt ist, als man es meinen sollte. Gipfel des Slapsticks ist allerdings eine Szene, in der der Kommissar bei einer Diplomatenparty in bester Die-nackte-Kanone-Manier über einen langen Gartentisch rutscht und auf einer Dame im teuren Abendkleid landet: Während Schenk Disziplinarmaßnahmen drohen, zaubert uns dieser albern inszenierte Stunt ein dickes Fragezeichen auf die Stirn. Seine funkensprühende Fahrt auf Schienen im kultigen Cadillac Eldorado ist da schon witziger.

Unterm Strich überwiegt das Positive: Dass grenzüberschreitende Ermittlungen im Kölner Tatort gut funktionieren, hat der viel gelobte Fall Manila ein Jahr zuvor bereits gezeigt. Später sind es Episoden wie Blutdiamanten, in denen das organisierte Verbrechen an Grenzen keinen Halt macht. Ähnlich wie im Erstling Willkommen in Köln wird es in Streng geheimer Auftrag auf der Zielgeraden auch wild-westlich: Der Showdown mündet in einen bleihaltigen Shootout, bei dem am Güterbahnhof in Nippes die Kugeln nur so durchs Bild zischen. Mit Blick auf die Figurenzeichnung lässt der Film aber Leerstellen: Abgesehen von Dr. Reinhardt erschöpfen sich nahezu alle Charaktere in Klischees. Auch seine Ehefrau Julia (Noemi Steuer, Alp-Traum) rückt zwar im Mittelteil in den Blickpunkt, bleibt als Figur aber blass. Mit Blick auf die begrenzte Spielzeit des Films ist das aber zu verkraften.

Bewertung: 6/10


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