Bild: WDR/Thomas Kost

Abstellgleis

Folge 1298

30. März 2025

Sender: WDR

Regie: Torsten C. Fischer

Drehbuch: Jürgen Werner

So war der Tatort:

Wie eine Vollbremsung auf freier Strecke.

Schon seit seiner ersten Station Alter Ego lässt sich der Tatort aus Dortmund mit einer Zugfahrt vergleichen: Unterwegs einzusteigen ist schwer, weil sich der WDR im Ruhrpott das serielle Erzählen wie in keiner zweiten Tatort-Stadt auf die Fahnen geschrieben hat und viel Vorwissen beim Publikum voraussetzt. An den Bahnhöfen, den einzelnen Tatort-Folgen, herrscht derweil ein munteres Kommen und Gehen: Während Hauptkommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) als Zugführer die einzige Konstante gibt, verließen Figuren wie Nora Dalay (Aylin Tezel) oder zuletzt Jan Pawlak (Rick Okon) den Zug. Andere nutzten den Zwischenstopp zum Einstieg, so wie Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) und zuletzt Ira Klasnic (Alessija Lause). Diesmal stößt Streifenpolizist Otto Pösken (Malick Bauer, Funkstille) neu dazu.

Gleichzeitig wird in Dortmund mehrgleisig erzählt, weil jede Hauptfigur parallel zum Kriminalfall ihr Päckchen zu tragen hat: Faber musste anfangs den Tod von Frau und Kind verkraften und sich Erzfeind Markus Graf (Florian Bartholomäi) stellen, den er in Monster zur Strecke brachte. Seit dem Tod von Martina Bönisch (Anna Schudt) in Liebe mich! ficht er nun eine Dauerfehde mit SpuSi-Leiter Sebastian Haller (Tilman Strauß) aus, den er für ihren Tod verantwortlich macht. Herzog holt derweil die RAF-Vergangenheit ihrer Mutter Susanne Bütow (Esther Zschieschow) ein. Regelmäßig teilen sich in Dortmund die Schienen und führen früher oder später wieder zusammen. Diesmal allerdings landen Faber und Herzog auf dem Abstellgleis.

Denn so wie ein Personenschaden eine Zugfahrt jäh stoppt und den Fahrplan aus dem Tritt bringt, zwingt ein solcher auch die Fahrt im 1298. Tatort zum außerplanmäßigen Halt: Erst stirbt eine Frau bei einer Fahrerflucht, dann – Achtung, Spoiler – liegt der egomanische Haller plötzlich erstochen in seiner Wohnung. Faber ist der Hauptverdächtige, Herzog hat ebenfalls ein Motiv. Und ausgerechnet Düsseldorf-Rückkehrer Daniel Kossik (Stefan Konarske), der im Tatort-Meilenstein Sturm lebensbedrohlich verletzt wurde und aus Fabers damals vierköpfigem Team zum LKA in die Landeshauptstadt abwanderte, wird auf Wunsch der unterkühlten Klasnic mit den internen Ermittlungen betraut, um den Zug nicht entgleisen zu lassen.


HERZOG:
Sie können nicht ernsthaft davon ausgehen, dass Faber ein Mörder ist.

KLASNIC:
Faber wurde kurz vor der Tat von Haller gedemütigt: Motiv. Faber macht Haller für Frau Bönischs Tod verantwortlich: Motiv. Fabers DNA wurde an Hallers Kleidung gefunden: Beweis.

Einen oder gar zwei Kriminalisten selbst unter Mordverdacht geraten zu lassen, ist keine sonderlich innovative Idee von Drehbuchautor Jürgen Werner (Cash), der schon zahlreiche Vorgänger aus Dortmund schrieb – aber sie wird im Falle von Faber & Co. deutlich sauberer vorbereitet als in vielen anderen Tatort-Städten, in denen solche Handlungskniffe in neunzig Minuten abgespult werden, um die Spannung künstlich zu verstärken. Schon im emotionalen Vorgänger Made in China kam es zwischen Faber und Haller zum offenen Eklat, eine weitere Eskalation dieser Lage war nur eine Frage der Zeit, zumal sich die beiden auch diesmal pausenlos angiften, als Haller noch unter den Lebenden weilt.

Nun ist die Eskalation da und bietet die Steilvorlage für einen mitreißenden Whodunit: Faber, dem wir die blutige Tat trotz erdrückender Indizienlast nicht zutrauen, taucht unter und legt sich ein neues Auto und Outfit zu. Herzog bleibt vorerst im Dienst und versorgt ihn ebenso wie Dr. Greta Leitner (Sybille Schedwill) mit Informationen. Die Rechtsmedizinerin spielt diesmal ebenfalls eine wichtigere Rolle als sonst und muss in ihrem Tatort-Waggon einen neuen Mitfahrer begrüßen, der ihr den Sitzplatz streitig machen und sie am liebsten aus dem Abteil schmeißen würde: Magnus Gabor (Stefan Haschke, Kollaps) hat es auf ihren Posten abgesehen und fällt ihr schon bald in den Rücken.

Auch der vorprogrammierte Konflikt zwischen Rückkehrer Kossik und seinem früheren Chef bietet Sprengstoff – gleichzeitig aber auch die Gelegenheit, hämische Sticheleien und humorvolle Momente einzustreuen. Der denkwürdigste dieser Tatort-Folge unter Regie von Torsten C. Fischer (Diesmal ist es anders) ist Fabers hektisch verrichtete Notdurft in einem Coffee-to-go-Pappbecher. Einer der spannendsten Sequenzen hingegen wird einleitend vorweggenommen: Abstellgleis startet mit einem zunächst rätselhaften, dadurch aber besonders reizvollen Prolog, der nach einer halben Stunde aufgegriffen und aufgelöst wird.

Zur Auflösung der Fahrerflucht wiederum bleibt wenig Zeit, was dem Unterhaltungswert des erstklassigen Krimis keinen Abbruch tut: Mit dem albanischen Galeristen Lorik Duka (Kasem Hoxha, Pyramide) gibt es nur einen echten Tatverdächtigen. Dennoch zaubern die Filmschaffenden einen tollen Twist aus dem Hut, den das Gros des Publikums erst spät kommen sehen dürfte. Langweilig wird es keine Sekunde, auch weil die Figuren eine enorme Tiefe mitbringen, die den Vergleich mit modernen Streaming-Formaten nicht scheuen müssen. Gleichzeitig stellt das Drehbuch die Weichen, um die Spannung auch in Zukunft hoch zu halten: Man darf jetzt schon gespannt sein, wo die Reise im nächsten Faber-Tatort hingeht.

Bewertung: 8/10


Kommentare

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16 Antworten zu „Abstellgleis“

  1. Avatar von Tatortfan
    Tatortfan

    !!! Einer der besten Tatorte den ich je gesehen habe !!! Klare 10 von 10 Pkt.

  2. Sehr spannend bis zum Schluss. Sehr überzeugend! Das riecht nach einer Fortsetzung, denn jeder von uns will wissen, wie es mit Faber und Herzog weitergeht. Es bleibt wirklich spannend…
    Kossik ist in den letzten 8 Jahren sehr alt geworden, ich habe ihn kaum noch erkannt. Leider ist er noch viel unsympathischer geworden. Faber und Herzog sind ein tolles Team. Ich mag die beiden sehr.

  3. Avatar von Raimondo

    War extrem spannend. Woran erkennt man einen guten Tatort? Wenn sogar die Internet-Trolle vergessen, ihre GEZ-Gebühren zurückzufordern und weder Autoren noch Schauspieler persönlich beleidigen.

  4. War mal wieder richtig gut 👍 dortmund geht immer, keine Langeweile

  5. Nach langer, langer Zeit endlich wieder ein Klassetatort. Hat wirklich Spass gemacht, diesen Tatort anzuschauen. Interressante Story und sehr tief gehende Schauspielkunst der Darsteller.

  6. Bester Tatort seit langem, Danke Faber.
    Letzte Woche war Horror Szenario…

  7. Zuerst dachte ich, endlich ein guter, spannender Tatort. Aber zum Schluß sind wir wirklich auf dem Abstellgleis gelandet. Ganz schnell zum verwirrenden Ende kommen, bevor Tagesthemen beginnen. Der zweite Teil wird erst im Sommer gedreht, und wenn wir Glück haben, in einem Jahr ausgestrahlt. Bis dahin haben wir alles vergessen.

  8. Avatar von Diemudo

    Ich könnte mich im Schwall übergeben 🤮 Der Dortmunder Tatort wird immer schlechter. Wo ist der gute alte Faber der seinen Frust mit dem Baseballschläger an Autowracks abreagiert? Und bitte, bitte lieber Tatortmacher erlöst uns von Ira Klasnic !! Einfach nur nerviger Charakter.

  9. Avatar von Anke Schmitt
    Anke Schmitt

    … wieder ein sehr gut inzinierter und spannender Dortmund Tatort. Bis zur Auflösung spannend – von uns gibt es klar 10 von 10 !

  10. Das war Wiedergutmachung für den katastrophalen Tatort der letzten Woche. Guter Spannungsbogen und spannende Story.

  11. Diese Kritik kann ich so unterschreiben. Nach der Vollkatastrophe letzte Woche liefert das Dortmunder Team einmal mehr überzeugend ab. „Abstellgleis“ ist spannend und wendungsreich, lässt aber auch skurrile Momente mit Faber nicht missen. Horizontale Erzählstränge werden hier vorbildlich mit dem aktuellen Fall verbunden. Viele andere Teams (zuletzt etwa Dresden) können viel davon lernen: So wirkt die Involvierung eines Ermittlers nicht gezwungen!

    Dass man dabei auf Vorwissen zurückgreifen muss, das aus mehrere Jahre zurückliegenden Fällen stammt, ist typisch für Dortmund – hier wären Hilfestellungen durch Rückblenden wünschenswert.

    Einziger Wermutstropfen in diesem tollen Krimi ist die etwas vorhersehbare Auflösung. Aber es gibt genug pfiffige Wendungen, um das auszugleichen.

    Auch für die Zukunft sind die Weichen perfekt gestellt. Ich freue mich jetzt schon darauf zu sehen, wie es weiter geht. Das liegt v.a. an den tollen neuen Figuren. Der neue Polizist ist sympathisch, man weiß aber nicht so richtig, woran man ist. Dass man Kossik zurückgeholt hat, ist super! Und Klasnic birgt wohl einige Geheimnisse. Herzog und Faber sind immer wieder klasse.

    Den 8/10 Punkten stimme ich zu. Tolle Unterhaltung, danke!

  12. Avatar von Folkert Ubben
    Folkert Ubben

    Man muss Faber’s Geschichte im Tatort kennen. Er hat schon viele überlebt. So jetzt auch Haller. Für mich ist der Tatort aus Dortmund noch einer der besten. 9 von 10 Punkte für diesen Tatort.

    1. Avatar von Albrecht Thiel
      Albrecht Thiel

      Bitte kein Deppenapostroph!

      1. Laut Duden neuerdings möglich.

  13. Danke, Faber. Ein guter Tatort!

  14. … auf Faber ist halt Verlass!
    8 von 10 Punkten

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