Folge 652
7. Januar 2007
Sender: SWR
Regie: Hartmut Griesmayr
Drehbuch: Felix Huby, Birgit Maiwald
So war der Tatort:
Schwäbisch-serbisch.
Fast alles beim 24. und zugleich vorletzten Einsatz von Hauptkommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck), der einmal mehr auf die Unterstützung von Oberkommissar Günter Gächter (Rüdiger Wandel), Gerichtsmediziner Dr. Bernhard Kocher (Klaus Spürkel) und Kriminaltechniker Schober (Dirk Salomon) setzen kann, dreht sich nämlich um zwei im Ländle sesshaft gewordene Brüder mit serbischem Migrationshintergrund: Milan Popow (Mišel Matičević, Auskreuzung) arbeitet als Wachmann für eine Sicherheitsfirma auf der Großbaustelle der Messe am Stuttgarter Flughafen. Und sein jüngerer Bruder Tom (Urs Fabian Winiger, Romeo und Julia) betreibt gemeinsam mit seiner Freundin Maria Schachner (Margrit Sartorius, Schwarzer Afghane) direkt am Rande dieser Baustelle erfolgreich einen Imbiss, in dem die Bauarbeiter und das Wachpersonal ein- und ausgehen.
Stammautor Felix Huby (Bienzle und der Sizilianer), der sich für sein 22. Bienzle-Drehbuch die Unterstützung von Birgit Maiwald gesichert hat, sorgt also gezielt dafür, dass sich die Wege der Brüder beruflich unmittelbar kreuzen. Und auch Bienzles bessere Hälfte Hannelore Schmiedinger (Rita Russek) kommt in ihrer üblichen Funktion als Sparringspartnerin des Kommissars zu ihrem Recht – diesmal zwar reichlich konstruiert, aber gewinnbringender als im stellenweise nervtötenden Vorgänger Bienzle und der Tod im Weinberg: Hannelore bringt ihre von Bienzle versehentlich beim Versuch eines Heiratsantrags verunreinigte Kleidung in die Wäscherei von Milan Popows schwangerer Frau Kathi (Katja Studt, Was bleibt) und schnappt dort wenig überraschend manches auf, was für Bienzles Ermittlungen wichtig wird.
Die drehen sich in Bienzle und die große Liebe um einen ermordeten Kranführer, dessen Leiche in der Führerkabine aufgefunden wird: Von seinem Arbeitsplatz mit Blick auf die A8 und den Maschinenpark hat der Ermordete offenbar eine pikante Beobachtung gemacht, die ihn nun sein Leben gekostet hat. Weil die Kugel aus Milan Popows Dienstwaffe stammt und auch sein Bruder Tom ein starkes Tatmotiv mitbringt, lernen wir die zwei Serben auch hinter dem Rücken der Kriminalen intensiv kennen. Der Charakterzeichnung ist das dienlich, wenngleich dabei nicht jedes Klischee umschifft und so manches Vorurteil bedient wird – etwa das von trinkfreudigen Völkern auf dem Balkan, wenn Milan seiner Gattin wie selbstverständlich ein Glas Rotwein einschenkt.
Unter Regie von Hartmut Griesmayr (Bienzle und die schöne Lau), der seinen zehnten Bienzle-Tatort inszeniert, entwickelt sich vor der spektakulären Kulisse der Großbaustelle und den imposanten, noch unfertigen Messehallen auf den Fildern ein reizvoller Whodunit, bei dem neben den serbischen Brüdern und ihren deutschen Partnerinnen auch noch zwei, drei andere Personen ins Visier der Kripo geraten – etwa Milan Popows engagierter Chef Paul Rapp (Philipp Moog, Tödliche Tagung) oder Roland Heeb (Jan Messutat, Der Traum von der Au), der Sohn des ermordeten Baugeräteführers. In der für die Stuttgarter Tatort-Folgen typischen, recht gemächlichen Gangart werden Spuren ausgewertet, Verdächtige befragt und die Puzzleteile auf dem Weg zur Auflösung zusammengesetzt. Nicht wirklich aufregend, aber auch selten langweilig.
Im Schlussdrittel geschieht dann aber plötzlich etwas, das in den für ihre Bodenständigkeit und ihre Gemütlichkeit bekannten Krimis aus dem Schwabenland selten zu beobachten ist: Die Filmemacher ziehen die Spannungsschraube deutlich an und wechseln binnen weniger Minuten ins hohe Erzähltempo eines dynamischen Entführungsthrillers, der auf der Zielgeraden kaum noch Zugeständnisse ans Wohlfühlpublikum macht (das sonst vor allem bei den entschleunigenden Momenten mit Bienzle und Hannelore auf seine Kosten kommt). Diesmal geschieht das Gegenteil: Bienzles titelgebende große Liebe gerät in die Fänge eines in die Enge getriebenen Verbrechers und muss von ihrem besorgten Ehemann in spe daraus befreit werden. Ein ähnliches Manöver gab es schon 1995 im soliden Tatort Bienzle und die Feuerwand, wurde darin aber bei weitem nicht so lebensbedrohlich auf die Spitze getrieben.
Dem in den Vorjahren oft harmlos-seichten Krimi aus Stuttgart tut dieses spürbare Mehr an Brisanz sehr gut. Weil wir um die Tatsache wissen, dass Bienzle hier zum vorletzten Mal für die Krimireihe im Einsatz ist, scheint Hannelores Tod im 652. Tatort absolut im Bereich des Möglichen. Bis in die Schlussminuten dürfen wir gemeinsam mit dem aufgebrachten Bienzle um ihr Überleben zittern – ihr Kidnapping und die damit zusammenhängenden Drehbuchkniffe sind (ebenso wie zwei selten dämliche Versteckideen für Geldscheine und DVDs) zwar nicht bis ins Detail glaubwürdig, aber packend arrangiert. Bienzles mehrfach verschobener Heiratsantrag, eine Art Running Gag und Auslöser für ein amüsantes Besäufnis mit Gächter, ist da zum Glück schon so gut wie auserzählt und bremst das Geschehen nicht mehr nachhaltig aus.
Nur einer wirkt in diesem vor allem auf der Zielgeraden mitreißenden Krimi wie ein Fremdkörper: Bienzles Vermieter Rominger (Walter Schultheiß), der im Vor-Vorgänger Bienzle und der Tod in der Markthalle mit einer Einladung zum Gaisburger-Marsch-Essen für den größten Lacher des Films sorgte, scheint irgendwie auch noch ins Drehbuch gequetscht werden zu müssen und hat es sich diesmal zur Aufgabe gemacht, Bienzle und Hannelore seine Vorstellung vom richtigen Glauben zu indoktrinieren. Bis zum Schluss bleibt rätselhaft, was diese Szenen bezwecken sollen. Die wertvolle Kamerazeit wäre anderswo besser investiert gewesen: Die einst kontrovers geführte Debatte um den Umzug der Messe Stuttgart vom zentral gelegenen Killesberg nach Leinfelden-Echterdingen etwa streift der Film nur am Rande.
Bewertung: 7/10


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