Folge 1329
8. Februar 2026
Sender: SR
Regie: Luzie Loose
Drehbuch: Daniela Baumgärtl, Kim Zimmermann
So war der Tatort:
Katholisch-hugenottisch.
Und das birgt gewaltigen Zündstoff, denn in Das Böse in Dir – dem siebten Fall für das Ermittlerquartett um Adam Schürk (Daniel Sträßer), Leo Hölzer (Vladimir Burlakov), Pia Heinrich (Ines Marie Westernströer) und Esther Baumann (Brigitte Urhausen) – treffen im deutsch-französischen Grenzgebiet zwei Sippschaften aufeinander, die sich seit Jahrzehnten Spinnefeind sind. Die katholischen Feidts und die hugenottischen Louis bilden in diesem Tatort, der zu großen Teilen in Baumanns fiktivem Heimatdorf Hohenweiler spielt, das Pendant zu den Montagues und den Capulets im Shakespeare-Klassiker Romeo und Julia.
Auch im emotional aufgeladenen Dorfkrimi aus der strukturschwachen saarländischen Provinz, deren Steinkohle-Historie auch in Das schwarze Grab von 2008 thematisiert wurde, ist eine tragische Liebe mit Todesfolge das Herzstück und der Antriebsmotor des Films. Einst hatten sich die junge Becky Feidt und die gleichaltrige Claire Louis (Carolin Wege) allen Vorbehalten ihrer Familien zum Trotz ineinander verliebt. Doch bei einem heimlichen Treffen stürzte Becky auf einen Stein und verstarb. Ihr Ableben ist gleichzeitig der indirekte Auslöser für einen kaltblütigen Mord im Hier und Jetzt: Beckys Vater Emil (Marcus Hartmann) glaubte nicht an einen Unfall, stellte Nachforschungen zum Tod seiner Tochter an und liegt nun selbst erstochen im Wald. Wusste er zu viel?
Während das Drehbuch von Daniela Baumgärtl und Kim Zimmermann, die bereits den Bremer Tatort Stille Nacht konzipierten, den Beinahe-Tod von Leo Hölzer nach der Detonation im soliden Vorgänger Das Ende der Nacht trotz des damaligen Aufschreis seiner Fangemeinde überraschend kurz abhandelt, entpuppt sich Das Böse in Dir schnell als Fall, der der bisher kaum mit einem Background ausgestatteten Ermittlerin Esther Baumann einen solchen verpasst. Schon bei der Tatortbegehung bleibt sie im Wagen, wirkt angefasst und mitgenommen von allem, was sich in Hohenweiler abspielt. Kein Wunder: Baumann räumt irgendwann ein, eine gebürtige Louis zu sein, was die Ermittlungen unter Feidts nicht gerade erleichtert.
Engstirnige und paranoide Dorfgemeinschaften, wie sie dieser Saar-Tatort illustriert, kennen wir in der Krimireihe zur Genüge, vor allem aus den niedersächsischen Folgen mit Charlotte Lindholm (vgl. Lastrumer Mischung oder Hexentanz). Zuletzt waren sie auch im Schwarzwald-Tatort Sonnenwende oder im Stuttgarter Tatort Lass sie gehen zu beobachten. Wenngleich die Uhren auf dem Land bisweilen anders ticken, halten solche übertrieben rückständig und feindselig gezeichneten Menschen einem Realitätsabgleich im Jahr 2026 aber immer seltener stand. Und damit hat auch dieser Krimi ein großes Problem: Land und Leute lesen sich stark überzeichnet, ihr mittelalterliches Gebaren oft aus der Zeit gefallen. Und überhaupt fragt man sich schnell, wer in einer solchen Gegend freiwillig wohnen will.
Der Besuch der drei Kriminalisten – Pia Heinrich, die immer noch an der Entführung ihrer Schwester zu knapsen hat, hält im Präsidium die Stellung – wirkt hier so, als würden Baumann, Hölzer und Schürk nicht nur fix raus aus der Großstadt, sondern in eine andere Welt fahren: Zu arbeiten scheinen vor allem Schreinermeister Michel Louis (Gerhard Liebmann, Trotzdem) und seine Auszubildende Claire. Alle anderen Einheimischen sitzen rauchend, trinkend und pöbelnd in der Dorfkneipe, nur darauf wartend, sich wieder an die Gurgel zu springen. Die Kneipe betreibt, der Zufall will es, Baumanns Schulfreund Clemens Scherf (Fabian Stumm, Die Kalten und die Toten): Er ist ebenso wie seine Frau Katja (Franziska Wulf) in der Provinz hängengeblieben und bezeichnet sich zwischen den Fronten als neutrale „Schweiz“.
Parallel zu den mit reichlich Klischees durchsetzten Nachforschungen in der Gegenwart schlägt der auch akustisch anstrengende Film unter Regie von Luzie Loose, die bereits den bisher besten Schürk-und-Hölzer-Tatort Das Herz der Schlange inszenierte, regelmäßig die Brücke in die Vergangenheit: Wir sehen zwei junge Frauen beim Turteln und Küssen im Wald, sind aber bis auf die Zielgeraden auf einer falschen Fährte, was diese Liaison angeht. Dass es sich bei den jungen Frauen nicht um Becky und Claire handelt, dürfte nicht wenige Zuschauer verwirren – ein unnötig irreführendes Manöver, das sich auch einfacher hätte erzählen lassen.
Ansonsten ist es das Schlussviertel, in dem das Das Böse in Dir fast in die unfreiwillige Komik abstürzt: Der Begegnung mit Baumanns schrägem Bruder Sven (Robert Nickisch, Diesmal ist es anders) folgt ein an Zombiefilme erinnerndes Finale, bei dem sich die Gejagten verbarrikadieren, während draußen der Mob tobt – solchen Anleihen gingen bereits in Böser Boden oder Die große Angst gehörig schief und tragen auch nicht zur Bodenständigkeit des Films bei. Der Negativtrend im Saar-Tatort, der mit Das fleißige Lieschen, Der Herr des Waldes und Das Herz der Schlange so überzeugend loslegte, bestätigt sich damit: Es fehlt inzwischen nicht nur an einer mitreißenden Backstory, sondern an überzeugenden Drehbüchern und Nebenfiguren.
Bewertung: 4/10
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Ausblick: Dieser Krimi läuft am nächsten Sonntag
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