Folge 1325
11. Januar 2026
Sender: WDR
Regie: Torsten C. Fischer
Drehbuch: Wolfgang Stauch
So war der Tatort:
Stimmgewaltig.
Die Schöpfung spielt nämlich – der Krimititel legt es nahe – in den laufenden Proben zu Josef Haydns gleichnamigem Oratorium und wurde auf der Großbaustelle der Kölner Oper und in der Interimsspielstätte des StaatenHauses in Deutz gedreht. Dort wird auf der Bühne gesungen und geschmettert, was das Zeug hält – und hinter den Kulissen gleich doppelt gemordet. Die Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) müssen bei ihrem 94. gemeinsamen Einsatz einen Serienmörder überführen, der neben Rüstmeisterin Elli Zander (Ines Lutzes) auch den exzentrischen Schuhmacher und Heavy-Metal-Fan Wilhelm „Willi“ Köpke (Aljoscha Stadelmann, Liebeswut) ins Jenseits befördert und im Opernhaus für jedermann sichtbar drapiert. Das Phantom der Oper?
Man könnte es meinen, denn nach Leiche Nr. 1 und Nr. 2, die nicht die letzten bleiben, taucht in den gigantischen Hallen der Großbaustelle tatsächlich eine maskierte Gestalt auf. Vor den verdutzten Augen der Kriminalisten taucht sie im allgemeinen Bau- und Operntrubel aber auch unerkannt wieder unter. Dieser Mikrokosmos mit seinen endlosen Arrangements aus Gerüsten, Hebebühnen, Wendeltreppen und Traversen kommt für Ortsunkundige einem Irrgarten aus Stahl und Beton gleich: Schon rein optisch ein außergewöhnliches Setting, mit dem sich der im Künstlermilieu und fast ausschließlich im Gebäude spielende Tatort angenehm von vielen 08/15-Produktionen der letzten Kölner Jahre abhebt. Aber überzeugt er auch als Whodunit?
Durchaus, wenngleich er nahezu in die gleiche Kerbe schlägt wie der gerade einmal 16 Tage zuvor ausgestrahlte Weihnachtstatort 2025: Ähnlich wie in Das Verlangen, in dem die Münchner Kollegen Batic und Leitmayr im laufenden Betrieb des Residenztheaters und während der Aufführung von Anton Tschechows „Die Möwe“ einen Giftmörder suchen, taucht der Film ins Haifischbecken der Bühnenbranche ein. Und spart dabei nicht mit süffisanten Seitenhieben auf abgehobene Künstler, geduldeten Drogenkonsum unter Stars oder die Unterbezahlung der Menschen, die nicht ganz vorne im Rampenlicht stehen: Elektrikerin und „Multitool“ Eva Krüger (Katja Bürkle, Made in China) etwa schaltet bei ihrer Befragung direkt in den Sarkasmus – auch, was die Standardfragen von Tatort-Ermittlern angeht.
Der zitierte Dialog ist nur eines von zahlreichen Beispielen, wie genüsslich Drehbuchautor Wolfgang Stauch (Diesmal ist es anders) das Opernmilieu auf die Schippe nimmt. Da dürfen die entsprechenden Klischees nicht fehlen: Da gibt es neben der für den Betrieb unverzichtbaren Allzweckwaffe Krüger etwa den eitlen Intendanten Darius Henning (Stephan Grossmann, Ein paar Worte nach Mitternacht), der natürlich nur einen Bruchteil der Mitarbeitenden persönlich kennt, oder Maskenbildnerin Britt Maier (Bettina Engelhardt, Der Fall Reinhardt), die als Beichtmutter über jeglichen Tratsch am besten Bescheid weiß und dem empörten Schenk seinen heiligen Kinnbart stutzen will („Ich hab nicht vor, moderner zu wirken!“).
In der zweiten Krimihälfte löst sich Die Schöpfung aber zunehmend von diesen kurzweiligen, mit viel Wortwitz gespickten Frage-und-Antwort-Spielen und gönnt sich einen längeren Exkurs: Die beiden Mordopfer hatten heimlich mit der alkoholkranken Sopranistin Valerie Schmitt (Hannah Schiller, Parasomnia) und dem verschwundenen Countertenor David Deycks (Marcel Jacqueline Gisdol) eine Heavy-Metal-Oper geprobt. Für Opernbanausen sind diese minutenlangen Proben im Kostüm eine anstrengende Geduldsprobe, die aber eine wichtige Rolle für die Auflösung der Täterfrage spielt – also Ohren zu und durch. Auch hier ist die inhaltliche Nähe zum fast zeitgleich gedrehten und kurz zuvor ausgestrahlten Münchner Tatort Das Verlangen ärgerlich, dem Film vorwerfen kann man sie freilich nicht.
Auch beim Cast gibt sich der 1325. Tatort keine Blöße: Neben der charismatischen Katja Bürkle, die die vielschichtigste und dankbarste Rolle des Opernkrimis schultert, spielen sich vor allem Stephan Grossmann und Hannah Schiller in den Vordergrund. Letztere ist aber Gefangene ihrer eindimensionalen Rolle, bei der die Filmschaffenden um Regisseur Torsten C. Fischer (Erika Mustermann) ein im Kölner Tatort häufig zu beobachtendes Zaunpfahl-Stilmittel anwenden: Es wird äußerst dick aufgetragen und oft wiederholt. Die junge Sängerin muss pausenlos Wodkafläschchen am Büdchen kaufen, in ihren Spind stellen oder im Spülkasten verstecken – dass die in den Chor versetzte Sopranistin ein Alkoholproblem hat, haben wir doch längst begriffen.
Auch das altgediente, nach wie vor ungemein beliebte Ermittlerduo, das im Präsidium sehr intensiv von Oberkommissar Norbert Jütte (Roland Riebeling) und KTU-Leiterin Natalie Förster (Tinka Fürst) unterstützt wird, bläst am Ende ins selbe Horn: Da stehen Ballauf und Schenk nach der Verhaftung des Mörders vorm Opernhaus und blicken gedankenverloren auf das „Die Schöpfung“-Plakat, um anschließend noch ihr Wort zum Sonntag zu sprechen. Plakativer kann man es kaum erzählen, eine nahezu identische Szene ließ sich zudem bereits in der Schlussminute des kitschigen Vor-Vorgängers Restschuld beobachten. Dafür beschränkt sich das für Köln fast obligatorische Zeitlupenfinale erfreulicherweise auf wenige Sekunden und kommt ohne schmalzige Popmusik aus. Die hätte auch so gar nicht ins Opernhaus gepasst.
Bewertung: 6/10
Drehspiegel: So geht es im Kölner Tatort weiter
Sehr ähnlich: So war der Münchner Tatort „Das Verlangen“
Ausblick: Dieser Tatort läuft am nächsten Sonntag


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