Folge 1326
18. Januar 2026
Sender: SWR
Regie: Friederike Jehn
Drehbuch: Wolfgang Stauch
So war der Tatort:
Paartherapeutisch.
Das klug betitelte Krimidrama Ex-It fühlt sich nämlich an wie eine 90-minütige Paartherapie – mit den Stuttgarter Hauptkommissaren Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) als Therapeuten sowie einem Ex-It-Girl und ihrem Ex-Manager, aber Noch-Ehemann als Paar. Die zweifache Mutter Bonnie „Pony“ Hübner (Kim Riedle, Das Opfer) war einst ein deutsches Pendant zu Paris Hilton, das egozentrische, bekennende Arschloch Stefan Hübner (Hans Löw, Katz und Maus) ihr „Victor Frankenstein“: Er hat sie nicht nur geheiratet, sondern bekannt gemacht und ihre Social-Media-Accounts und PR-Angelegenheiten geregelt.
Diese Zeiten sind lange vorbei. Stefan hat Ponys Accounts nach einem Zerwürfnis gelöscht, und ohne sein Management bekommt sie in der neuen Influencer-Welt kein Bein auf den Boden. Das öffentliche Interesse an Pony scheint erloschen, was sich nach der rätselhaften Ouvertüre dieser Tatort-Folge schlagartig ändert: Pony fährt mit ihren zwei Kindern durch den Stuttgarter Nachtregen, parkt ihren SUV am Straßenrand, weil sie Zigaretten an einem Kiosk kaufen will – und steht wenige Augenblicke später durchnässt auf dem Polizeipräsidium. Man habe ihr Auto mitsamt den Kindern gestohlen. Kurz darauf wird der Wagen aus dem Neckar gezogen, ihre kleine Tochter ist tot, ihr Sohn Hugo (Yvon Moltzen, Nicht als die Wahrheit) verschwunden.
Fortan werden Lannert und Bootz, die neben Rechtsmediziner Dr. Vogt (Jürgen Hartmann) auch auf die Unterstützung der mit reichlich Kamerazeit gesegneten Kommissarin Miray Müller (Zeynep Bozbay) setzen, so etwas wie Stammgäste in der über 400 Quadratmeter großen Villa der Hübners: Als der Vorfall Schlagzeilen macht, melden sich reihenweise Erpresser mit ihren Forderungen, wenngleich die meisten Trittbrettfahrer sind. Müller, Lannert und Bootz müssen echte von falschen Schreiben trennen, können sich aber bis in die Schlussminuten des Films nie sicher sein, was am Neckarufer geschah und ob Hugo entführt wurde oder ertrank.
Uns geht es da anders, denn wer nicht zum ersten Mal einen Tatort schaut, genießt gegenüber dem Ermittlertrio einen erheblichen Wissensvorsprung: Weil außer den Hübners allein Ponys Schwester Pat Wagner (Anne Haug, Trotzdem) und deren Lebensgefährte Eckhard „Echse“ Bayer (David Zimmerschied, Sonnenwende) Besuch von der Kripo erhalten, ist früh klar, wo der Hase in diesem Krimi hinläuft. Das erstickt die Spannung im Keim, schließlich soll Ex-It rund eine Stunde lang vor allem die Antwort auf die Frage nach Hugos Schicksal vorantreiben. Mehr als eine Kinderleiche ist auf dem Sendeplatz aber kaum zumutbar und sein Aufenthaltsort offensichtlich. Allein Ponys Rolle beim Verschwinden des Jungen bleibt rätselhaft.
Und so werden sie vorstellig, die Kommissare, nicht einmal, nicht zweimal, sondern immer wieder: Sie tauchen ein in das (frühere) Leben eines It-Girls, in die Einsamkeit im Glamour, das Fehlen von Freundinnen, das beinharte Business. Und sie fühlen Ponys einflussreichem Mann auf den Zahn, der genau weiß, welche Knöpfe er für Skandale drücken muss. Drehbuchautor Wolfgang Stauch, der auch die Geschichte zum Vorgänger Die Schöpfung schrieb, geizt nicht mit herrlichen Seitenhieben auf die Reality-Scheinwelt und die sozialen Medien, in denen sich auch die Krimireihe selbst jede Woche aufs Neue dem vermeintlichen Abgesang stellen muss.
Neben der flachen Spannungskurve, die erst in der Schlussviertelstunde ausschlägt, wirkt in diesem Film aber vieles so künstlich wie die meisten It-Girls selbst. Etwa das Haus der Hübners: Weder kauft man der entrückt wirkenden Pony und dem unsympathischen Stefan eine bestehende oder verflossene Zuneigung ab, noch die Elternschaft zweier Kinder. Ihre eigenwillig eingerichtete Villa auf dem Killesberg (gedreht wurde in der Architektenvilla an der Alten Weinsteige) – von einem plakativ ins Bild gerückten Flamingo-Schwimmreifen am Pool abgesehen – sieht in keiner Einstellung so aus, als hätten hier bis vor kurzem zwei Kinder gewohnt. Spielzeug oder Familienfotos existieren ebenso wenig wie Kinderzimmer. Um ihre tote Tochter trauern die Hübners kaum, die Sorge um Hugo hält sich seltsam in Grenzen.
Man hätte den 1326. Tatort als packenden Entführungsthriller erzählen können, in dem die Kripo alles für die Rettung des gekidnappten Kindes tun muss, doch unter Regie von Friederike Jehn (Du allein) ist der Schwerpunkt ein anderer. Ex-It ist eher ein Psychogramm als ein Thriller, eher ein Beziehungsdrama als ein Whodunit. Wirklich mitreißen tut der Tatort selten. Die Hübners taugen ebenso wenig als Identifikationsfiguren wie Ponys Schwester oder gar ihr nicht zufällig als Straßenbauer tätiger Partner. Lannert und Bootz agieren unaufgeregt, fast gelangweilt. Sie ordnen die Dinge routiniert ein und hinterfragen sie, aber aus der Reserve lockt das Drama sie nicht. Da können die Komparsen im Präsidium noch so eifrig in die Tasten tippen und Akten studieren: Hier steht niemand unter Strom.
Ex-It krankt an einigen Stellen, im Vergleich zu jüngeren Stuttgarter Highlights wie Verblendung oder Vergebung kann das gefühlte Vier-Personen-Stück daher nicht mithalten. In Erinnerung bleibt vor allem der überragende Auftritt von Kim Riedle, die ihre schauspielerische Klasse von Beginn an in die Waagschale wirft. Die geringe Dynamik und die fehlende Authentizität fängt das unterm Strich aber nicht auf.
Bewertung: 5/10
Drehspiegel: So geht es im Stuttgarter Tatort weiter
Ausblick: Dieser Tatort läuft am nächsten Sonntag
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